“I don’t think I am trying to commit suicide”

Performance Now

31.05.-01.06.2019


Theater wird gespielt, Performance gelebt. Als sich Chris Burden, von dem das titelgebende Zitat stammt, 1971 für Shoot mit einem Gewehr in den linken Arm schießen ließ, war dies der Anfang einer Reihe von Performances, in denen Burden seinen Körper gefährlichen Situationen aussetzte. Doch wie weit wäre Burden gegangen? Hätte er sein Leben riskiert? Vermutlich nicht (wie er selbst anmerkte).

Zweifellos beeinflusste das Ausloten und Überschreiten von Grenzen, wie es Burden und viele andere in den 1960er- und 1970er-Jahren praktizierten, spätere Generationen von Künstlerinnen und Künstlern nachhaltig. In der Performance geht um das Hier und Jetzt in Echtzeit, wie es Marina Abramovic ausdrückte. Befeuert von einer „Experience Economy“, in der das Handeln mit erinner- und erzählbaren Erfahrungen zum Wirtschaftszweig wurde, erfährt dieses Format heute im Kunstbetrieb eine enorme Popularität.

In dem gemeinsamen Projekt "I don’t think I am trying to commit suicide." Performance Now untersuchen die interuniversitären Kunstwissenschaften (Kuwi Graz) – eine Kooperation der Karl-Franzens-Universität Graz, Kunstuniversität Graz und Technischen Universität Graz – und das Kunsthaus Graz, was Performance für die heutige Kunstpraxis so interessant macht. Zwei der Begriffe, um die das Projekt thematisch kreist, bilden gleichzeitig die Zentralkategorien des Formats Performance ab: Körper und Raum. Von den neoavantgardistischen Kunstformen der 1960er- und -70er-Jahre wie Fluxus, Happening und Body-Art bis hin zu gegenwärtigen Performancearbeiten oder zeitgenössischen Tanzproduktionen – der Körper der Künstlerin/des Künstlers ist ein zentrales Element, das Unmittelbarkeit in der Kunsterfahrung herzustellen vermag. Auch der Körper der Betrachterin/des Betrachters wird vielfach in die Interaktion – sei es mit Performerinnen/Performern oder Objekten – mit einbezogen. Zudem impliziert der Begriff Körper ebenso gesellschaftliche Themen wie Gender, Ethnie, Behinderungen oder andere identitäre Zuschreibungen. 

Die Beschäftigung mit dem Raumbegriff ist eine programmatische Konstante des Kunsthauses Graz. Allgemein gesprochen sind Raum und Zeit, die gemeinhin als fixe Parameter unserer Lebensrealität gelten, spätestens durch das Aufkommen von virtuellen Umgebungen ins Wanken geraten; auch wenn wir uns physisch nicht an zwei Orten gleichzeitig befinden können, sind wir doch in der Lage, uns im virtuellen Raum mithilfe all unserer Geräte und Netzwerke zu verteilen. Ein Beispiel für das performative Verhandeln im Spannungsfeld von Realität und Fiktion, Existenz und Simulation stellt Speaking of Which des in Graz beheimateten Künstler/innenpaars Navaridas & Deutinger dar. Die als Lecture-Performance bezeichnete Arbeit lenkt den Blick in ein Dazwischen von digitalem Raum und Live-Präsenz, in dem sich die beiden Künstler/innen auf der Bühne verdoppeln, um den „Komplexitäten unserer gegenwärtigen Existenz den Kampf anzusagen. Der Museums- oder Kunstraum ist ein sehr spezifischer Ort, der physisch, kulturell und ökonomisch geprägt ist und sowohl das Kunstwerk als auch seine Rezeption durch das Publikum beeinflusst. Der Kunstraum folgt anderen Regeln als das Theater – sei es aufgrund unterschiedlicher Aufmerksamkeitsökonomien oder mit dem Ort verbundener Rituale. Mit der Black Box im White Cube (dessen Gesetzmäßigkeiten die Architektur des Kunsthauses aus den Angeln hebt) spielt Georg Kroneis in Fetish Black Box, ein mit Lederimitat verkleideter, schalldichter Kubus, in dem der Künstler auf haptische Begegnungsmomente zwischen zwei Individuen wartet.


„I don’t think I am trying to commit suicide”. Performance Now ist ein In-Between-Projekt, das zum einen in den Phasen des Ausstellungsumbaus stattfindet. Zum anderen bewegt sich das Programm bewusst zwischen den Sparten der Künste und präsentiert Künstler/innen, die sich durch ihre Praxis weder ausschließlich der bildenden noch der darstellenden Kunst zuordnen lassen.
 

Mehr Infos zum Programm finden Sie hier!

States of Being, Michikazu Matsune
Veranstaltung, Performance

“I don’t think I am trying to commit suicide”

Performance Now

31.05.-01.06.2019 > Kunsthaus Graz

In diesem Projekt bewegt sich das Programm bewusst zwischen den Sparten der Künste und präsentiert Künstler/innen, die sich durch ihre Praxis weder ausschließlich der bildenden noch der darstellenden Kunst zuordnen lassen. mehr...

Mit Arbeiten von:

Ron Athey, boychild, Klitclique, Georg Kroneis, Michikazu Matsune, Navaridas & Deutinger, Flora Neuwirth, Franz Reimer, Barbis Ruder, Milica Tomić und Studierenden der Kunstuniversität Graz.
 



Ein Projekt des Kunsthauses Graz und der Kuwi Graz. 


Kuratorisches Team 
Rosemarie Brucher (Kunstuniversität Graz), Ann-Grit Becker, Sabine Flach (Karl-Franzens-Universität Graz), Anselm Wagner (Technische Universität Graz), Roman Grabner (Bruseum), Katrin Bucher Trantow, Katia Huemer, Barbara Steiner (Kunsthaus Graz)


Projekt
Katia Huemer (Leitung), Thomas Schweitzer (Koordination)

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„Ich liebe mein Stottern“ oder „I love my very shy breasts“ sind nur ein paar Antworten, die Katharina Diem bereits auf ihre Frage „Welchen Makel liebst du an dir?“ erhielt und die abwechselnd mit Körperbildern über die BIX-Fassade laufen werden. Sei radikal ehrlich und teile deinen Imperfektionismus auf www.spielmitbix.at und unter #lieblingsmakel! – Warum? mehr...

Performativität in den Künsten

Vorträge Beginn jeweils 19:00 Uhr, 45 min. Ort: Universitätsplatz 3/2 HS 01.22

> 23. Mai 2019: Juniorprof. Dr. Jenny Schrödel (Freie Universität Berlin): „Feminismus & Performance Art“  Expand Box


Im Mittelpunkt des Beitrags stehen Interferenzen zwischen feministischer Theorie und Performancekunst. Anhand von verschiedenen Paradigmen in beiden Feldern, wie z.B.: weibliche Autorschaft und Handlungsmacht, Frauenbilder und Geschlechterstereotype, Geschlecht als performative Konstruktion oder Geschlecht aus intersektionaler Perspektive, die sich von den 1970er Jahren bis zur Gegenwart bewegen, sollen Schnittstellen zwischen feministischer Theoriebildung und feministischer Performancekunst herausgearbeitet werden. Diese Schnittstellen sagen auch etwas über das Verhältnis von Performativität (als theoretisch-akademischer Diskurs) und Performancekunst (als praktische-ästhetische Kunstform) aus. Nicht zuletzt wird danach zu fragen sein, warum und wozu Feminismus heute noch – und zwar in Praxis und Theorie gleichermaßen - wichtig ist - oder sein sollte.

> 13. Juni 2019: Univ.-Prof. Dr. Nicole Haitzinger (Universität Salzburg): „Iokastes Töchter in den szenischen Künsten der Gegenwart. Zu performativen Akten des Sterbens auf der Bühne und anderswo“  Expand Box


Dieser Vortrag möchte das Eingangszitat der Vortragsreihe – „I don’t think I try to commit suicide“ von Chris Burden – in einer Art Verkehrung ernst nehmen. Einleitend werden zwei sich beinahe um das Ganze unterscheidende tragische Bühnentode vorgestellt: Iokastes Erhängen in Sophokles Oedipus Tyrannus und Iokastes Selbsttötung durch das Durchschneiden der Kehle in Euripides Phönizierinnen. Es handelt sich um eine Figur aus dem Mythos, deren Tod im attischen Theater nicht zufällig im Drama unterschiedlich profiliert wird. Schließlich werden Resonanzen von tragischen Bühnentoden erstens im Theater der Moderne und zweitens in szenischen Künsten der Gegenwart exemplarisch beleuchtet und mit drei Thesen verknüpft:
(1) Suizidale Bühnentode bedingen spezifische Konstellationen von Anwesenheit und Abwesenheit, von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, die maßgeblich soziokulturell, politisch und ästhetisch bedingt sind;
(2) Die szenische/performative Präsenz in den Akten der Verkörperung des Sterbens bringt dichotom konstruierte Geschlechterverhältnisse nicht nur im antiken Theater vollends durcheinander;
(3) die Unterscheidbarkeit zwischen der Tötung einer Figur und der Tötung eines Körpers markiert eine (zweifelsohne stetig diskursiv und künstlerisch austarierte) Grenze zwischen Theater und Performance Art. 

Kunsthaus Graz

Lendkai 1
8020 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9200
kunsthausgraz@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
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