29. Februar 2016 / Barbara Ertl-Leitgeb

Spuren und Assoziationen in Constantin Lusers Bodenzeichnungen

Kunsthaus Graz

Constantin Luser im Gespräch mit Monika Holzer-Kernbichler und Barbara Ertl-Leitgeb über die Bodenzeichnungen in der Ausstellung Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie im Kunsthaus Graz.

Monika Holzer-Kernbichler (MH): Was bedeutet Zeichnen für dich?

Constantin Luser (CL): Das Zeichnen ist schon fast seit Jahrzehnten ein Begleiter für mich. Es ist ein Medium des Tagebuches, das ist wirklich mein Begleiter – ich trage es immer mit mir herum, zum Teil über Jahre. Es sind einzelne Bücher, die ich langsam anfülle, und so mache ich eine eigene Bibliothek, einen Fundus, aus dem sehr viel abgeleitet werden kann. Die Essenz aus diesem zeichnerischen Formenschatz – auch dem verinnerlichten – kann ich dann transformieren, und ich kann mich so am Boden noch selber weiter fortführen. In anderen Techniken und anderen Größen. So ist es sehr klein und miniaturhaft, wird dann aber größer. Es hat mich immer interessiert, aus dem Kleinen auch wieder herauszukommen. Die Zeichnung wird immer präziser und kleiner, das ist quasi endlos. Es sind dann aber auch nur feine Nuancen – man kann sich auch im Kleinen, im Detail verlieren.

 

MH: Es ist ein permanenter Prozess? Immer im Fluss?

CL: Im Idealfall ist es so, dass der künstlerische Motor auf Dauerbetrieb „Standgas“ weiterfährt. Das ist besser, als momentan die riesengroße weiße Leinwand zu bearbeiten und dann wieder monatelang vorzubereiten und nachzudenken. Ich arbeite lieber immer dahin.

Bodenzeichnung in der Ausstellung "Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie", Foto UMJ / N. Lackner

Bodenzeichnung in der Ausstellung “Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie”, Foto UMJ / N. Lackner

Barbara Ertl-Leitgeb (BE): Wie ist es zur Entscheidung gekommen, den Boden als Zeichengrund zu verwenden?

CL: Wir haben uns dafür entschieden, in der Ausstellung Musikinstrumente zu zeigen und bis auf das zentrale Podest keine Einbauten  zu machen. Um mit der Leere und Weite des Bodens zu spielen und weil wir auch keine Zeichnungen hängen, ist die Entscheidung gefallen, eine Bodenzeichnung zu machen. Es bietet sich an, da hier eine so große Fläche ist.

 

BE: Welche Spuren hast du vorgefunden, welche hast du aufgegriffen?

CL: Der ganze erste Teil der Bodenzeichnungen beschäftigt sich eigentlich nur mit den Spuren. Es sind große Schlieren oder Kratzer vorhanden. Man sieht Spuren von vielen Ausstellungen. Die einzige, die man jedoch wirklich lesen kann, ist diese große Spur von Sol LeWitts Mauer. Hier hab ich sozusagen einen Pfad begonnen, der dann abzweigt. Es ist alles durchnummeriert, wie 284 einzelne Streifen. Ein schöner Weg zum Gehen durch die Ausstellung.

 

BE: Ein „Sol-LeWitt-Gedächtnisweg“?

CL: Ja, genau. Man geht genau innerhalb der Mauer. Das, was früher die Seiten getrennt hat, ergibt jetzt wirklich einen schönen Weg mit einer Schleife. An diesem Weg richtet sich die Zeichnung auch ein bisschen aus. Und der Rest sind eben sehr große Spuren, die – ich glaube, schon ziemlich von Anfang an – vom Betongießen da waren.

 

MH: Wie ist die Bodenzeichnung praktisch entstanden?

CL: Bevor ich angefangen habe, war alles noch unaufgeräumt.  Sobald die Aufmerksamkeit am Boden war, habe ich bemerkt, dass da eine totale Unruhe ist, dass es Schleifspuren oder Wischspuren gibt. Eigentlich hat das einen menschlichen Radius. Das habe ich dann sofort aufgegriffen und herausgearbeitet, und auch die ganzen Fehler und Kratzer markiert, um sie dann einzubauen. Es ist so etwas wie eine Bestandsaufnahme – der erste Schritt war, die Fehler und Eigenheiten des Bodens aufzugreifen und daraus langsam etwas zu verdichten und zu vernetzen, zu verspinnen und anzureichern.

 

MH: Es ist sehr reizvoll, wenn sich der Schatten der Drahtskulptur in diese Bodenzeichnung einmischt. Wenn es diffus wird, wird es spannend und manchmal sogar ein bisschen unheimlich. Man muss oft zwei Mal schauen, was es jetzt ist, auch mit dem schwarzen Draht, wenn die Grenzen verschwimmen: Was ist im Raum und was auf der Fläche? Die Zeichnung per se ist etwas Zweidimensionales, und so wächst es hinaus in den Raum.

Luser: Ja, genau! Und für solche Sachen ist der Raum wieder ideal geeignet. Er hat die nötige Höhe, wie ein Theater, um einen Scheinwerfer zu positionieren, damit es noch scharf ist. Der Raum ist zum Verbündeten geworden, aber am Anfang war es noch ein seltsames Gefühl.

 

Constantin Luser, "H3: Das Inselkollektiv, Versenkung", 2015,

Constantin Luser, “H3: Das Inselkollektiv, Versenkung”, 2015,

 

BE: Inwieweit empfindest du diese Zeichnungen als einzelne Objekte? Oder als Dinge, die so zu einem gesamten Universum zusammenwachsen und sich verdichten?

CL: Ich probiere die Bodenzeichnungen so weit zu verdichten, dass es als Eines wahrgenommen wird. Ich mache einzelne Felder, aber es wird im Grunde offen gelassen. Es sind sehr viele abstrakte Dinge, und je nach  Blickwinkel wirkt es dann wieder anders.

 

BE: Es gibt eine Spur mit der Bezeichnung „Vermessung der Welt“?  Nimmt diese Bezug auf die gleichnamige Ausstellung?

CL: Es ist einfach eine Assoziation, die ganze Bodenzeichnung ist assoziativ angelegt. Man kann immer um die Zeichnung herum gehen. Es gibt auch immer sehr viele Perspektiven, die nicht stimmen und die man nicht erkennt. Bei den Gesichtern ist die Richtung am klarsten. Da ist das Auge auch am besten geschult, etwas zu erkennen.

 

Bodenzeichnung in der Ausstellung "Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie", Foto UMJ / N. Lackner

Bodenzeichnung in der Ausstellung “Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie”, Foto UMJ / N. Lackner

BE: Können diese Gesichter auch an konkrete Personen erinnern?

CL: Ja, es hat ja jeder einen eigenen Bekanntenkreis. Es macht das Ganze menschlicher mit Gesichtern.

 

BE: Die Bodenzeichnung erinnert an eine Landkarte, mit der ich auf Entdeckungsreise gehen kann.

CL: Die vielen Fehler im Boden bekommen so eine ganz andere Bedeutung. Sie sind teilweise eingekreist, wie Inseln. Ein heller Fleck, markante Punkte. Mit der Mehrfachlinie kommen auch Schattierungen heraus, klassische Modellierungen.

 

BE: Wie eine Erinnerung?

CL: Ja, eine Unschärfe … es ist je nach Perspektive entweder ein Vogel oder eine Gans, oder ein Hase. Etwas Ungreifbares oder auch ein bisschen Unheimliches … die „Bestien“!

 

Eine der unzähligen Bodenzeichnungen, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Eine der unzähligen Bodenzeichnungen, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

BE: Die Bewegung ist hier auch ein Thema?

CL: Ja, das ist eine andere Art der Betrachtung. Du stehst quasi mitten drinnen.

 

BE: Wie ist es für dich, wenn der Ausstellungsbesucher auf deinen Zeichnungen herumgeht?

CL: Ich finde das gut. Die Zeichnung ist oft etwas sehr Kleines, Verschwindendes, was in manchen Zusammenhängen auch untergeht. Sie kann sich oft nicht den nötigen Raum verschaffen. Hier ist es aber so, dass du ihr überhaupt nicht entkommst. Und das finde ich gut.

 

BE: Was passiert am Ende der Ausstellung mit den Zeichnungen?

CL:  Sie werden wieder verschwinden.

 

BE: Ist eine Dokumentation davon geplant?

CL: Ja, wir machen eine Dokumentation, die dann in den Ausstellungskatalog kommen wird.

 

 

Verschaffe dir selbst bei einer persönlichen Entdeckungsreise einen Eindruck von den zahlreichen Bodenzeichnungen in der Ausstellung “Constantin Luser. Musik zähmt die Bestie”!

 

 

Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: Constantin Luser


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