Im Zwiespalt

Das Dilemma des Siegmund von Dietrichstein

Ob Standesschranken oder Landesgrenzen: Der neue Glaube scheint unaufhaltsam. Entscheidendes Dokument ist die „Augsburger Konfession“ (Confessio Augustana), die auf dem Augsburger Reichstag 1530 vorgelegt wird. Sie ist nicht nur theologische Grundlage, sondern auch reichspolitisches Fundament des Luthertums – und eine Herausforderung für Karl V., den katholischen Kaiser, der eine starke Opposition von Reichsfürsten nicht mehr ignorieren kann.

Die Botschaft der lutherischen Prediger, der „Prädikanten“, seien sie gelehrt oder ungelehrt, wirkt: Auch in der Steiermark gehen weite Teile der steirischen Bevölkerung ins protestantische Lager über: Bürger, Bauern und Bergknappen.

 

Aber auch die adelige Elite bekennt sich zur neuen Lehre. Ihre Harnische spiegeln die protestantische Frömmigkeit wider, die keinem Schutzheiligen oder Namenspatron mehr gilt, sondern Christus allein. Glaubensfreiheit ist für den Adel Privileg, das aber auf ein Hindernis stößt, nämlich auf die angestammte Treue zum katholisch gebliebenen Lehnsherrn, ein tragender Pfeiler der mittelalterlichen Sozialordnung. Ein echtes Dilemma für eine Schicht, die ebenso traditionsverbunden wie auf persönliche Unabhängigkeit bedacht ist.

Harnisch mit Beter unter dem Kreuz, Nürnberg 1547, UMJ, Landeszeughaus, Inv.-Nr. A 1610

Diesen Zwiespalt wird auch Siegmund von Dietrichstein empfunden haben, der von 1515 bis 1530 steirischer Landeshauptmann war. Er ist treuer Anhänger seines katholischen Kaisers Maximilian I., sympathisiert aber wie viele seiner Standesgenossen mit Luthers Lehren. Im Juli 1515 heiratet er in den mächtigen Rottal-Clan ein. Kein Geringerer als der Kaiser, der leibliche Vater der Braut Barbara, beehrt das prunkvolle Fest mit seiner Anwesenheit.

Hochzeitsmahl für Siegmund von Dietrichstein und Barbara von Rottal, 1515, Kopie, 17. Jh., Öl auf Leinwand, UMJ, Alte Galerie, Inv.-Nr. 1258

Dietrichstein dokumentiert seinen Eifer in der Erfüllung seiner Amtspflichten, wozu öffentliche Bauaufgaben wie die Erneuerung der verfallenen Schlossbergbefestigung gehören. Eine schon ganz im Stil der Renaissance gehaltene Bronzeplakette bezeugt die Sorge um die Sicherheit des Landes und benennt ausführlich Würden und Besitzungen, auch die Wappen der nun miteinander verschwägerten Familien Dietrichstein und Rottal fehlen nicht. Ein makelloser Karriereausweis für Dietrichstein, der auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn angekommen ist, freilich in Zeiten wachsender innerer Unruhe. Im selben Jahr schon erschüttert eine Bauernrevolte, der „windische Bundschuh“, die Untersteiermark im heutigen Slowenien.

Gedenkstein für Wilhelm d. Ä. v. Rottal (+ 1566) und Familie, um 1542, aus der Stadtpfarrkirche, UMJ, sog. Lesliehof, Arkadengang

Auch der deutsche Bauernkrieg greift 1525 über Salzburg auf die Obersteiermark über. Die Losung ihrer Anführer ist eine Kampfansage an die alten Eliten: „Die Macht soll gegeben werden dem gemeinen Mann.“ Angetrieben von der Überzeugung, dass religiöse und soziale Freiheit Hand in Hand gehen, erheben sich Bauern und Bergknappen. Epizentrum ist das Ennstal mit Schladming. Dietrichstein unterliegt zunächst, gerät in Gefangenschaft und überlebt nur knapp. Erst Niklas Graf Salm, der 1529 die „Erste Wiener Türkenbelagerung“ abwehren wird, wirft den Aufstand mit unnachsichtiger Härte nieder.

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