Was erwartet Sie im Joanneumsviertel?

Interview mit Museumsplaner Dieter Bogner

Worin unterscheidet sich das neue Naturkundemuseum von den bisherigen naturwissenschaftlichen Dauerausstellungen des Universalmuseums Joanneum?

"Das neue Naturkundemuseum wird völlig anders sein, als es die Bevölkerung in Erinnerung hat. Rund um einen Kern permanenter Themen planen wir ein dynamisches Museum, ein Museum in Bewegung. Die Hälfte der verfügbaren Ausstellungsräume wird sich in einem kontinuierlichen Veränderungsprozess befinden, um durch immer wieder neue Themenstellungen die riesigen Sammlungsbestände bestmöglich nutzen zu können, aber auch auf neue Entwicklungen und die Gesellschaft beschäftigende Fragestellungen antworten zu können. Die Sammlungen sind das Kapital des Naturkundemuseums und damit der steirischen Bevölkerung. Dieses Kapital in immer wieder neuen Zusammenhängen und auf Grundlage im Hause betriebener wissenschaftlicher Forschung zu nutzen ist Aufgabe des neuen Museums. Bis zu drei kurzfristige bzw. mittelfristige Ausstellungen können gleichzeitig präsentiert werden. 


Wie ein roter Faden werden sich interaktive Stationen für Kinder durch die gesamte Ausstellung ziehen. Diese Einrichtungen sollen vor allem auch Familien ein gemeinsames Erleben des Naturkundemuseums ermöglichen. Deshalb bleibt auch das historische Bergwerk erhalten, an das sich viele Steirerinnen und Steirer erinnern können. Die historische Präsentation der mineralogischen Schätze des Naturkundemuseums wird als geschichtliches Erbe ebenfalls bewahrt, erfährt aber eine Verbesserung der Beleuchtung und vor allem der Erschließung der Inhalte."

Wird es lebendige Tiere zu sehen geben?

"Nein! In einem Museumsbetrieb ist artgerechte Tierhaltung bzw. naturschutzgerechte Behandlung zumeist nur sehr schwer möglich. Dazu braucht es qualifiziertes Pflegepersonal. Lebende Tiere könnten in Sonderausstellungen integriert werden, wie es im Naturkundemuseum schon der Fall war, aber nicht in die Dauerausstellung."

Ist geplant, auch temporäre Ausstellungen an der Schnittstelle zu anderen Sammlungen des Joanneums, z.B. Kunst, zu zeigen?

"Das Ineinanderfließen verschiedener Sammlungen auch außerhalb des naturwissenschaftlichen Feldes soll so oft wie möglich geschehen. Als permanentes künstlerisches Element wird eine „Brücke“ von Olafur Eliasson in den Rundgang des Naturkundemuseums integriert. Es sollen naturkundliche Themen und Objekte aber auch Ausstellungen anderer Sammlungen einfließen."

An welche Zielgruppe wendet sich das Naturkundemuseum?

"Das Naturkundemuseum soll für alle Menschen interessant und spannend sein. Wünschenswert ist die schwierige Gruppe der 35- bis 55-Jährigen. Diese Gruppe ins Museum zu bekommen ist eine besonders anspruchsvolle Herausforderung, die wir u.a. durch familienorientierte Angebote beantworten wollen. Wir möchten unsere Besucherinnen und Besucher auch dazu motivieren, das Naturkundemuseum öfter als nur einmal im Jahr zu besuchen. Durch die ständige Bewegung und durch in Ausstellungen vermittelte Neuigkeiten kann dies durchaus gelingen. Wir wollen die Wahrnehmung „Das habe ich schon gesehen“ im Sinne von „…da gibt’s immer etwas Neues zu sehen“ verändert wissen."

Gibt es Vorbilder?

"Unsere Absicht ist es, selbst Vorbild zu werden! Dazu werden die von uns gewählten Ausstellungsgestalter, das Büro hg merz aus Stuttgart, einen wichtigen Beitrag leisten. Zum Vorbild wurde ja auch das Jagdmuseum in Schloss Stainz zu dessen Neuaufstellung wir ebenfalls einen Beitrag liefern durften."

Dient das Naturkundemuseum ausschließlich zum Ausstellen, oder findet dort auch Forschung statt?

"Für die traditionsreiche naturkundliche Forschungsarbeit des Joanneums wurde in Graz-Andritz in Verbindung mit den Sammlungsdepots, Restaurierungswerkstätten und Labors vor wenigen Monaten ein modernes naturwissenschaftliches Studienzentrum eingerichtet. Im Rahmen der Ausstellungen im Naturkundemuseum in der Raubergasse werden Forschungsergebnisse der Abteilungen Geologie und Paläontologie, Mineralogie, Zoologie und Botanik der Öffentlichkeit laufend präsentiert."

Christian Buchmann, Landesrat für Wirtschaft, Europa und Kultur

„Für mich persönlich ist es eine besondere Freude, dass wir dieses neue Museumsviertel zum 200. Bestandsjubiläum des Universalmuseums Joanneum eröffnen werden. Wir können damit eine kunst- und kulturgeschichtliche Entwicklung in der Steiermark zeigen und neue Projekte verwirklichen. Diese Investition in Kunst und Kultur ist gut angelegtes Geld, und ich bin überzeugt davon, dass die Besucherinnen und Besucher – nicht nur aus Österreich – das Joanneumsviertel als immense Bereicherung wahrnehmen werden.“

Gabriele Russ, Land Steiermark, Leiterin der Abteilung 9 – Kultur

„Das Joanneumsviertel ist ein völlig neuer Kulturbezirk für Graz und die ganze Steiermark. Hier entsteht etwas, das städtebaulich absehbar zu weiteren Impulsen führen wird, wie Erfahrungswerte aus vergleichbaren europäischen Städten zeigen. Ich bin sehr stolz darauf, dass wie seit 2007 kontinuierlich daran gearbeitet haben, besonders der Steiermärkischen Landesbibliothek den ihr zustehenden Rang wieder zurückzugeben. Die angenehme Atmosphäre des Joanneumsviertels wird dazu beitragen, dass diese renommierte Institution aus dem Dornröschenschlaf erwacht.“  

Christoph Binder, Leiter der Steiermärkischen Landesbibliothek

„Die Steiermärkische Landesbibliothek ist von erster Stunde an ein integraler Bestandteil des Joanneums gewesen, und daher feiern wir in der Bibliothek heuer genauso den 200. Geburtstag wie die Sammlungen des Universalmuseums Joanneum. Wir können jetzt zum ersten Mal seit mindestens 50 Jahren sagen: Alles, was uns gehört, ist wieder unter einem Dach versammelt, und im Besucher/innen-Zentrum finden wir alles, was unsere Benutzerinnen und Benutzer brauchen: Technische Hilfsmittel ebenso wie eine ernstzunehmende Freihandaufstellung.“

Wolfgang Muchitsch, Direktor des Universalmuseums Joanneum

„Das Joanneum wurde 1811 mit zwei großen Aufträgen gegründet: Einerseits sollten Zeugnisse aus der Landesgeschichte gesammelt werden, um die „steirische Identität“ zu fundamentieren. Auf der zweiten Seite sollte die Wirtschaft, die Industrie, der Bergbau, die Landwirtschaft gefördert werden durch die Bereitstellung entsprechenden Know-hows. Heute ist das Universalmuseum Joanneum der zweitgrößte Museumskomplex in Österreich, bestehend aus zehn Standorten, in denen wir 17 verschiedene Sammlungsbereiche wissenschaftlich bearbeiten und präsentieren.“  

Peter Pakesch, Intendant des Universalmuseums Joanneum 2002-2015

„Ich glaube, das Joanneumsviertel wird mit seinem Themenmix zwischen Geschichte, Kunst und Natur etwas sehr besonderes bieten und ich bin sehr zuversichtlich, dass der Dialog zwischen den Disziplinen für alle Steirerinnen und Steirer hier ganz neue Perspektiven eröffnen wird. Uns geht es darum, das Verständnis der Welt aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln heraus zu verstärken und zu vertiefen, das ist eine der Grundaufgaben des Museums.“  

Peter Peer, Leiter der Neuen Galerie Graz

„Die Neue Galerie im Joanneumsviertel ist in drei Bereiche gegliedert: Sammlungspräsentation, Wechselausstellungen und BRUSEUM. Die Hälfte des Hauses werden wir als dynamische Sammlungsausstellung aufbauen, das heißt, wir werden verteilt auf zwei Geschosse das 19. und 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart präsentieren und einzelne Themen immer wieder umgestalten. Auch unsere Wechselausstellungen werden sich stark an der eigenen Sammlung orientieren und zeigen, wie sich verwandte Positionen anderswo entwickelt haben.“  

Gudrun Danzer, Kuratorin an der Neuen Galerie Graz

„Wir haben den provokanten Titel Moderne: Selbstmord der Kunst? gewählt, um die Menschen neugierig zu machen auf unsere Ausstellung, die zeigen soll, dass die Moderne die Kunst auf vielen Ebenen befreit hat. Die Sammlung der Neuen Galerie eignet sich sehr gut dazu, in dieser Form eine Frage an die Kunst zu stellen, denn die Sammlungsbestände beginnen mit dem Entstehungsdatum 1800 und ziehen sich herauf bis in die Gegenwart, und sie umfasst alle Medien der bildenden Kunst.“

Günther Holler-Schuster, Kurator an der Neuen Galerie Graz

„Zwischen Hans Hollein und der Neuen Galerie Graz gibt es eine gemeinsame Geschichte in einer sehr wesentlichen Zeit. Und auch ein neues Gebäude, das einen architektonischen Akzent in der Stadt darstellt, mit einer Hollein-Personale zu eröffnen, ist eine sehr stimmige Entscheidung. Seine Leistungen als Künstler, Architekt und Designer in unserem spartenübergreifenden Museum zu zeigen und auch erstmals eine umfassende Monografie zu Hans Hollein vorzulegen, war ein wichtiges Anliegen für die Neue Galerie.“  

Günter Brus, Aktionist, Bild-Dichter und Schriftsteller

„Als sich das Joanneum als Standort des BRUSEUMs ergeben hat, war ich der Überzeugung: Das kannst du machen, es ist mitten in der Stadt, es ist ein Viertel, das noch kulturell ausbaubar ist, und ich war gleich dafür. Die Erwartungen sind mehr oder minder schon geplant, vorstellbar wäre etwa die Einbindung von Künstlern der jüngeren Generation. Und auch die Literatur ist eine bisher vernachlässigte Sache, aber ich habe dem BRUSEUM schon sämtliche Handschriften übergeben, und es ist schon in Arbeit, dass auch dieser Sektor Brus einmal bearbeitet wird.  

Anke Orgel, Leiterin des BRUSEUMs

„Das BRUSEUM wird innerhalb des Joanneumsviertels und der Neuen Galerie Graz zum Kompetenzzentrum für den steirischen Künstler Günter Brus. Zur Eröffnung zeigen wir die Highlights seines umfassenden Werks, in der Folge werden wir Brus’ Werke mit wechselnden Ausstellungen in Gegenüberstellung mit internationalen Kunstpositionen zeigen. Das BRUSEUM ist aber auch eine Forschungsstelle, in der Interessierte aus aller Welt fundierte Antworten auf Fragen zum Werk von Günter Brus erhalten. Wir möchten einen Überblick geben, auch über unsere Sammlung hinaus.“  

Elke Murlasits, ehemalige Leiterin der Multimedialen Sammlungen

„Die neue Ausstellungsfläche der Multimedialen Sammlungen im Joanneumsviertel wird sehr niederschwellig gestaltet und bei freiem Eintritt zugänglich sein. Daneben gibt es eine Kontakt- und Laborzone, in der auch sechs PC-Arbeitsplätze zu finden sind. Man kann dort interaktive Formate erleben, aber auch aktiv in unserer Fotosammlung recherchieren oder eigene Fotos bringen, die in unserer Sammlung einer breiten Öffentlichkeit zugänglich werden. Die Originale können wir in unserem neuen Klimadepot mindestens 100 Jahre lang konservieren und für Ausstellungen oder Publikationen verwenden.“

Joanneumsviertel

Zugang Kalchberggasse
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9100
joanneumsviertel@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten

Neue Galerie Graz
Naturkundemuseum
Di-So 10-17 Uhr
1. Jänner 2017, 13 - 17 Uhr

Steiermärkischen Landesbibliothek
Mo-Fr 9-17 Uhr

Öffnungszeiten OHO!
Di bis Fr von 10 bis 24 Uhr
Sa 9 bis 24 Uhr
So und Feiertag 9 bis 18 Uhr