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Direktorin Barbara Steiner – vom Kunsthaus geht’s ans Bauhaus …


Was können wir gemeinsam erreichen? Diese für die Direktion (2016‒2021) von Barbara Steiner wegweisende und durchaus sowohl politische wie auch institutionelle Frage stellten bereits Koki Tanakas Provisorische Studien 2017. Auch die prozesshafte VIP´s Union von Haegue Yang, die Sitzgelegenheiten von für das Kunsthaus bedeutenden Grazer*innen sammelte, widmete sich der Idee des Netzwerks und des gemeinsamen Schaffens. Dieses Projekt bezog nicht nur fast das ganze Team, sondern auch über 100 Grazer*innen mit ein. Überhaupt zeichnete sich Barbara Steiners Ansatz, die Institution ab 2017 einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, immer wieder durch Blicke auf Zusammenarbeit und Gemeinschaft aus. So wie etwa die Ausstellung Graz Architektur rund um Architekten der Grazer Schule, die mit ihrer Architektur den Ansatz verfolgten, Gesellschaft aktiv mitzugestalten, und auch den Boden für den Bau des Kunsthauses bereiteten. Auch viele Kooperationsprojekte haben das Programm von Barbara Steiner ausgemacht.

Das größte davon war mit Sicherheit die im Kunsthaus und dem KULTUM ‒ Kulturzentrum bei den Minoriten gezeigte Ausstellung Glaube, Liebe, Hoffnung (2018). Eine kritische Bestandsaufnahme des Verhältnisses von Religion, Gegenwartskunst und Gesellschaft zum 800-Jahr-Jubiläum der Diözese Graz Seckau, die von der Diözese, der Stadt Graz und dem Land Steiermark gleichermaßen getragen wurde. Die 2019 gezeigte Schau KUNST ⇆ HANDWERK widmete sich dem Handwerklichen als Prozess des Lernens neuer und alter Technologien. Gerade dieser Ansatz, der den stetigen Widerstreit zwischen Kunst und Handwerk als produktives künstlerisches Instrument zeigte, eröffnete ebenso wie die 2020 gezeigte Schau Wo Kunst geschehen kann. Die frühen Jahre des CalArts die Frage nach dem Tun, dem Lernen und Schaffen im Kollektiv. Dass das Leben in Gemeinschaft auch zu Regularien, Konstrukten und Grenzziehungen führt, die es zu hinterfragen lohnt, zeigten Projekte wie Oliver Resslers provokant aus der Needle in die Stadt strahlende Frage What is Democracy? oder auch die beiden im Moment laufenden Ausstellungen von Helmut & Johanna Kandl und SUPERFLEX. Wenn wir über das gemeinsame Handeln reden, ist auch die STEIERMARK SCHAU 2021 mit der Kunsthaus-Ausstellung Von der Zukunft zu den Zukünften zu nennen. Hier waren wir bereits im Team der Recherchierenden mehr als 12 Personen. Kuratiert haben wir zu dritt, ausgestellt und eine Stimme erhalten haben sogar fast 200 Projekte und Werke. Ja, die Projekte mit Barbara Steiner waren durchaus herausfordernd … aber auf die Frage, was wir alles gemeinsam erreichen können, kann eine klare Antwort gegeben werden: viel!

Im Namen des gesamten Teams des Kunsthauses Graz bedanke ich mich bei Barbara Steiner für die letzten fünf Jahre. Ihre Offenheit und Diskursbereitschaft, ihre Neugier und ihr ansteckender Enthusiasmus, aber eben auch ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit haben sich nicht nur in reiche Projekte übersetzt, sondern uns alle geprägt.

Wunderbarerweise setzt sich das Arbeiten mit Barbara Steiner ja noch eine Weile fort: Wir werden uns bei den kommenden Eröffnungen wiedersehen, noch zwei Ausstellungen gemeinsam machen und auch Kooperationen mit dem Bauhaus in Dessau stehen an.

Auf bald also, liebe Barbara! Hier oder dort.

Katrin Bucher Trantow
Interimistische Leitung, Kunsthaus Graz
 


 

Foto: © Stefan Emsenhuber

Das Kunsthaus Graz gedenkt Anton Herbert (1938-2021)

 

Anton und Annick Herbert haben gemeinsam „eine der bedeutendsten Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst in Europa“ aufgebaut, sie immer wieder in öffentlichen Häusern gezeigt und die von ihnen gesammelten Kunstwerke als Dokumente des Denkens und Schaffens einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ihre außergewöhnliche Sammlung von Minimal Art und Konzeptkunst haben sie 2013 unweit ihres Wohnhauses in Gent als Herbert Foundation für das Publikum geöffnet. Eine ehemalige Industriehalle dient seither als Ausstellungs- und Forschungsquartier.

Foto: © Peter Pakesch

2006 haben Anton und Annick Herbert, die Peter Pakesch aus seiner Galeriezeit kannten und schätzten, gemeinsam mit ihm und mir ihre Sammlung als Ausstellung im Kunsthaus Graz „inventarisiert“. Der Begriff Inventur war ebenso bescheiden und ernst wie schelmisch-provokativ gemeint. Arbeiten von Giovanni Anselmo, Daniel Buren, Hanne Darboven, Dan Graham bis Gerhard Richter und Lawrence Weiner, die schon damals auch am Kunstmarkt teilweise unglaubliche Preise erzielten, wurden auch tatsächlich einfach aus ihrem Depot herausgeholt, aufgebaut, kontrolliert und – im Sinne der Arbeiten ‒ möglichst schnörkellos verortet. Dass die Präsentation auch wirklich schnörkellos blieb, hatte der jüngste Künstler aus der Sammlung, Heimo Zobernig, mitzuverantworten. Von Anton und Annick Herbert habe ich gelernt, dass jede Sammlung ein Konzept haben sollte. Ihres war, die beste und möglichst vollständigste Sammlung von Konzeptkunst und Minimal Art zusammenzustellen. Tief sollte die Sammlung werden, nicht breit. Sie umspannt eine Generation – ca. 30 Jahre ‒, weil dies die Zeit des Sammlerpaares war und die beiden somit sicher sein konnten, sie auch beurteilen zu können. Die Herberts haben für das tiefe Verständnis ihrer Sammlung Archivmaterialien wie Korrespondenzen, Kataloge, Flyer und Dokumentationen konsequent mitgesammelt. Jeder Atelierbesuch, Galerien- und Eröffnungsflyer trägt heute zum Bild einer Zeit und ihrer Werke bei. Und es scheint bis heute, dass gerade die immer tiefergehende Forschung es schafft, die Arbeiten, die nach Anton Herbert „im Kopf und nicht in der Tasche etwas herstellen sollten“, lebendig zu halten.

Mit Anton Herbert ist nun ein großartiger und großzügiger Sammler am 7. Dezember 2021, nur einige Tage nach seinem Freund Lawrence Weiner, gestorben. Die Welt verliert mit ihm einen scharfen Denker, philanthropischen Sammler, herausragenden Unterstützer und herrlich spitzzüngigen Provokateur. Das Abenteuer der „Inventur“ bleibt uns dankend in Erinnerung.

Katrin Bucher Trantow
Dezember, 2021
 


 

Foto: Stefan Emsenhuber

Das Kunsthaus Graz gedenkt Lawrence Weiner (1942‒2021)


Bei Lawrence Weiner wurde Text zur Skulptur. 1968 hat er mit seinem Statement, dass das Kunstwerk produziert, selbst hergestellt oder auch nur gedacht werden kann, einen wesentlichen Grundstein für die Entwicklung amerikanischer Konzeptkunst gelegt. Das Buch, das er dazu im selben Jahr bei Seth Siegelaub in New York in einer heute vollkommen vergriffenen Auflage von 1.000 Stück drucken ließ, bezeichnete er als erfahrbare Ausstellung. Denn im Lesen wurden und werden Weiners Werke präsent.

Auf unzähligen Wänden im öffentlichen und halböffentlichen Raum hat Weiner seither seine Text- und Wortskulpturen geschaffen und dabei, wie er sich bekanntermaßen wünschte, nicht nur den Passant*innen den „Heimweg versaut, sondern so richtig das Leben“ – und ihre Wahrnehmung ‒ auf den Kopf gestellt.

Lawrence Weiner war in Österreich immer wieder präsent, so war er u. a. (einziger männlicher) Teil der Künstlerinnengruppe Die Damen (ab 1992 mit Ona B., Evelyne Egerer, Birgit Jürgenssen), hat den Flakturm in Wien mit der einzigartigen Arbeit Smashed to Pieces… neu erfahrbar gemacht und im Rahmen der von Peter Pakesch und mir kuratierten Ausstellung Inventur. Die Sammlung Anton und Annick Herbert im Kunsthaus Graz auch eine Arbeit aus dieser hochkarätigen belgischen Privatsammlung für einige Monate an das Akademische Gymnasium übertragen. Seine fünf Textzeilen, die in Wittgenstein’scher Manier über Farben und deren verwirrende Beziehung zueinander zu spekulieren schienen, sind vielen vor Ort als bezeichnende Arbeit über das Uneindeutige im Eindeutigen in Erinnerung geblieben. Vom damaligen Direktor des Gymnasiums weiß ich, dass sich die Schüler*innen von der Arbeit herausgefordert fühlten und sie gerne an der Fassade behalten hätten.

Bildergalerie

Das pointierte Sprachgefühl Weiners, der mit seinen grafisch höchst präzisen, auf den Ort inhaltlich und formal perfekt abgestimmten Arbeiten Zeit- und Raumerfahrungen möglich machte, wird uns zum Glück ‒ wenn auch nicht dort, so doch an vielen Orten der Welt ‒ wieder begegnen. Die charmante, großzügige, ungemein schlagfertige und unendlich neugierige Person, die gern mit selbstgedrehter Zigarette und wunderbar radebrechendem Deutsch mit allen, die ihm begegneten, ins Gespräch kam, werden wir hingegen mit Wehmut vermissen.

Herbert Foundation — Lawrence Weiner

Katrin Bucher Trantow
Dezember, 2021
 


 

Ist Auseinandersetzung mit Kunst ein Freizeitspaß?


"Art matters" kann vieles bedeuten: Angelegenheiten der Kunst, mit denen man sich befassen muss ‒ aber es ist auch ein Satz, der besagt, dass Kunst von Bedeutung ist. Kunst bietet eine Reflexionsfläche für Veränderungen und Entwicklungen, sie hat die Fähigkeit, gesellschaftliche Diskurse zu eröffnen, Imaginationen zu befördern. Dies stärkt jene psychische Widerstandskraft, die uns hilft, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen.

Kunst und ihre Institutionen in die Kategorie „Freizeiteinrichtungen“ einzusortieren, unterschätzt ihre gesellschaftliche Dimension. Denn Museen und Ausstellungshäuser sind außerschulische Bildungseinrichtungen, Orte der realen und imaginären Gemeinschaft, des Diskurses und nicht zuletzt auch des Versprechens, dass es weitergeht, gerade dann, wenn diese Vorstellung besonders schwerfällt.

Aufgrund der aktuellen Verordnung der Bundesregierung hat das Kunsthaus Graz vorübergehend geschlossen. Wir haben – wie andere Kunstinstitutionen auch – in den letzten Monaten besonders strenge Covid-19-Schutzmaßnahmen erarbeitet, um Ansteckungen für die Besucher*innen zu vermeiden. Die neuerliche Schließung bedeutet aber nicht nur einen schweren Rückschlag für uns und unsere gut vorbereiteten Mitarbeiter*innen, sondern auch für die Künstler*innen wie Herbert Brandl, Edelgard Gerngross oder Thomas Baumann, deren ort- und zeitspezifische Arbeiten nun wieder hinter verschlossenen Türen verschwinden.

Selbstverständlich ist die Entwicklung der Covid-19-Pandemie besorgniserregend und es steht außer Frage, dass das Kunsthaus Graz sämtliche Maßnahmen solidarisch mitträgt, um die gegenwärtig (zu) hohen Infektionszahlen zu senken. Doch wir sorgen uns, dass Kunst zunehmend als eine harmlose und damit verzichtbare Freizeitbeschäftigung – als „nice to have“ – eingestuft wird. Das unterschätzt das Potenzial von Kunst und Kunstinstitutionen gleichermaßen!

Im Sinne einer breiten Bildung und Teilhabe wünschen wir uns mit Nachdruck, dass Museen und Kunstinstitutionen mit zu den ersten Einrichtungen gehören, die wieder öffnen dürfen, sobald die Maßnahmen gelockert werden!

Barbara Steiner und Katrin Bucher Trantow

November, 2020

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Verschiedene Sichtweisen prallen immer häufiger und auch schneller aufeinander, begleitet von Hass, Häme und Hysterisierung. Einzelne Gruppen und Gruppierungen werden gegeneinander ausgespielt. Verloren gegangen ist der öffentliche Diskurs, das Miteinander-Sprechen, die Bereitschaft, einander zuzuhören und gemeinsam Wege für gesellschaftliche Herausforderungen zu finden.

Wir haben uns der Initiative „Wir sind viele ...“ angeschlossen, weil wir davon überzeugt sind, dass es eine neue Kultur des Miteinanders braucht. Deshalb hat das Kunsthaus Graz die Erklärung der Vielen in der Republik Österreich unterzeichnet.

Weitere Informationen finden Sie unter www.dievielen.at und auch auf der dazugehörigen Facebook-Seite.


#dievielen_at
#dievielen
#wirsindviele
#glaenzenstattgrenzen
#solidaritaetstattprivilegien
#diekunstbleibtfrei

Barbara Steiner, Kunsthaus Graz, spricht über Freiheit, und warum es wichtig ist, einen Diskurs darüber zu führen.
Video: Stephan Schikora

Kunsthaus Graz

Lendkai 1
8020 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9200
info@kunsthausgraz.at

 

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info@kunsthauscafe.co.at
T +43-316/714 957

 

 

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