Temporäre Projekte


Werner Reiterer

Crash, 2013

13.09.-28.11.2013



Die Siedlungsgeschichte von Leibnitz lässt sich bis Kaiser Vespasian (69–79 n. Chr.) zurückverfolgen, die früheste Erwähnung als Lipnizza stammt aus dem Jahr 970. Aufgrund der verkehrsgünstigen Lage durchlebte Leibnitz eine rege Geschichte mit Blüte-, Zerstörungs- und Wiederaufbauzeiten durch illyrisch-keltische, römische, slawische, ungarische und türkische Einflüsse oder Übergriffe.

 

Das heutige Leibnitz entstand im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts, es wurde planmäßig als Verkehrsdurchzugsort nach Westen erweitert und 1913 schließlich zur Stadt erhoben. Der Hauptplatz ist ein breiter Straßenplatz, im Osten begrenzt durch die Pfarrkirche St. Jakob, im Westen durch die Kapuzinerkirche. Die katholisch-christliche Konnotation des Ortsbildes verstärkte sich durch eine 1744 errichtete, zentral positionierte Mariensäule, die 1939 aufgrund der nationalsozialistischen Neuordnung an den Rand versetzt wurde und seit 2003 schließlich ihren jetzigen Standort vor dem Rathaus einnimmt.

 

Die Reise dieses Denkmals innerhalb der letzten 100 Jahre verschränkt Werner Reiterer mit der allgemeinen Stadtentwicklung und der globalen Verkehrs-, Wirtschafts-, Technologie-, Politik- und Sozialgeschichte.  Von den unterschiedlichen Geschwindigkeitsformaten scheint das sich am langsamsten bewegende und in sich ruhende, das Standbild, das stabilste, aber auch das starrste zu sein. Während die Dampfmaschine zum  Zeichen für die erste technische Revolution wurde, stehen das Auto als Zeichen der Dynamisierung sowie das Fließband und der daraus resultierende „Fordismus“ – der schließlich im Turbokapitalismus mündete – für die zweite technische Revolution. Sie werden mit der statischen Mariensäule konfrontiert und der Cultural Crash eindrücklich und ironisch inszeniert.

 

Wie alle Arbeiten Reiterers ist auch diese im Ansatz nahe bei uns. In der Darstellung des Totalschadens als zeitgemäße Vanitas-Darstellung ist der Mensch, ohne anwesend zu sein, Bestandteil der Arbeit, die zwischen realer Möglichkeitsform und überhöhter Darstellung changiert. Der weit über den Passanten stehenden und repräsentativen Heiligendarstellung setzt der Künstler ein temporäres und unprätentiöses, dafür umso eindeutigeres und schockierenderes Gewicht entgegen. Nicht das Opus magnum ist Reiterers Ziel, ihn interessiert vielmehr die Neudefinition des Platzes durch das Setzen von künstlerischen Akten.

 

Spätestens seit Andy Warhol wissen wir um die Kunstfähigkeit von Verkehrsunfällen, die Veredelung des Alltags bei gleichzeitiger Banalisierung des vom Künstler ausgewählten Sujets. In diesem Sinn nimmt Werner Reiterer auf unseren unmittelbaren Lebensraum Bezug und interveniert in einer allgemein verständlichen Symbolsprache. Er übernimmt die Taktik der leichten Lesbarkeit katholischer Formensprache im öffentlichen Raum, aktualisiert das Vokabular und friert die Geschichte des unvermeidlichen Zusammenstoßes und Aufeinanderprallens unterschiedlicher Zeiten, Dynamiken, Glaubens- und Lebensmodelle in einen Moment des Cultural Crash ein.

 

Auf diese Weise untersucht er nicht nur stereotype Sichtweisen, sondern er irritiert auch im verunfallten Aufeinandertreffen seiner Imitation einer für jeden möglichen alltäglichen Schreckensvorstellung mit der Heiligen Maria auf bewusst überhöhter, sakrosankter Ebene.

 

Damit löst er einerseits das Banale oder Unreflektierte aus seiner Selbstverständlichkeit, andererseits schockiert er uns in der inszenierten Fokussierung auf menschliche Endlichkeit. Selbstironisch verweist er auch auf die Lächerlichkeit von Ewigkeitsansprüchen oder verheißungsvollen Lösungsmodellen; dennoch lässt er augenzwinkernd ein kleines Wunder geschehen, indem er Maria in ihrer Zeitlosigkeit und als von Menschen erdachtes Ideal der siegreich Überlebendenden ausweist. So wird in der provozierten Konfrontation der Idee des zum Scheitern verurteilten Formversuches ein seit der Antike existentes philosophisches Problem listig herunter gebrochen und als schlussendlich nicht lösbar erkannt.

 

Elisabeth Fiedler

 

 

Eröffnung

Freitag, 13.09.2013, 17 Uhr

Hauptplatz Leibnitz

 

Der Künstler ist anwesend.

 

Einführung

Elisabeth Fiedler, Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark

 

Informations- und Gesprächsabend zu Werner Reiterer, CRASH

Dienstag, 22.10.2013, 18.30 Uhr
Sitzungszimmer der Stadtgemeinde Leibnitz
Hauptplatz 24, 8430 Leibnitz 

 

Mit Werner Reiterer - Künstler, Helmut Leitenberger - Bürgermeister von Leibnitz, Elisabeth Fiedler - Leiterin des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark  

 

Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark

Marienplatz 1/1
8020 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9265
kioer@museum-joanneum.at

 

Näheres zur Ausstellung und weiterführende Materialien

Dauer des Projektes

13.09.2013 - 28.11.2013