Kirchenbau und Netzwerk der Pfarren

Pfarrnetz

Die Klöster sind das eine, für die geistliche Versorgung der Bevölkerung braucht es ein Netz von Pfarrkirchen. Das Mittelalter stattet ganze Landschaften mit Gotteshäusern aller Art und Größe aus. Dahinter stehen die wirtschaftliche Potenz und die Freizügigkeit regionaler Mäzene: Wer auf sein Seelenheil bedacht ist und es sich leisten kann, stiftet Geld zum Bau oder trägt zur Ausstattung bei. Nichts ist so prestigeträchtig wie der Kirchenbau. Für den Klerus sind Kirchen ein ideales Instrument, sich weithin sichtbare Geltung zu verschaffen. Seine führende Stellung in der mittelalterlichen Sozialordnung wird im Wortsinne sichtbar.

 

Neben das Prinzip von Macht und Selbstbewusstsein tritt eine ökonomische Grundtatsache: Der Kirchenbau braucht Fachkräfte. Diese beweisen mit jedem Gewölbe und jeder dekorativen Gestaltung ihr technisches Können und akquirieren mit jeder Kirche neue Kunden. In die Geschichte eingeschrieben hat sich die „Admonter Bauschule“, die die wohlhabende Obersteiermark mit anspruchsvollen Sakralbauten prägt. Auch hier kommen wichtige Impulse von außen, vor allem aus dem bayerisch-salzburgischen Raum.

 

 

Kirchen überall

 

Zahl, Größe und Qualität von Kirchenbauten sind ein untrüglicher Hinweis auf die geistliche Prägung einer Region und die Finanzkraft adeliger, geistlicher und bürgerlicher Mäzene. In der wohlhabenden Handelsstadt Murau zeigt sich die gotische Hauptkirche als gewölbte Basilika mit Vierungsturm auf der Höhe der Zeit. Technische Niveausteigerung gilt auch für kleinere Kirchen. Allein der Umgang mit Werkstein und die Beherrschung der gotischen, durch die Hüttentradition verbreiteten Bauformen belegen ein hohes Niveau im spätmittelalterlichen Sakralbau, der im 15. Jahrhundert eine Blütezeit erlebt. Die baulichen Netzwerke entwickeln sich analog zu den geistlichen, in deren Dienst sie stehen. 

 

Auch hier ist Kommunikation alles: Durch Empfehlung gelangen einschlägig ausgewiesene Baumeister und Handwerker an Aufträge, eine Fachelite mit eigenem Selbstbewusstsein, die sich durch eingeritzte Zeichen oder gar gemeißelte Porträts am Kirchengebäude verewigt.

„Kirchenlandschaft“ Oberes Murtal, Modellbau und Leihgabe: Hermann Pirker

 

 

Raum im Raum. Beichtstuhl

Die steirische Kirchenlandschaft des Mittelalters kündet von den Ambitionen ihrer Auftraggeber, sie schafft aber auch den gebauten Rahmen für die religiöse Betreuung und geistige Kontrolle der ländlichen Bevölkerung. Ausgangspunkt sind sogenannte Mutter- oder Urpfarren, die ganze Netzwerke weiterer Pfarrgründungen zur Folge haben. Sie ermöglichen die systematische kirchliche Durchdringung größerer Räume und die Einrichtung von Pfarrstellen für einen regionalen, volksnah agierenden Klerus. Für die ländliche Bevölkerung markiert der weithin sichtbare Kirchturm die Gegenwart einer solchen „Glaubensstation“, der einen Fixpunkt im sozialen Leben darstellt. 
Im weiteren Umfeld einer Pfarrkirche finden sich auch sog. „Filialkirchen“, die extern betreut werden. Ungeachtet ihres untergeordneten Status können sie je nach Mäzen eine stattliche bauliche Form annehmen.

 

Im Inneren geben die Kirchen einen würdevollen, bisweilen aufwendig mit Altären ausgestatteten Rahmen für die Messfeier. Sie sind klar strukturiert. Es ist ein Raum, in dem alle ihren Platz haben und klare Rechte und Regeln gelten. Das gilt für den Altarraum, die Kanzel, das Kirchenschiff oder die Sakristei. Eigenen Gesetzen gehorcht auch der Beichtstuhl. 

 

Beichtstühle sind exklusive Räume im Kirchenraum, Orte des Bewahrens von Geheimnissen jenseits irdischer Strafandrohung. Dafür braucht es den physisch gebauten und abgeschlossenen Raum offenbar nicht: Um 1600 sind Beichtstühle noch einfache Möbel ohne Abschirmung von Beichtenden und Priester. Die Inschrift lässt die Gottesmutter als Fürsprecherin auftreten: „Maria peichtet dem Herrn deine Sünde es ist gut gepeichtet seiner Mutter dan ihr Parmherzigkeit weret ewiglich.“

 

Mit dem Wiederaufleben der Beichtpraxis im Zeichen der Gegenreformation meldet sich der Klerus in seiner Vermittlungsfunktion zwischen irdischer und himmlischer Welt sichtbar zurück. Mag das Möbel noch so einfach sein, es ist zugleich ein Symbol für den Wiederaufstieg des Klerus nach einer langen Phase des Niedergangs in der Ära der Reformation.

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten


Di-So, Feiertag 10 - 18 Uhr

 

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1. Mai 2023
29. Mai 2023

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