Gedenkjahre und Jubiläen

Wiederkehrendes Erinnern in Museen und Gedenkstätten

20.-21.11.2025

Bildinformationen

Gedenkjahre und Jubiläen strukturieren Aufmerksamkeit, erzeugen Erwartungen und setzen Themen – doch wie wirken sie auf museale Praxis, auf Geschichtsvermittlung und auf gesellschaftliche Debatten zurück?

Ein Bericht von Omni Krug.

Der Workshop nahm das „Supergedenkjahr“ 2025 mit seinen vielfältigen Ausstellungspraxen zum Anlass, Erinnerung nicht als Selbstzweck zu begreifen, sondern ihre Voraussetzungen und Leerstellen kritisch zu befragen sowie ihre Ziele zu reflektieren - insbesondere im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus.

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Die Museumsakademie „Gedenkjahre und Jubiläen. Wiederkehrendes Erinnern in Museen und Gedenkstätten“ fand am 20. und 21. November 2025 im Nordico Stadtmuseum Linz vor dem Hintergrund eines außergewöhnlich dichten erinnerungspolitischen Jahres statt. 2025 bündelten sich in Österreich gleich mehrere zentrale Daten: 80 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs, 70 Jahre Staatsvertrag und 30 Jahre EU-Beitritt.

Der gegenwärtig feststellbare „Jubiläumsboom“ wirft Fragen auf: Was macht diese Formate in einer pluralisierten, krisenhaften Gegenwart so anschlussfähig? Wann wird Erinnerung zum „Gedächtnistheater“ mit ritualisierten Bekenntnissen – und wie zur produktiven Zumutung? Welche und wessen Geschichten werden durch wiederkehrendes Erinnern verstärkt, welche bleiben randständig? Der Workshop nahm sich zur Aufgabe, Museumspraktiken im Gedenk- und Jubiläumsjahr 2025 nicht nur zu dokumentieren, sondern kritisch zu befragen, ihre impliziten Setzungen offenzulegen und ihre Spielräume zwischen Ritual, Verantwortung und Intervention auszuloten.

Ziel der vorliegenden Dokumentation ist es, die im Workshop aufgeworfenen Fragen, Spannungen und Positionen für nicht anwesende Leser*innen möglichst nachvollziehbar darzustellen. Dafür wurden manche der Beiträge in diesem Bericht chronologisch umgestellt, um Themenblöcke und Sinnzusammenhänge zu akzentuieren.

Ich verfasse diesen Bericht aus einer weißen, queeren und akademisch ausgebildeten Perspektive mit einem Hintergrund in diskriminierungskritischer Kunst- und Geschichtsvermittlung. Der Text ist entsprechend situiert; Auswahl, Gewichtung und Rahmung spiegeln diesen Blick wider – und reproduzieren Leerstellen.

Nach der Begrüßung durch die Workshopleitung fand sich die Gruppe im Kreis zusammen – rund 35 Teilnehmende aus größtenteils österreichischen Stadtmuseen, Gedenkstätten sowie weiteren kultur- und geschichtsfokussierten Institutionen. Zum Ankommen und Kennenlernen wurde ein spielerisches Format eingesetzt: Im Raum verteilte Fotokarten mit Ereignissen, die sich 2025 „rund“ jährten, dienten als Gesprächsanlass. Die Motive spannten einen weiten Bogen, von verschiedenen Ereignissen im Jahr 1945, über die Ermordung George Floyds und die ersten Covid-Impfungen, beides vor 5 Jahren, bis zum Tod von 71 Geflüchteten in einem Kühllaster bei Parndorf vor 10 Jahren, oder auch der BZÖ-Gründung 2005. In drei Runden positionierten wir uns individuell zu den Bildern – zu dem, was für uns ikonisch erschien; zu Ereignissen, die wir nicht erkannten; und zu jenen, an die aus unserer Sicht mehr erinnert werden sollte. Durch das gemeinsame Umhergehen, Stehenbleiben und Austauschen wurden unterschiedliches Wissen, emotionale Bezüge und Leerstellen sichtbar – und Überlegungen zu gerechtfertigten oder problematischen Erinnerungshierarchien zeichneten sich bereits hier als wiederkehrende Linien des Workshops ab.

Zwischen nationalem und globalem Gedenken

Die Workshopleiterinnen Anna Jungmayr und Laura Langeder eröffneten den Workshop mit einem Überblick über das Gedenkjahr 2025, in dem in Österreich und Deutschland insbesondere an das Ende des Nationalsozialismus vor 80 Jahren erinnert wird – ein Datum, das in der postnazistischen Gesellschaft eine spezifische, historisch umkämpfte Bedeutung einnimmt. Dass es heute überhaupt ein öffentliches Gedenken an den Nationalsozialismus sowie eine Anerkennung von Mitschuld gibt, ist maßgeblich dem beharrlichen Einsatz von Überlebenden zu verdanken, die dieses gegen erhebliche Widerstände erkämpften. Zugleich hat sich dieses Gedenken in den letzten Jahrzehnten zunehmend staatstragend institutionalisiert und ritualisiert – nicht selten verbunden mit Formen nationaler Selbstvergewisserung, in denen Fragen nach Täterschaft, Kontinuitäten und gegenwärtiger Verantwortung oftmals in den Hintergrund treten. Gerade angesichts weltweit erstarkender antisemitischer und rechtsextremer Tendenzen stellt sich damit umso dringlicher die Frage, welche Funktion dieses Erinnern heute erfüllt – und wo es seinen kritischen Gehalt zu verlieren droht.

Jungmayr zeigte im Folgenden auf, welche Entwicklungslinien und Verschiebungen sich in den sogenannten „5er“-Gedenkanlässen der vergangenen Jahrzehnte in der offiziell-politischen österreichischen Gedenkkultur abzeichnen. Die 5er-Jahre markieren dabei zwei zentrale Bezugspunkte: 1945 als Ende der NS-Herrschaft und 1955 als Staatsvertrag und Ende der Besatzungszeit. Unmittelbar nach 1945 wurde die Befreiung von der NS-Herrschaft – im Kontext alliierter Re-Education und getragen von ehemaligen Widerstandskämpfer*innen – als solche benannt. Mit dem Kalten Krieg und Bemühungen aller Parteien, ehemalige Nationalsozialist*innen als Wähler*innen zu gewinnen, verschob sich diese Deutung: Aus Befreier*innen wurden Besatzer*innen, während antifaschistische Narrative hinter antikommunistische zurücktraten. Mit dem Staatsvertrag 1955 etablierte sich dieser als zentraler Bezugspunkt – als Erfolgsgeschichte diplomatischer Souveränität, die eine positive Identitätsstiftung ermöglichte und die österreichische Bevölkerung vor allem als Opfer der Alliierten erscheinen ließ, nicht als Mitverantwortliche des Nationalsozialismus. Ob 1945 oder 1955 im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, zeigt daher, welche Narrative in der Gedenkkultur dominieren – jene der Befreiung von einer verbrecherischen Herrschaft oder jene der nationalen Erfolgserzählung – und wie Österreich den Nationalsozialismus bewertet und mit der eigenen Mittäter*innenschaft umgeht. In diesem Kontext erwiesen sich mehrere Ausstellungen als wegweisend für eine kritische Auseinandersetzung mit dem österreichischen Selbstbild; so beispielsweise die reisende Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944  im Jahr 1995 und die Sonderausstellung Heiss umfehdet, wild umstritten – Geschichtsmythen in Rot-Weiss-Rot  2005 in Villach. Als „großes“ Jubiläums- und Gedenkjahr markierte 2015 eine Zäsur, indem das Jahr 1945 im offiziellen Gedenken klar als „Befreiung“ statt „Besetzung“ benannt wurde, während der Staatsvertrag 1955 zum ersten Mal vergleichsweise in den Hintergrund trat.[1]

2025 zeigte sich ein anderes Bild: mehr beteiligte Institutionen, breitere Themen, neue Formate. Inhaltlich ließen sich in diesem Gedenkjahr, so Jungmayr, mehrere Themenkomplexe in (kultur)historischen Ausstellungen erkennen. Einige richteten den Blick auf NS-Verbrechen und österreichische Täter*innenschaft an bislang weniger beachteten Orten, etwa in Kärnten oder im Ötztal. Andere Projekte wiederum verschoben den Fokus auf die Nachkriegszeit, ambivalente Momente von Neubeginn und die alliierte Präsenz, jenseits rein negativer oder vereinfachender Darstellungen – etwa im Wien Museum mit der Ausstellung Kontrollierte Freiheit – die Alliierten in Wien. Wieder andere Zugänge rückten spezifische Perspektiven auf die NS- oder Nachkriegszeit in den Mittelpunkt (etwa Kinder des Krieges – Aufwachsen zwischen 1938 und 1955 im Haus der Geschichte Niederösterreich oder Vergessene Befreiung – Zwangsarbeiter:innen in Berlin 1945 im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit). Oder es wurde sich marginalisierten Themen abseits der zentralen Gedenkanlässe gewidmet: Die Ausstellung Bomben gegen Minderheiten 1993–1996, welche durch verschiedene Institutionen gewandert ist, wurde im Offenen Haus Oberwart anlässlich des 30. Jahrestages des Rohrbombenattentats, bei dem vier Roma ermordet wurden, gezeigt. Ein weites Beispiel hierfür ist die Ausstellung how do you not lose history im Pavelhaus, dreißig Jahre nach dem Genozid in Srebrenica. Gewalt ausstellen – Erste Ausstellungen zur NS-Besatzung in Europa, 1945-1948 im Deutschen Historischen Museum in Berlin oder Nach Hitler – Die Deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Haus der Geschichte Bonn wählten hingegen einen anderen Zugang: Hier wurden historische Jahrestage und das Erinnern selbst zum Gegenstand der Reflexion.

Ausgehend von ihrer Forschung zu Gedenkmuseen untersuchte Ljiljana Radonić in der darauffolgenden Keynote, wie das Jahr 1945 heute im globalen Kontext museal erzählt wird. Die Politik- und Kulturwissenschaftlerin versteht Gedenkjahre als Verdichtungen lokaler, nationaler und internationaler Geschichtspolitiken – als Momente, in denen Erinnerung Identität stiftet, aber auch instrumentalisiert wird. Der Vergleich mit Ostasien mache diese Spannungen sichtbar: In Japan dominiert ein pazifistisches Narrativ rund um Hiroshima, Täter*innen bleiben dabei unsichtbar; Bekenntnisrituale zum Tag des Bombenabwurfs stabilisieren den Status quo. China hingegen inszenierte den 3. September 2025 mit Militär-Siegesparade als machtvolle Selbstvergewisserung – ein Beispiel für die bewusste „weaponization of the past“. Für Österreich beschrieb Radonić aktuelle Beispiele, in denen Gedenkjahre Anlass für Irritation und Öffnung darstellten. Die Intervention Befreiung 1945 – Offenes Ende, brüchige Zukunft hob Abschnitte zu 1945 in der Dauerausstellung des Hauses der Geschichte Österreich hervor: Neonorangene Klebebänder unterbrachen den gewohnten Rundgang und ergänzten vertiefende Geschichten, die widersprüchliche Erfahrungen von Befreiung, Gewalt, Hoffnung und Unsicherheit nebeneinanderstellen. Solche Formate, ebenso wie die Ausstellung Hinschaun! Poglejmo. im kärnten.museum, verweisen auf das Potenzial von Gedenkjahren: Sie können Räume für selbstkritische, konflikthafte Auseinandersetzungen öffnen.

Radonić stellte zum Abschluss ihres Vortrags unterschiedliche museale Narrative zu NS-Zeit, Kriegsende bzw. Nachkriegszeit gegenüber: Täter*innen-, Opfer- und alliierte Perspektiven; individuelle versus kollektive Opfererzählungen; jüdisch/israelische, deutsche und postsozialistische Lesarten. Gerade postsozialistische Kontexte – etwa in Polen – seien von „hot memory“ geprägt, von Spannungen zwischen kommunistischen Mythen (z. B. Selbstbefreiung von Buchenwald) und postkommunistischen Wahrheitsansprüchen. Sie thematisierte zudem Aussparungen emotional und politisch „heißer Erinnerungen“, etwa zu Zionismus oder Auswanderung nach Israel. Der Vortrag machte deutlich: Gedenkjahre sind weder per se kritisch noch affirmativ – sie sind umkämpfte Arenen, in denen sich entscheide, ob Erinnerung ritualisiert oder ob sie produktiv verunsichert wird.

[1] Vgl. Heidemarie Uhl, 1945 - Jahr der Befreiung, online unter sciencev2.orf.at/stories/1760399/index.html

Wiederkehrendes Erinnern: zwei institutionelle Perspektiven

Die folgenden beiden Kurzinputs näherten sich dem wiederkehrenden Erinnern aus zwei unterschiedlichen institutionellen Perspektiven: der eines Stadtmuseums als urbanem Aushandlungsraum und der einer NS-Gedenkstätte als historischem Tat- und Bildungsort.

Andrea Bina, Leiterin des Nordico Stadtmuseums Linz, beschrieb Erinnerung im Stadtmuseum als offenen Aushandlungsprozess, der die facettenreiche Geschichte von Linz widerspiegele: Hitlerbauten, die Geschichte als „Patenstadt des Führers“, spätere Selbstverortung als Friedensstadt: Was davon wird sichtbar gemacht, was rutscht an den Rand? Budgets, Laufzeiten, Teamzusammensetzungen, visuelle Sprachen: Der Vergleich der Linzer „5er“-Ausstellungen 1995, 2015 und 2025 zeige, wie sehr sich nicht nur Inhalte, sondern auch institutionelle Bedingungen verschoben haben. Während Prinzip Hoffnung – Linz zwischen Befreiung und Freiheit 1995 auf die Initiative des damaligen Bürgermeisters zurück ging und Grundlagen ordnete, erzählte Geteilte Stadt – Linz 1945 – 55 20 Jahre später stärker sozialgeschichtlich. Die aktuelle Ausstellung Sehnsucht Frieden - 80 Jahre Kriegsende in Linz versteht Befreiung als offenen, brüchigen Zustand.

Im nächsten Impulsvortrag schilderte Barbara Glück die Erfahrungen und Entwicklungen der von ihr geleiteten KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Sie machte die gegenwärtige Erweiterung einer lange stark ritualisierten Gedenkpraxis deutlich: Seit 1945 wurde das Gedenken am 5. Mai einmal jährlich begangen und von den Überlebenden selbst getragen. Heute verschiebt sich der Fokus hin zu einem kontinuierlichen Verständnis von Gedenken und Vermitteln – 365 Tage im Jahr und über den Ort hinaus. Doch was heißt das konkret? Digitale Formate, individuelle Biografien und Kontinuitäten nach 1945 rücken beispielsweise zunehmend in den Vordergrund. In der Neugestaltung des Gedenkstättenareals des ehemaligen KZ-Außenlagers Gusen wurde deutlich, dass dieser Prozess konflikthaft sein kann: Ablehnung von den Anwohnenden vor Ort traf auf den Anspruch des Teams, Erinnerung gemeinsam zu gestalten: „Alle sollen sich identifizieren“, so Glück. Erst durch kleinteilige, langfristige Beteiligungsprozesse seien bei der lokalen Bevölkerung zunehmend Schwellen abgebaut worden, sich an der Gedenkarbeit zu beteiligen. Erinnerung und Gedenken wird hier als Beziehungsarbeit verstanden.

Gedenkjahre wurden in der sich anschließenden Diskussion als notwendige „Aufmerksamkeitsmaschinen“ beschrieben – zugleich aber als Formate, die zur Harmonisierung neigen, indem sie eine positive kollektive Identität erzeugen (wollen), wo eher Brüche, Widersprüche und Nicht-Zugehörigkeiten bestehen. Und wenn wir uns schon an wiederkehrenden Daten orientieren: Setzen wir den Fokus dann produktiv? Warum hauptsächlich die Befreiung des Lagers am 5. Mai feiern – und nicht kritisch an die Errichtung des Lagers 1938 erinnern? Und was heißt „Nie wieder“, wenn antisemitische, queer*feindliche und rassistische Gewalt alltäglich sind und rechtsextreme Positionen in politischen Entscheidungsräumen zunehmend normalisiert werden?

1945 ausstellen unter aktuellem Vorzeichen: drei Projekte im Jahr 2025

Nach den Kurzinputs zu Stadtmuseum und Gedenkstätte folgten drei Projektvorstellungen, die viele der zuvor aufgeworfenen Fragen konkretisierten – und zugleich neue öffneten. Allen gemeinsam war der Versuch, Gedenkjahre nicht als symbolische Höhepunkte zu behandeln, sondern als Arbeitsanlässe: zum Sammeln, Befragen, Zumuten.

Mit Liberation, Objects! präsentierten Ralf Lechner, Nathalie Soursos und Doris Warlitsch ein multimediales Projekt der KZ-Gedenkstätte Mauthausen. Wöchentlich wurde online eines von insgesamt 52 Objekten, die in Zusammenhang mit dem ehemaligen KZ Mauthausen stehen, aus jeweils anderen Museen, Archiven und Initiativen in Österreich, Deutschland und Slowenien vorgestellt, begleitet von ausführlichen Kontextualisierungen. Ein Beispiel: geschmolzenes Fensterglas aus dem KZ-Außenlager Redl-Zipf, das sich beim Niederbrennen des Lagers am 3. Mai 1945 bildete. Kein heroisches Objekt, kein abgeschlossenes Narrativ – vielmehr ein materieller Rest von Gewalt, Flucht und Zerstörung. Das Projekt setzte mit seinen Objekten, aber auch durch die sich vernetzende Arbeitsweise auf Breite und Dezentralität und warf anlässlich des Befreiungsjubiläums einen Blick auf die Geschichte des KZ-Systems Mauthausen insgesamt. Im Fokus standen damit weniger der Topos „Befreiung“, sondern die Frage, wie tief die Geschichte des Lagers – und der nationalsozialistischen Gewalt – in Österreich und darüber hinaus eingeschrieben ist, sichtbar gemacht durch die Bestände unterschiedlicher Institutionen. Das Befreiungsgedenken fungierte so vor allem als Ausgangspunkt, um diese vielschichtigen Verflechtungen anhand materieller Spuren nachzuzeichnen.

Ebenfalls vernetzt angelegt gestaltete sich das talweite Projekt NS-Zeit im Ötztal, vorgestellt von der Leiterin der Ötztaler Museen, Edith Hessenberger. In den Erfolgserzählungen der Tourismusregion bildeten die Jahre 1938–1945 bislang eine weitgehende Leerstelle. Das Projekt nutzte das Gedenkjahr 2025 bewusst als Hebel – auch finanziell –, um einen Forschungs- und Vermittlungsprozess ins Leben zu rufen, der sich über drei Jahre erstreckte und weit über die insgesamt vier Ausstellungen hinausging. Themen wie Desertation, Widerstand, Krankenmorde oder lokale NS-Akteur*innen wurden aufgegriffen, begleitet von einem offenen Objektaufruf und einem Symposium; Vermittlungsformate umfassten unter anderem eine Graphic Novel über Deserteure und Schul-Schreibwerkstätten. Trotz spürbaren Gegenwinds setzte das 25-köpfige Forschungsteam auf Niederschwelligkeit und Präsenz im öffentlichen Raum, „dort, wo die Leute sind“, verzichtete jedoch bewusst darauf, lokale Befindlichkeiten wie Wünsche nach Anonymisierung zum Maßstab zu machen.

Die Kuratorin und Kulturwissenschaftlerin Martina Zerovnik bündelte Erfahrungen aus vier sehr unterschiedlichen Ausstellungen, an denen sie im Gedenkjahr 2025 beteiligt war: Sehnsucht Frieden im Nordico Stadtmuseum Linz, Kinder des Krieges im Haus der Geschichte Niederösterreich sowie die Wanderausstellungen Hitlers Exekutive – Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus und Zugespitzt – 30 Jahre im Blick der Karikatur. Zerovnik verdeutlichte dabei die Abhängigkeit kuratorischer Entscheidungen von politischen und institutionellen Rahmenbedingungen. Gemein ist den Projekten der Versuch, historische Ereignisse – Kriegsende, Staatsvertrag, EU-Beitritt – mit gegenwärtigen Phänomenen wie autoritären Tendenzen und gesellschaftlicher Polarisierung zu verschränken. Exemplarisch beschrieb sie dies an Hitlers Exekutive: Die Ausstellung war bewusst kostenlos konzipiert und tourte durch verschiedene Bundesländer, wo sie insbesondere auch von Polizeischüler*innen besucht wurde – ein zentraler Zweck war, dass diese sich mit ihrer eigenen Professions- bzw. Institutionsgeschichte auseinandersetzen. Der Gegenwartsbezug entstand über explizite Fragen im Ausstellungsraum – nach den Grenzen von Gehorsam, nach legitimer Polizeigewalt und nach individueller Verantwortung im institutionellen Gefüge. Auch in den anderen Projekten konkretisierte sich die Spannung zwischen dem Anspruch auf Anschaulichkeit, Involvierung und demokratiepolitischer Wirksamkeit einerseits und der Notwendigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und zuzulassen andererseits.

In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Produktionsbedingungen der vorgestellten Projekte: Woher kam der Impuls für Forschung und Ausstellung – und wie frei war man bei der Umsetzung? Für Liberation, Objects! etwa stand der Wunsch nach nachhaltiger Vernetzung im Zentrum: eine digitale Ausstellung, die nicht nach wenigen Monaten verschwindet, sondern weiter genutzt, ergänzt werden und zirkulieren kann. Im Ötztal war der Impuls weniger optional. Für das Regionalmuseum mit dem Auftrag zur Aufarbeitung stellte das Gedenkjahr einen geeigneten Möglichkeitsraum für die Thematisierung der NS-Zeit dar. Explizit formuliert wurde schließlich die Frage, ob die Projekte ohne das Gedenkjahr überhaupt entstanden wären – zwei der Beteiligten antworteten klar mit Nein.

Fragwürdige Ehre: Streiten Sie mit!

Im gemeinsamen Rundgang führten Karin Schneider sowie die Kurator*innen Sebastian Piringer und Martina Zerovnik die Gruppe durch die Ausstellung Sehnsucht Frieden und ermöglichten dabei eine lebhafte Debatte: Wie kann ein Stadtmuseum an die NS-Zeit und die Nachkriegsjahre erinnern, und wie muss – oder darf – es sich bei diesem Unterfangen positionieren? Und wie lassen sich vertraute, aber problematische Repräsentationskonventionen tatsächlich brechen?

Besonders eingehend wurde letzteres anhand des goldgerahmten Ölgemäldes eines NS-Bürgermeisters diskutiert. Trotz der Kontextualisierung durch die Überschrift „Fragwürdige Ehre“ und der Einladung, den Objekten Kommentare auf Post-Its zu hinterlassen, blieb für viele Rundgangsteilnehmende die auratische Wirkung des Objekts durch das Display wirksam. Aus Perspektive der Kurator*innen stellte diese bewusste Setzung hingegen eine zusätzliche Erzählebene dar. Ebenso Anlass für kontroverse Diskussionen boten private Landschaftsfotografien eines Nationalsozialisten, dessen Name auf Wunsch der Nachfahr*innen anonymisiert worden war. Diese Beispiele führten zur Frage, wie kuratorische Entscheidungen – etwa zu Anonymisierung, Leihgeber*innenschutz oder ästhetischer Rahmung – selbst transparent gemacht und mitverhandelt werden können oder sollten. Der Vermittlungsraum mit dem auffordernden Plakat „Streiten Sie mit!“ inszenierte das Museum als positionierten Gesprächspartner und lud explizit zur Auseinandersetzung ein. Dieser demonstrative Gestus der Streitbarkeit machte deutlich, dass Erinnerung hier nicht als abgeschlossenes Wissen verstanden werden sollte. Zugleich ergab sich im Ausstellungsrundgang der Eindruck, dass die Präsentation selbst eher auf vermeintlich neutrales, kontextualisierendes Faktenwissen setzte. Zwischen dem performativen Anspruch, Diskurse zu eröffnen, und der zurückhaltende Sichtbarmachung kuratorischer Setzung tat sich damit eine Spannung auf: Wie positioniert ist eine Ausstellung, die Streit anbietet, ihre eigene Perspektive dabei jedoch als allgemeingültig bzw. neutral inszeniert? Und: Was soll – vor dem Hintergrund der zunehmenden Delegitimierung und Abwehr des Holocaust-Gedenkens – in einer Ausstellung, in der es auch um den Nationalsozialismus geht, überhaupt streitbar sein?

Nach den kuratorischen Perspektiven des ersten Tages verschob sich der Blick im Folgenden auf die Vermittlungsebene – dorthin, wo Erinnerung nicht nur gestaltet, sondern auch verhandelt, angenommen oder zurückgewiesen wird. Damit rückten kritische Geschichtsvermittlung, Community Engagement und die Aushandlung dominanter sowie ausgeblendeter Geschichte(n) ins Zentrum.

Vom historischen Lernen zur kritischen Vermittlung

Den zweiten Workshoptag eröffnete der Impulsvortrag des digital zugeschalteten Geschichtsdidaktikers und Oberstudienrats Markus Drüding, der seine Perspektive aus der schulischen Geschichtsvermittlung entwickelte. Ausgehend von seinem Buch Historische Jubiläen und Historisches Lernen[2] nahm er zunächst eine begriffliche Schärfung vor: Jubiläen und Gedenktage seien keine neutralen Zeitmarken, sondern sozial, politisch, ökonomisch und religiös aufgeladene Formate, die Aufmerksamkeit bündeln, Deutungen stabilisieren und Interessen organisieren. Ihr gegenwärtiger Boom – nicht nur in Österreich– verweise weniger auf ein gesteigertes Geschichtsinteresse als auf ihre Funktion als leicht mobilisierbare Anlässe öffentlicher Geschichtskultur.

Dem stellte Drüding ein anderes Verständnis von historischem Lernen gegenüber: Lernen bedeute nicht das Übernehmen fertiger Narrative, sondern die analytische Auseinandersetzung mit historischen Deutungen – Rekonstruktion und Dekonstruktion, um Erfahrungen zu verstehen und in den Orientierungsrahmen der eigenen Lebensrealität einzuordnen. Zentral sei dabei der Gegenwartsbezug. Historisches Lernen vollziehe sich immer innerhalb „aktueller Geschichtskulturen“ und benötige „professionelle Anleitung“, etwa durch Schulen und Museen. Historische Methodenkompetenz, so Drüding, sei keine Zusatzqualifikation, sondern Voraussetzung, um Jubiläen überhaupt „produktiv nutzen“ zu können.

Jubiläen, hier nicht primär im Kontext der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit betrachtet, beschrieb er als „Diskursmaschinen“: Sie erzeugen Teilhabeversprechen, laden zur Beteiligung ein und produzieren gleichzeitig starke Narrative. Gerade darin liege ihr didaktisches Potenzial – und ihr Risiko. Anstatt Jubiläen lediglich zu bespielen, plädierte Drüding dafür, sie gemeinsam mit Schüler*innen und Besucher*innen zum Gegenstand der Analyse zu machen, etwa durch partizipative Ausstellungsprojekte, die Konstruktion, Auswahl und Auslassungen offenlegen. Sein Fazit fiel entsprechend pragmatisch aus: Historische Jubiläen verschwinden nicht. Entscheidend sei daher, sie proaktiv zu gebrauchen – in Museen wie in Schulen, als Anlass für historisches Lernen.

 

[2] Markus Drüding: Historische Jubiläen und historisches Lernen. Frankfurt am Main: Wochenschau Verlag, 2020.

Mit Renate Höllwart und Simon Nagy von trafo.K, einem Wiener Büro für Kunstvermittlung und kritische Wissensproduktion, verschob sich der Blick schließlich explizit auf die Frage, wie mit Vermittlung in hegemoniale Erzählungen interveniert werden kann.

Der Gegenwartsbezug gilt in ihrer Praxis als gegeben und muss nicht erst hergestellt werden – entscheidend ist vielmehr, ihn direkt zu adressieren. Statt gewünschtes bzw. erwartetes Sprechen zu reproduzieren – ausgelöst beispielsweise durch die indirekte Aufforderung „Wir erinnern jetzt an die NS-Zeit“-, setzten die Projekte auf Strategien des Platznehmens und Eingreifens.

Anlässlich des Jubiläums von Mexikos Einspruch gegen den „Anschluss“ Österreichs 1938 entstanden 2018 am Wiener Mexikoplatz 2018 unter dem Titel ¿Und was kann ich dagegen tun? temporäre Räume des Versammelns, Erzählens und Protestierens – Geschichtsbezug nicht als erzwungener Rückblick, sondern als Anlass für gegenwärtiges Handeln. Diese Haltung spiegelte sich auch im nächsten vorgestellten Projekt wider: trafo.K begleitete die kuratorische Konzeption der Ausstellung Blick in den Schatten. St. Pölten und der Nationalsozialismus des Stadtmuseums von St. Pölten aus Vermittlungsperspektive – von Beginn an, mit einem Fokus auf die Präsenz von Brüchen und Kontinuitäten des Nationalsozialismus in der Gegenwart. Entwickelt wurden Formate, die gezielt auf Positionierung und Mitdenken zielen. Postkarten, die Fragen, Bilder und kurze Texte versammeln, luden die Besuchenden dazu ein, sich zur Ausstellung zu verhalten und das Gezeigte, um gegenwärtige Perspektiven zu erweitern – sie wollten mitgenommen, bearbeitet und diskutiert werden. Bereits im Vorfeld der Ausstellung entstanden zudem in Workshops mit Schüler*innen und Künstlerinnen Beiträge, in denen die Beteiligten zu Mitautor*innen wurden und die Sichtbarkeit und Wirksamkeit von Geschichte außerhalb des Museumsraums befragten.

Eine Wortmeldung brachte Zweifel zum Ausdruck: Sei es nicht widersprüchlich, an Ausstellungskonzeptionen mitzuwirken und zugleich gegen sie zu intervenieren – wie in der Ausstellung in St. Pölten geschehen? Die Antwort seitens trafo.K lautete: Nein – Ausstellungen seien keine abgeschlossenen Ergebnisse, sondern offene Gefüge. Kritische Geschichtsvermittlung werde hier als emanzipatorische Praxis verstanden, die Irritation zulässt und vor allem Handlungsspielräume ermöglicht und eröffnet.

Zwischen Nähe und Reichweite: Community Engagement analog und digital

Die darauffolgenden Kurzinputs knüpften an die Vermittlungsdebatten an und verlagerten die Aufmerksamkeit weiter auf den Aspekt des Community Engagements: Erinnerung erschien hier ebenfalls weniger als kuratorisches Produkt denn als sozialer Prozess, der Beteiligung, Aushandlung und Verantwortung voraussetzt.

Die Historikerin und Kuratorin Johanna Zechner nahm mit Erlauf erinnert - Museum der Friedensgemeinde Erlauf die Geschichte des 2015 gegründeten Museums in den Blick. Sie schilderte, wie sich die lokale Erinnerungskultur in Erlauf bereits lange vor der Museumseröffnung aus einer zivilgesellschaftlichen Praxis herausbildete, ausgehend vom historischen Treffen zweier Generäle im Mai 1945. Diese materialisierte sich durch jährliche „Friedensfeiern“ und künstlerische Interventionen. Zechner zeichnete das Bild einer fragilen Situation infolge der Musealisierung, in der der Betrieb überwiegend ehrenamtlich organisiert wurde, die Öffnungszeiten stark eingeschränkt blieben, Schulgruppen fehlten und die Ressourcen knapp bemessen waren. Zudem entstand der Eindruck, dass die Gründung des Museums anlässlich des 70-jährigen Jubiläums zwar Sichtbarkeit erzeugte, zugleich aber die Dynamiken der zuvor vorhandenen Selbstorganisation lähmte – was die Frage aufwirft, wie Erinnerung lokal getragen werden kann, ohne in institutionelle Abhängigkeiten zu kippen oder durch diese zu verschwinden.

Wie Erinnerung geteilt und angeeignet wird, stand auch im Mittelpunkt des Beitrags von Marlene Wöckinger. Als Vermittler*in an der KZ-Gedenkstätte Mauthausen erweiterte Wöckinger den Aspekt des Community Engagements um digitale Formate und Öffentlichkeiten – und erreicht mit Videos auf TikTok internationale Sichtbarkeit und Millionen von Aufrufen. In kurzen Videoclips werden hier offene Fragen in den Raum gestellt, Eindrücke von der Gedenkstätte geteilt und biografische Geschichten erzählt. Zugleich thematisierte Wöckinger die Ambivalenzen dieser Formate und immer wieder neu zu beantwortende Fragestellungen: Emotionalisierung durch Musik und Bildsprache, algorithmische Logiken und fehlende Ressourcen für die Kommentarspaltenmoderation. Vermittlung wird hier zum Balanceakt zwischen Niederschwelligkeit und Haltung, zwischen Reichweite und Verantwortung. Diese Aspekte fanden auch Eingang in eine Reihe von Schulworkshops – Short videos, lasting memories  –, in denen Kurzvideos als pädagogisches Tool erprobt wurden.

Dominante und marginalisierte Geschichte(n): Wer erinnert, wer fehlt?

Im moderierten Gespräch zur Schlüsselfrage „Jubiläen und Gedenkjahre als Chance oder Hindernis für die Sichtbarmachung von Minderheitengeschichte?“ stellte Cornelia Kogoj zunächst zentrale Projekte der Initiative Minderheiten vor. Ziel der seit 1991 agierenden Initiative ist eine „minderheitengerechten Gesellschaft“, wichtige Aspekte davon Sichtbarkeit und Empowerment anstatt stellvertretender Repräsentation. In Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration (Wien Museum, 2004) erzählten Beteiligte ihre Geschichte selbst und entschieden als Autor*innen über Objekte und Auslassungen (etwa bewusst keine ikonischen Koffer). Romane Thana. Orte der Roma und Sinti (2015) und Was wir fordern! Minderheitenbewegungen in Österreich (seit 2021) klärten auf und legten politische Kämpfe offen, während die Wanderausstellung Man will uns ans Leben. Bomben gegen Minderheiten 1993–1996 (seit 2024) den Fokus auf die Opfer und Überlebenden der Bombenanschläge in Österreich in den 1990er Jahren legte und diese an den jeweiligen Tatort-Städten zum Thema machte. Letztere Ausstellung war unter anderem auch als Erinnerung an den häufig ausgeblendeten, „hausgemachten“ Extremismus gedacht und wurde aus Mitteln der „Extremismusprävention“ finanziert.

In der Diskussion mit Anna Jungmayr kam auch der rechtswidrige Polizeieinsatz an der Gedenkstätte Museum Peršmanhof/Muzej Peršman am 27. Juli 2025 zur Sprache, der zeitlich ins Gedenkjahr fiel.[3] Kogoj las den Vorfall als Bruchmoment, der Angst und transgenerationale Traumata der Kärntner Slowen*innen reaktivierte („Jetzt fangen die wieder an“) und bestehende Fragen nach Sichtbarkeit und Schutz von Minderheiten und Anerkennung ihrer Geschichte neu zuspitzte: Wessen Erinnerungen werden gesellschaftlich getragen und anerkannt – und wessen nicht?

Deutlich wurde zugleich der Wunsch minorisierter Gruppen nach Historisierung jenseits von Jubiläen: Minderheitengeschichte darf nicht nur anlassbezogen, sondern muss dauerhaft in großen Museen präsent sein – konkret, wissensbasiert, als Teil allgemeiner Geschichte. Die Diskussion kreiste damit um ein spannungsgeladenes Phänomen: Jubiläen können Türen öffnen und Ressourcen mobilisieren; sie bergen aber das Risiko, Sichtbarkeit zu temporalisieren.

 

[3] Vgl. Presseaussendung des Društvo/Verein Peršman zum Polizeieinsatz an der Gedenkstätte und im Museum Peršman, 27.7.2025, online unter www.persman.at/de/presseaussendung-des-drustvo-verein-persman-zum-polizeieinsatz-an-der-gedenkstaette-und-im-museum-persman-27-07-2025-2; Bundesministerium für Inneres (Hg.): Bericht der Expertinnen‑ und Expertenkommission Peršmanhof. Wien 2025, online unter: www.bmi.gv.at/Downloads/files/Bericht_Persmanhof_DE_Web.pdf

Die „Box öffnen“? Fragen statt Antworten

Anstelle eines abschließenden Fazits eröffnete Karin Schneider ein gemeinsames Reflexionsformat in Anlehnung an das dialogische Vermittlungsformat Wir öffnen die Box. Gemeinsam über schwierige Geschichte sprechen am Nordico Stadtmuseum Linz.

Methodisch verlief die Reflexion in mehreren Schritten: Zunächst hielten die Teilnehmenden individuell fest, wo sie in ihrer eigenen Praxis genauer hinschauen, weiterdenken oder kritisch bleiben möchten – in Resonanz zu den zurückliegenden beiden Workshoptagen. Die Notizen wurden anschließend gemischt und jeweils neu verteilt, sodass jede*r einen anonymen „Fall“ bearbeitete – verbunden mit der Frage, mit wem man diese Leerstelle oder Problemstellung gemeinsam betrachten könnte. In Zweiergesprächen wurden die Fälle zu einem übergeordneten Problemzusammenhang zusammengeführt und im Anschluss mit der gesamten Gruppe besprochen. Genannt wurden dabei Themen wie: Wann ist Gedenken überhaupt „erfolgreich“? Wie lassen sich Räume – physisch wie gedanklich – offenhalten, sodass (Erinnerungs-)Lücken nicht versteckt werden? Wie „erinnern?“ statt „erinnern!“? Welche Rolle spielen Informations- und Wissensvermittlung in einem Feld, das zugleich von Aushandlungsprozessen, Emotionen und Positionierungen geprägt ist? Muss sich ein Museum zwischen faktenbasierter Einordnung und dialogischer Offenheit entscheiden – oder liegt gerade in ihrer Verschränkung seine Stärke?

Die Beiträge und auch die gemeinsamen Tage zeigten überaus deutlich, wie unterschiedlich diese Fragestellungen institutionell verhandelt und beantwortet werden. Vielleicht führt jedoch schon die Gegenüberstellung von Wissen und Aushandlung in die Irre. Denn Museen, so eine der abschließenden Wortmeldung, arbeiten stets mit Narrativen – in der Kuration wie in der Vermittlung. Sie wählen aus, rahmen, setzen Akzente und geben damit immer auch eine Richtung vor. Nicht das Zulassen verschiedener Stimmen allein ist entscheidend, sondern welche Erzählungen hergestellt werden, mit welchen Motivationen und mit welchem Bewusstsein für die eigene (Macht-)Position. Geschichte wird im Museum permanent konstruiert – und gerade diese Konstruktionsleistung gilt es zu reflektieren, offenzulegen und selbstkritisch zu verhandeln, statt sie hinter einer Rhetorik von vermeintlicher Neutralität oder Offenheit zu verbergen.