Was blieb zurück?

In der „Heimat“ fehlten nun die jungen Männer. Sie fehlten bei der Ernte am Land, sie fehlten in den Industriebetrieben, sie fehlten im Transportwesen. Dieser Ausfall an junger, männlicher Arbeitskraft wurde durch Frauen kompensiert. In Graz entbrannte eine Diskussion um Frauen als Schaffnerinnen in der Straßenbahn, also als öffentliche, uniformierte Respektspersonen. Ohne dieses Sichtbarwerden der Frauen in der Öffentlichkeit wäre das Frauenwahlrecht noch länger nicht Realität geworden. Frauen waren keineswegs nur temporäres Substitut am Arbeitsmarkt, viele von ihnen hatten auch nach Kriegsende die Familien zu erhalten, da viele Männer nicht bzw. oft psychisch oder physisch beschädigt aus dem Krieg heimkehrten. Frauen mussten also teilweise die im Krieg übernommene Rolle auch weiterspielen.

Gruppenaufnahme von Straßenbahn-Schaffnerinnen in Graz, 1917, Fotograf unbekannt, Leihgabe: TramWay Museum, Graz

Die „Heimatfront“ wurde vorerst als unterstützend angesehen. Es ging darum, die materielle Basis für den Krieg zu sichern und der Fürsorge die benötigten Mittel zur Verfügung zu stellen, um die Witwen und Waisen gefallener Krieger materiell soweit absichern zu können, dass der Tod noch als „Heldentod“ interpretiert werden konnte.

Eine Gruppe von Schülern der evangelischen Schule posiert vor den von ihnen eingesammelten Metallgegenständen in Graz, o.J. Fotograf unbekannt, Leihgabe: Stadtarchiv Graz

Eine Besonderheit, die dafür entwickelt wurde, waren die sogenannten „Kriegsnagelungen“. Sie gehen zurück auf die alte Wiener Erzählung vom „Stock im Eisen“, wo das Einschlagen eines Nagels symbolisch den Weg aus der Leibeigenschaft in die Freiheit verkündete. Nun standen hölzerne Wehrmänner, Tische, Schilde, Wappen in festlichem Rahmen bereit: Gegen eine Spende durfte man einen Nagel ins Holz schlagen, auch als Symbol, in einer „Eisernen Zeit“ zu leben. Bis zum Sommer 1916 soll es schon rund 700 solcher Nagelungen auf dem Gebiet des heutigen Österreich gegeben haben. Die Steiermark fügte sich hier gut ein. Vor allem der steirische Landsturmmann, festlich enthüllt und freigegeben, erlangte Symbolstatus.

 In Wien wurde 1915 der erste sogenannte „Wehrmann in Eisen“ aufgestellt. Dieser erfreute sich äußerster Beliebtheit und erlebte in der Folge eine Vielzahl an Nachahmungen in allen Teilen der Monarchie. Der Vorgang war überall derselbe: Durch eine festgesetzte Spendensumme erhielt die Spenderin bzw. der Spender die Erlaubnis, einen Nagel in eine entsprechende Holzfigur einzuschlagen. Als sichtbares Zeichen der Spende und des eigenen, selbst geleisteten Kriegsbeitrages, erhielt man eine nummerierte Karte, die mit dem Namen und der Höhe der Spende versehen wurde. Anschließend wurde der Spender im Spendenbuch verewigt. Auch im Kronland Steiermark waren diese „Kriegsnagelungen“ sehr populär. Alleine in Graz sind mindestens fünf Kriegsnagelungen bekannt, der „Landsturmmann in Eisen“ der Grazer Messe und der „Wehrmann in Eisen“ des Infanterieregiments Nr. 27 stellen wohl die bekanntesten dar und zeugen von der Vielzahl der unterschiedlichen Körperschaften, die diese errichten ließen. 

Der hier abgebildete „Wehrtisch“ stammt vom bosnisch-herzegowinischen Infanterieregiment Nr. 2, das 1915 von Graz nach Lebring verlegt wurde und hier ein Ausbildungslager betrieb. Am 2. Dezember 1916 wurde diese orientalisch anmutende Kriegsnagelung dort feierlich enthüllt. Es handelte sich um einen sechseckigen Tisch mit prächtiger Gestaltung, auf dem sich ursprünglich die Skulptur eines vom Monte Meletta herabsteigenden Bosniaken befand. Dieser Tisch wurde vom Offizierskorps der „2er Bosniaken“ in Auftrag gegeben, der Gewinn sollte den Witwen und Waisen des Regiments zugutekommen.

Für die Männer an der Front wurde gesammelt, es wurden aber neben Feld- auch Liebesgaben für die Front bereitgestellt. Weihnachtsbäumchen, um die ersten Weihnachten „im Felde“ für die Männer mit einer sentimentalen Bindung an die „Heimat“ ertragbarer zu machen, Geschenkkassetten, Zigarettenetuis und vieles mehr.

Die Aktion „Weihnachten für unsere Truppen im Felde“ wurde im Zuge des Ersten Steirischen Soldatentages im Winter 1914 mit einer Festveranstaltung gestartet und jährlich wiederholt. Durch in den steirischen Gemeinden plakatierte Spendenaufrufe, Haus-zu-Haus-Sammlungen und den Verkauf von Abzeichen, Weihnachtspostkarten und Ähnlichem sollten „Weihnachtspakete“ mit Zigaretten, Schokolade, Tee und Konserven für die Soldaten an der Front zusammengestellt und anschließend verschickt werden.

Die Bewältigung des Alltags an der Heimatfront war nicht einfach. Knappheit, ja Not machte sich breit. Von den offiziellen Lebensmittelkarten konnte man kaum überleben. „Hamsterfahrten“ aus den Städten ins Umland (die Grazer Mittagszeitung stand gänzlich auf der Seite der Hamsterer gegen die „satten“ Bauern), Schwarzmarkt, Tausch von Naturalien etc. waren Überlebensstrategien.

 

Man griff auf Ersatzstoffe und auf Resteverwertung zurück. In Wien standen Menschen mit langen Stangen am Donaukanal, um Fettaugen, die von der Geschirr-Reinigung zurückblieben, herauszufischen und wiederzuverwerten. Das erhoffte Getreide aus der Ukraine blieb nach dem Frieden von Brest-Litowsk für die Alpenländer aus. So wurden die Wälder geplündert, Eicheln für den Ersatzkaffee gesammelt, Kleinstgärten betrieben.

Aufgrund der schlechten Versorgungslage, die sich u. a. auch aus dem Rückgang der eigenen Produktion ergab – viele Bauern kämpften an der Front und konnten ihre Felder nicht bestellen –, mussten bald vor allem Grundnahrungsmittel wie Mehl, Fett, Fleisch oder Brot etc. rationiert werden. So sollte der Mangel besser verwaltet und die Lebensmittel und Rohstoffe gleichmäßiger verteilt werden.
Die bald herrschende Not machte auch die Bevölkerung der steirischen Städte erfinderisch. Ersatzstoffe wurden gefunden, und bald wurde jede noch so kleine freie Fläche benutzt, um unterschiedliche Gemüse- und Obstsorten anzubauen. Heimgärten hatten Hochkonjunktur, und auch an der Universität Graz wurden die Grünflächen für den Gemüseanbau genutzt.

Auch Schulunterricht und Erziehung waren auf den Krieg ausgerichtet: Kriegsspielzeug, die Uniform bereits als Kleidung der Kleinsten, patriotische Sprüche, umgeschriebene populäre Kinderbücher – all das wirkte schon im Vorschulalter. Selbst der Kasperl zog in den Krieg.

 

In der Schule hatte der Unterricht vor allem die Aufgabe, die Heimatfront zu stärken. Zeichnungen von Schulkindern sind Dokumente für die Konstruktion von Feindbildern und für die Heroisierung der eigenen Kämpfer an der Front. Zahlreiche Aufsätze, auch von Mädchen, zeigen die gleiche Zielrichtung: Es galt, ein „Heldenmädchen“ zu werden oder Strategien vorzuschlagen, wie denn der Sieg zu erringen sei.

Wie weit der „Große Krieg“ auch in die Kinderwelt Einzug hielt, zeigt das Kinderbuch „Der Kriegs-Struwwelpeter“ des Autors Karl Ewald Olszewski, das 1915 in Deutschland erschien. Die Vorlage dazu – Heinrich Hoffmanns Geschichtensammlung „Struwwelpeter“ – war eines der bekanntesten Kinderbücher dieser Zeit. Die Kriegsausgabe wurde als politische Parodie verfasst und nahm auf die politischen und militärischen Ereignisse des Kriegs Bezug.

Um dem Hinterland zu verdeutlichen, wie es an den Fronten aussah, gab es in Wien und Graz große Ausstellungen dazu. Am Feliferhof wurden Schützengräben nachgebaut – die eigenen und die der Feinde – und gegen Eintritt konnte man diese Stellungen besichtigen. Aus den Gesichtern der Besucherinnen und Besucher spricht Neugier und Kriegsvoyeurismus, „Krieg schauen“ erfreute sich großer Beliebtheit und war wohl auch ein Nervenkitzel.

 

Dazu kamen große Ausstellungen mit Beutewaffen, etwa im Grazer Landhaushof. Es sollte gezeigt werden, wie sehr man den Gegnern zusetzte und Schaden zufügte, wie überlegen die eigenen Kämpfer an der Front agierten. So sollte der Krieg an der Heimatfront emotional mitgetragen, das Schicksal an der Front nachvollzogen und die materielle Unterstützungsfreude gesteigert werden. Vor allem aber ging es darum, die Anfangseuphorie, mit der man den Krieg begrüßt und die eigenen Soldaten ins Feld verabschiedet hatte, zumindest teilweise aufrechtzuerhalten und so ein Gegengewicht zur hereinbrechenden materiellen Not zu schaffen.

 Kriegsausstellungen waren während des Ersten Weltkriegs ein populäres Medium. Zum einen, um die eigene Bevölkerung propagandistisch zu manipulieren und ihr die Erfolge der k.u.k. Armee vor Augen zu führen, zum anderen, um dem Publikum einen „lehrreichen Einblick“ in den Stellungsbau und damit in den Alltag der Soldaten an der Front zu geben. Aus diesem Grund wurden etwa im September 1915 am Feliferhof in Graz Hindernisse, Stellungen, Geschützstände, Fahrküchen und dergleichen nachgebaut bzw. aufgestellt und für die Besucher/innen – gegen Eintrittsgeld – zugänglich gemacht.

Museum für Geschichte

Sackstraße 16
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9800
geschichte@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Mi-So, Feiertag 10 - 17 Uhr

 

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