Wie steht es um die Funktionalität der Klosterarchitektur?

Klöster entfalten ihre Wirkung nicht nur im Raum, sie sind konkrete Orte mit klar bestimmten Funktionen. Ihre baulichen Anlagen dienen der geistlichen Lebenspraxis, dem Gottesdienst und Gebet. Sie dienen aber auch als dauerhafte Wohn- und Arbeitsstätten für ihre hierarchisch gegliederten Mitgliedergruppen: Über allen steht der Abt bzw. Prior, der die oberste Autorität ausübt. Die Patres übernehmen als Geweihte pastorale Funktionen und betreiben in den klostereigenen Bibliotheken intensive Wissenschaftspflege. Ihnen untergeordnet sind die ungeweihten „Laienbrüder“. Sie verrichten handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeiten, „niedere Dienste“, ohne die jedoch ein Kloster als unabhängiger Wirtschaftsbetrieb undenkbar ist.

 

Die bauliche Hierarchie entspricht der personellen: Während dem Abt eine eigene Wohnung zusteht, leben die Mönche in eigenen Trakten mit Zellen und gemeinschaftlichem Schlafsaal. Der Kreuzgang dient zur religiösen Übung. Als zentrales Erschließungssystem ermöglicht er zudem den Zugang zu weiteren Nutzräumen wie dem Kapitel- und Speisesaal. In der Klosterkirche finden sich alle Mönche zu fixen Stunden im eigens abgetrennten Altarraum zum Chorgebet ein.

Interview: Abt Mag. Benedikt Plank OSB, Korrespondent der Historischen Landeskommission Video: Walter Schaidinger 2020/07/31, Stift St. Lambrecht

Eine geistliche Stadt: Stift Göss bei Leoben

Um 1000 wird das ehemalige Benediktinerinnenstift Göss vom Stift Nonnberg/Salzburg aus besiedelt. Es ist damit die älteste steirische Klostergründung und steigt schon 1020 zur Reichsabtei auf: ein Raum eigenen Rechts, einer Stadt vergleichbar und nur dem Kaiser untertan. Das Kloster ist aber auch ein geschlossener sozialer Raum: Über Jahrhunderte erzieht und versorgt der steirische Adel hier seine Töchter, denn Nonne kann in Göss nur werden, wer adeliger Abstammung ist. Im späten 15. Jahrhundert wird das Kloster befestigt, im 16. und 17. Jahrhundert finden weitere Umbauten statt.

Thron und Liturgie. Dreisitz

Wer sitzt, ist wichtig: Ein Dreisitz, auch Session genannt, ist ein liturgisches Möbel mit drei Klappsitzen, hoher Rückwand und Baldachin. Darin spiegelt sich die strenge, auch im Gottesdienst gültige Hierarchie: Diakon und Subdiakon flankieren den Zelebranten. Die Rückwand zeigt das „Bernhardswappen“ (fiktiver Verweis auf den Ordensgründer), das Abteiwappen (Verweis auf Maria, der alle Ordenskirchen geweiht sind) und das Abtswappen (Verweis auf den Auftraggeber). Der Neuberger Dreisitz entsteht unter Abt Oswald Staindl (reg. 1513‒1527) und wurde vermutlich nach süddeutschen Mustern in einer steirischen Werkstatt gefertigt. Solche Möbel sind äußerst selten. Er entspricht funktional wie bautechnisch der mittelalterlichen Tradition, gehört aber formal bereits der frühen Renaissance an, deren Einfluss um 1520 in Mitteleuropa spürbar zunimmt. Weltlicher Dekor wie die antikisierende Bemalung und sakrale Funktion finden zu bruchloser Einheit.

Museum für Geschichte

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T +43-316/8017-9800
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Öffnungszeiten


Di-So, Feiertag 10 - 18 Uhr

 

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1. Mai 2023
29. Mai 2023

24. bis 25. Dezember 2022
1. Jänner 2023
21. Februar 2023
24. bis 25. Dezember 2023