Anmerkungen zum Programm 2020

Von der Malerei zur Skulptur, vom Klang zum Körper zur Spur, vom Bild zur Bewegung im Raum und zurück

Das Programm des Kunsthauses Graz ist 2020 mehrfach heterogen mit zwei Gruppen- und zwei großen Einzelausstellungen, mehreren performativen und interventionistischen Projekten, die über kürzere oder längere Zeiträume stattfinden. Auch zeigt sich ein breites mediales Spektrum.

 

Denn Beginn macht zu Anfang des Jahres eine Tanzinstallation von Marta Navaridas mit dem Titel ONÍRICA, der sich auf die Welt der Träume bezieht. Dieses Projekt findet während der ersten großen Ausstellungsumbauphase des Jahres im Rahmen der fortlaufenden Reihe Performance Now statt. Diese nutzt seit letztem Jahr die Phasen zwischen den Ausstellungen – an sich schon Phasen des Übergangs und der Veränderung.

 

Mitte März eröffnet die Ausstellung Primal Energies, in der der US-amerikanische Künstler Bill Fontana im Space01 über multidimensionale Klangteppiche und Bildmontagen erneuerbare Energien akustisch und visuell erfahrbar macht. Parallel dazu ist im Stadtraum Graz seine berühmte Klangarbeit Sonic Projections von 1988 in einer akustisch und medial veränderten urbanen Situation erneut zu hören. Zeitgleich eröffnet Wo Kunst geschehen kann. Die frühen Jahre von CalArts, eine Ausstellung, die der legendären kalifornischen Kunsthochschule gewidmet ist und eine multiperspektivische Sicht auf ihre wegweisenden Konzepte eröffnet. Strömungen aus dem Umfeld der Konzeptkunst, des Feminismus und Fluxus sowie die radikalen pädagogischen Überlegungen am CalArts werden in der Ausstellung zusammengeführt.

 

Ende März folgt Jennifer Mattes' Installation Bars von Atlantis in Kooperation mit dem Filmfestival Diagonale´20. Mattes´ Arbeiten sind an der Schnittstelle verschiedener (filmischer) Genres angesiedelt – vom Dokumentar- und Essayfilm über das Hollywoodkino bis hin zu YouTube-Clips. Ende April setzt, in Kooperation mit Klanglicht, David Reumüller mit seiner interaktiven Installation Parasite fort.

Im Frühsommer zeigt das Kunsthaus mit Ultra Hybrid eine Personale des österreichischen Malers Herbert Brandl, die erstmals seine wichtigsten Werkgruppen in einer Ausstellung zusammenführt und in Dialog mit Objekten aus seinen eigenen Sammlungen und jenen des Universalmuseums Joanneum treten lässt. Ende des Jahres ist eine umfängliche Gruppenausstellung auf zwei Etagen zu sehen: Körper und Territorium widmet sich Vorstellungen von Körper und Identität in der Kunst Österreichs von den 1960er-Jahren bis heute. Zusammengestellt wird diese Ausstellung in erster Linie von Jasna Jakšić und Radmila Iva Janković, die als Gastkuratorinnen aus dem Museum für zeitgenössische Kunst in Zagreb nicht nur mit einem Außenblick auf die Entwicklungen der Kunst in Österreich schauen, sondern mit und über die künstlerischen Positionen auch territoriale Zuschreibungen von Kunst auf den Prüfstand stellen.

Bei aller Heterogenität teilen die hier erwähnten Positionen einen medienanalytischen, -reflexiven Zugang – ob es sich nun um Klänge oder Bilder handelt. Aus präzisesten akustischen Aufnahmen und verfremdeten Bildaufnahmen baut Fontana mehrdimensionale Kompositionen im Raum, in die Liveaufnahmen aus der lokalen Umgebung direkt hineinwirken – so auch in Graz. Mattes verarbeitet in ihren Filmen gefundene, gefilmte, gehörte, gesprochene und geschriebene Sequenzen und Bilder. Neben den materiellen/technischen Möglichkeiten interessieren sich die Künstler/innen für die Geschichte der von ihnen verwendeten Medien, wie auch an Medien gerichtete Erwartungen und damit verbundene kritische Diskurse. Mediale Grenzen werden immer wieder überprüft: Marta Navaridas schließt Zeichnung, Musik und Körperbewegung (Tanz) kurz, und Bill Fontana setzt Klang durchaus im skulpturalen Sinne ein. Brandl lotet die Übertragbarkeit der Malerei auf verschiedene materielle Träger aus und erweitert das klassische Medium ins Dreidimensionale; David Reumüller bringt verschiedene Medien in absichtsvolle Kollision.

Des Weiteren setzen die Künstler/innen des Jahres 2020 den Körper selbst als Ausdrucksmedium ein bzw. suchen eine geradezu körperliche Annäherung an klassische Medien: Marta Navaridas schafft mit reduzierten Mitteln ein körperlich intensives und visuell eindrucksvolles Spiel zwischen drei Performerinnen, bei dem sich emotionale und physische Zustände als Live-Zeichnung manifestieren. Das Publikum wird in räumliche und damit körperliche Nähe zur Aufführung gebracht, denn der Raum, in dem ONÍRICA stattfindet, ist absichtsvoll so kein gehalten, dass es zu einer räumlichen und szenischen Verdichtung kommt.

Fontana zeichnet Klänge an Ort und Stelle auf; später werden diese am Computer bearbeitet und Teil großer Rauminstallationen, in die Besucher/innen visuell, akustisch und damit auch physisch ­ – im Sinne einer intensiven Körpererfahrung – eintauchen. David Reumüllers Installation, die wesentlich mit Licht und Schatten arbeitet, erzeugt eine Verbindung zwischen der körperlichen Präsenz im Hier und Jetzt und der Virtualität der Projektion. Die CalArts Künstler/innen setzten vor allem in den ersten Jahren – wesentlich auch aus den Bereichen Fluxus, Performance und Tanz kommend – auf Bewegung, Körperwahrnehmung und -erfahrung, untersuchten das Verhältnis von Körper und Raum, aber auch die soziale Verfasstheit von (künstlerischen) Äußerungen. Beim von Judy Chicago und Miriam Schapiro initiierten Womanhouse bildete der (gesellschaftliche) Körper der Frau den Ausgangspunkt für die künstlerischen Untersuchungen.

Herbert Brandls Skulpturen und Malereien fordern den Künstler auf Grund ihrer Formate, Größe und Malweise körperlich heraus und bringen ihn selbst an seine physischen Grenzen. Die Betrachter/innen treten ihrerseits in ein körperliches Verhältnis zum Ausgestellten, und werden mitunter von Bildern und Skulpturen regelrecht bedrängt. Bei Körper und Territorium wird der Körper explizit zum Leitmotiv einer facettenreichen Auseinandersetzung. In den künstlerischen Arbeiten wird dieser in Beziehung gesetzt zu Gesellschaft und den politischen und technologischen Entwicklungen, die ihn prägen und formatieren.

Auch 2020 wird der Katzenbaum für die Kunst, unsere zentrale Display-Skulptur im Foyer bespielt. Diese erlaubt das Ausstellen und Präsentieren im Eingangsbereich des Kunsthauses: ein vertikaler Raum, der von anderen Kunstwerken, Objekten, Geschichten und Installationen bewohnt wird. Die gezeigten Arbeiten flankieren, erweitern und ergänzen die Ausstellungen in Space01 und Space02.

Die Künstlergruppe SUPERFLEX setzt im Rahmen ihres "Fünfjahresplanes" mit dem vierten Projekt fort:​ Lost Money. Euro-Münzen werden über den Fußboden des Foyers beziehungsweise auf dem Vorplatz verteilt und über Schrauben fixiert. Die Projekte der Künstlergruppe für das Kunsthaus Graz widmen sich der Fetischisierung von Geld, den Regeln ökonomischer Gesellschaften und Machtstrukturen.

Kunsthaus Graz

Lendkai 1
8020 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9200
kunsthausgraz@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Di-So, Feiertag 10 - 17 Uhr


Führungen
Sa 15:30 Uhr, So & Feiertag 11 Uhr (DE), So 14 Uhr (EN), Abweichungen möglich. Weitere Termine finden Sie im Kalender oder nach Voranmeldung

Architekturführungen 
nur in der ausstellungsfreien Zeit, Deutsch: Di–Sa, 11, 14, 15:30 Uhr; So, Feiertag: 11, 15:30 Uhr; Englisch: So, 14 Uhr oder auf Anfrage



Kunsthauscafé
Wieder geöffnet ab 15.05.2020
Mo-Do 9-23 Uhr
Fr-Sa 9-1 Uhr
So 9-20 Uhr
T +43-316/714 957

 

26. Oktober

24. bis 25. Dezember