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25. September 2017 / Sarah Resch

Play `Go` – lab10 im Interview

Kunsthaus Graz

Im Rahmen der Ausstellung play! wird es möglich sein, auf der BIX-Fassade das Strategiespiel GO zu spielen. Möglich macht das die Genossenschaft lab10 mit dem Projekt P4P (play for privacy). Dabei steht zwar das Spiel im Vordergrund, es soll aber auch eine Botschaft vermittelt werden.

Wie das alles funktioniert und welche Botschaft das ist, haben mir Thomas und David von lab10 in einem Interview erklärt.

Thomas ist der Project Owner, eine Mischung aus Projektleiter und Mädchen für alles, wie er selbst sagt. David hingegen ist vor allem für die Architektur der Software verantwortlich und achtet darauf, dass alles rund zusammenläuft. Beide machen dieses Projekt freiwillig und ihnen liegt vor allem das Thema Blockchain am Herzen. Einerseits gibt es einen Hype um dieses Thema und es wird in vielen Zeitschriften darüber berichtet, andererseits weiß kaum jemand, wie es funktioniert – das soll geändert werden.

Wer oder was ist lab10?

T: Das lab10 ist eine Genossenschaft mit derzeit 21 Teilhabern, die alle aktiv mitarbeiten.

D: Wir beschäftigen uns mit Dezentralisierung, Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre. Unser Ziel ist es, das Wissen um diese Themen in der Bevölkerung zu fördern. Dafür arbeiten wir daran, ein Bildungsprojekt aufzubauen, das ab 2019 mindestens 30 Teenager in diesem Bereich ausbilden soll. Projekte wie P4P dienen dazu, einem breiten Publikum ein intuitives Verständnis der Blockchain zu vermitteln.

Was genau ist eine Blockchain?

D: Das Internet ist im Prinzip auf einem dezentralen Netzwerk aufgebaut. In den letzten Jahren haben sich aber auf dem Internet zentralisierte Netze gebildet, kontrolliert vor allem von großen Internetkonzernen wie Google, Facebook, Apple und anderen. Aus einem Netzwerk, in dem eigentlich jeder gleichberechtigt sein sollte, haben sich damit einige wenige zentral kontrollierte Netzwerke aufgebaut, die zu Quasi-Monopolen führen, wie etwa im Bereich Soziale Netzwerke, Internetsuche und Online-Werbung. Alle diese Konzerne sind darauf ausgerichtet, die Daten ihrer User zu sammeln, zu analysieren und daraus kommerzielle Vorteile zu schlagen – „data is the new gold“.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, diesem Trend entgegenzuwirken. Wenn man zum Beispiel vom „Darknet“ oder „Deep Web“ hört, dann wird von einem Netzwerk gesprochen, das auf dem Internet aufbaut, ihre Teilnehmer aber anonymisiert. Internetkonzerne können hier keine personalisierten Daten abschöpfen. Eine weitere Möglichkeit ist eben die Blockchain. Auch sie baut ein anonymes, verteiltes Netzwerk im Internet auf, das eine öffentliche, verteilte Datenbank abbildet, die keiner zentralen Kontrolle unterliegt.

Und das wollt ihr mit dem Projekt P4P vermitteln?

T: Mit dem Projekt P4P wollen wir diese transparente Anonymität veranschaulichen. Im Grunde funktioniert es folgendermaßen: Jeder soll anonym teilnehmen können. Trotzdem werden die Vorgänge, die im Laufe des Spiels stattfinden, sowohl im Bereich der Teilnahme als auch die Spielzüge, transparent dargestellt und dadurch zur Metapher für die Blockchain.

D: Die meisten klassischen Spiele, wie etwa GO oder auch ein Kartenspiel, haben sehr viel mit der Blockchain gemeinsam. Das Konzept der Blockchain ist dadurch intuitiv zu verstehen. Bei einem Spiel denkt man, es ist nicht ernst und es geht ja um nichts. Tatsächlich ist man in kaum einem anderen Lebensbereich so strikt wie beim Spielen. Das drückt sich in spielspezifischen Redewendungen aus, wie „berührt, geführt“. Sobald man einen Spielstein berührt hat, muss man ihn auch führen. Oder „was liegt, das pickt“. Im realen Leben ist alles immer ein bisschen verhandelbar, aber im Spiel sind die Regeln fix, man kann sie nicht verändern. Ein Spiel macht ja auch nur dann Spaß, wenn sich alle an die Regeln halten.

Und das ist bei Blockchain auch so?

D: Das ist bei Blockchain auch so, genau. Im Grunde kann man sich ein Spiel als eine Aneinanderreihung von Entscheidungen vorstellen, die, wenn einmal gesetzt, nicht mehr umkehrbar sind. Am Anfang eines Spielzuges existieren unzählige Möglichkeiten, sobald man sich dann entschieden hat, ist es aber final. Man findet einen Konsens über den Spielzug, den man für den besten hält, und wenn man die Entscheidung getroffen hat, ist sie unumkehrbar. Genau so ist es in der Blockchain. Am Anfang steht die Konsensfindung, bei der eine gemeinsame Entscheidung über den nächsten Veränderungsschritt getroffen wird. Sobald die Entscheidung getroffen wurde, wird sie final als neuer Block in die Blockchain eingefügt, wie ein Zug in einem Spiel, und kann nie wieder verändert werden. Dadurch realisiert man die beiden Begriffe Konsens und Finalität. Diese hat man in einem Spiel wie GO genauso wie in der Blockchain.

Warum habt ihr euch für GO entschieden?

D: Wir wollten etwas, das nicht zu einfach ist. Die Idee ist es nämlich, zu zeigen, dass komplexe Probleme gemeinsam gelöst werden können. Zwei der erfolgreichsten und bekanntesten Strategiespiele sind Schach und GO. Komplexe Schachfiguren darzustellen, ist auf der BIX leider nicht möglich. GO aber passt perfekt, da man dafür nur runde, schwarze und weiße Spielsteine benötigt, passend zu den runden Leuchtelementen der BIX.
Um die verteilte Konsensfindung in der Blockchain zu symbolisieren, lassen wir nicht einfach zwei einzelne Spieler/innen gegeneinander antreten, sondern zwei beliebig große Teams, die als Crowd-Intelligenz die Entscheidung über den nächsten Spielzug treffen.

Wie wird das Spielen dann für die Teilnehmer/innen funktionieren?

T: Es gibt zwei Möglichkeiten, mitzumachen. Grundsätzlich geht man zum Login auf die Website, also es handelt sich um ein Online-Spiel. Dann gibt es zwei Wege: Entweder man hat schon eine Kryptowährung, dann kann man einen Coin einwerfen und mitspielen. Die zweite Möglichkeit besteht für Leute, die neu sind, noch keinen Zugang haben und keine Kryptowährung besitzen. Für die stellt das Kunsthaus Freispiele zur Verfügung. Dazu geht man auf die Website und gibt ein Kennwort ein, wodurch man die Spielerlaubnis erhält. Danach sind alle Spieler/innen gleichberechtigt und können bei GO, das auf die BIX-Fassade des Kunsthauses übertragen wird, mitspielen. Durch Zufall wird man einem der beiden Teams zugeordnet. Dann kann man am Computer Spielzüge auswählen. Der Spielzug, auf den die Mehrheit des Teams gesetzt hat, wird durchgeführt. Man sieht aber gleichzeitig, welche Spielzüge die anderen machen wollen.

Wie funktioniert diese Kryptowährung?

T: Unser Ziel ist es ja, dieses Thema zu vermitteln. Das heißt, wir wollen nicht nur die Leute begeistern, die bereits in dem Thema drinnen sind, sondern auch andere. Und für diejenigen wollen wir eine Möglichkeit bieten, sich dem Thema anzunähern. Wir wollen sie an das Thema auf eine spielerische Art und Weise heranführen. Wie das mit der Währung funktioniert, erkläre ich am besten am Beispiel der Urwährung, dem Bitcoin. Bitcoins werden dadurch erschaffen, indem du Strom verbrennst. Das heißt, du steckst deinen Computer an, lässt ihn etwas rechnen und daraus entsteht ein Bitcoin. Indem du Strom verbrennst, legst du einen Wert rein. Wir möchten als Gegenpart nicht die Maschinen, die etwas machen, in den Mittelpunkt stellen, sondern den Menschen. Wir möchten einen Wert kreieren durch ein Gut, das niemandem schadet, sondern sich vermehrt. Und zwar durch die Gedanken. Unsere Idee ist, dass jeder mitspielen kann. Man setzt seinen Geist und zehn Minuten seiner Zeit ein, man erbringt also eine Leistung im Spiel. Im Vergleich zu Bitcoin, wo eben durch Energieverbrauch ein Coin erstellt wird, schürft man hier durchs Spielen einen Coin. Beim Bitcoin ist es ein „proof of work“, bei uns ein „proof of play“.
Am Ende dieses Spiels haben dann alle Spieler/innen die Möglichkeit, einen Coin vom Kunsthaus zu erhalten. Ein Sammelgut sozusagen, weil er ja einen Wert hat. Jeder, der schon eine Kryptowährung hat, bekommt das einfach auf seine virtuelle Geldbörse. Wenn Spieler/innen einsteigen, die noch keine virtuelle Geldbörse haben, dann bekommen diese am Ende des Spiels eine Anleitung, wie sie sich, falls sie das möchten, eine solche erstellen können. Es besteht auch die Möglichkeit, davon etwas zu spenden.

Und was haben diejenigen davon, die sich davor noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben?

D: Eine spielerische Aufklärung über ein aktuelles und relevantes Thema.

 

Wie seid ihr auf das Kunsthaus als Partner gekommen?

T: Ein Teammitglied von uns hat schon einmal ein Projekt gemeinsam mit dem Kunsthaus gemacht und er hat die Idee eingebracht, dass wir eben im Kunsthaus etwas spielerisch darstellen können, und das hat dann perfekt gepasst.

Was erhofft ihr euch von der Zusammenarbeit?

T: Dass wir sowohl das Thema als auch uns als Verein oder Genossenschaft publik machen. Aber auch, dass wir dazulernen. Gerade über so ein Projekt, wo viele von außen dazukommen, kann man sehr viel lernen.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

T: Unsere Genossenschaft soll auf drei Standbeinen aufgebaut werden: Forschung, Bildung und Projekte erschaffen, die etwas bewegen. Ein erster Schritt ist eben das Projekt P4P.

 

Los gehts du bist dran!

Play `Go` http://play.lab10.coop/

Lesen Sie mehr zum Thema:

Die Zeit in der Jugendgruppe

Spielen – play for connections

 

Hier erfahren Sie mehr über die Ausstellung:

play! Translocal: Museum as Toolbox

Kategorie: Kunsthaus Graz
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