SUPERFLEX und Jens Haaning, “Number of Visitors”, 2005, Foto: Kunsthaus Graz/N. Lackner

15. Juni 2020 / Barbara Steiner

Nach welchen Kriterien zählt man virtuelle Besuche?

Kunsthaus Graz

#KunstimNetz: Digitale Kulturangebote, wohin man schaut. Selbst Kultureinrichtungen, die bislang nicht durch besondere Nähe zu digitalen Kulturen aufgefallen sind, rüsten sprichwörtlich auf: virtuelle Rundgänge durch Sammlungen, Online-Kunstvermittlung, digitale Kunstprojekte. Der Auszug der Kultur (und Kunst) ins Netz scheint unausweichlich. Was würde ein solcher Umbau bedeuten? Katrin Bucher (KB), Martin Grabner (MG), Katia Huemer (KH), Elisabeth Schlögl (ES), Barbara Steiner (BS), Anita Brunner (AB) äußern sich bis zur Wiedereröffnung des Kunsthauses wöchentlich über Digitalisierung im Kulturbereich, Chancen und Risiken.

KB: Über unserer Eingangstür hängt die Arbeit Number of Visitors von Superflex. Das Zählwerk bewegt sich nun schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Da wir ja keine „visitors“ im physischen Raum haben, kommt für mich erneut die Frage auf, ob wir die Besucher/innen unserer digitalen Projekte zählen sollten und wie das am sinnvollsten geschehen könnte. Wie viel Zeit muss man als Besucher/in mit den Inhalten verbringen? Interessant wäre diesbezüglich auch, die Auswertung der Kunstprojekte im Social-Media-Bereich heranzuziehen. Diese Arbeiten sind ja eigens dafür entstanden. Wie verhalten sich Nutzer/innen und wann können wir sie als Besucher/innen zählen?

AB: Wir können selbstverständlich auf der Website die Zeit des Besuchs messen und wir sehen auf Social Media, wie Leute mit den Inhalten interagieren. Die schwierigere Frage ist eher, welche Kriterien eine Online-Besucherin, ein Online-Besucher erfüllen muss, um gezählt zu werden. Das könnte projektbezogen erfolgen, etwa wenn man seine Teilnahme mit einem Online-Formular deklarieren muss. Die Ausstellungen im Netz wären bestimmt sinnvoll, aber was wäre dafür eine angemessene Zeit? Auf Ausstellungsseiten verbringen Menschen zwei bis drei Minuten, je nachdem, wie viel Content wir zur Verfügung stellen. „Liken“ alleine ist meiner Meinung nicht genug Interaktion, aber mit einem Kommentar sieht es schon anders aus. Sollten wir nicht Mindestkriterien definieren, die erfüllt werden müssen? Ich schätze ein solches Unterfangen als längeren Prozess ein, vor allem was die öffentliche Akzeptanz betrifft. Aber wenn wir das schaffen, könnten wir wegweisend für andere Kultureinrichtungen sein.

BS: Auch Besucher/innen, die physisch eine Ausstellung im Kunsthaus besuchen, verweilen bei manchen Werken nur sehr kurz. Deutlich weniger als zwei bis drei Minuten. Bereits 2001 haben Lisa Smith und Jeffrey Smith im Rahmen einer Studie im Metropolitan Museum of Art in New York festgestellt, dass die durchschnittliche Verweildauer vor einem Kunstwerk bei 27,2 Sekunden lag, der untere Wert bei 17 Sekunden und die längste gemessene Zeit bei 3 Minuten 48 Sekunden – bei einer einzigen Person vor einem Gemälde von Rembrandt. 2016 wurde die Studie im Art Institute in Chicago mit einer größeren Auswahl von Kunstwerken, einem längeren Beobachtungszeitraum und einer gesonderten Messung für das Studium der Beschriftungstafeln wiederholt. Und das Ergebnis unterscheidet sich kaum. Ist der bezahlte Besuch mehr wert? Klar, es braucht Kriterien für den virtuellen Besuch. Und es ist Zeit, diese zu entwickeln. Beteiligung ist für mich zählbar, wenn jemand sein Einverständnis zur Beteiligung gibt, wenn es Interaktionen gibt, die in eigene Beiträge münden, wenn wir explizit ein Kunstprojekt umsetzen, das nur für Social Media oder in anderer Hinsicht als Netzprojekt gedacht ist.

KB: Bei Interaktionen, die Beiträge liefern, halte ich bereits GIFs oder Fotos für eine kreative Interaktion. Am besten machen wir die Projekte, bei denen wir zählen, über einen Hashtag sichtbar und nachvollziehbar. Beispiel: #KunstimNetz. Ich würde durchaus auch Blogbeiträge ab einer bestimmten Lesezeit zählen.

MG: Ich finde den Vorschlag wichtig, die virtuellen Besucher/innen ​nicht nur zu zählen, sondern auch die Zahlen sichtbar zu machen. Besonders da wir derzeit Number of Visitors von Superflex haben. Die eine richtige Zahl über alle Kanäle zu finden, ist allerdings nicht leicht, weil hier völlig unterschiedliche Größenordnungen bestehen und die jeweiligen Kennzahlen gefunden werden müssen, die am besten untereinander und mit dem physischen Besuch korrespondieren. Die drei über einen Zeitraum von drei Wochen auf Instagram gelaufenen Videos von Oliver Hangls Arbeit WEIRDING 2 erzielten in Summe rund 466.000 Sichtkontakte von 232.000 Personen. Von diesen lief 18.563 Mal ein Video über die volle Länge von knapp 30 Sekunden und sie resultieren in 1.583 Interaktionen (Likes, Comments, Shares). Das ist ein Faktor von fast 300! Welche Zahl korrespondiert nun am ehesten mit einem Besuch im Kunsthaus, das im Jahr 2019 rund 83.000 Besucher/innen zählte?

AB: Es ist absolut notwendig, sich die verschiedenen Statistiken zu unserer Präsenz anzuschauen und deren Bedeutung zu verstehen. Das betrifft einerseits den Entscheidungsprozess für oder gegen die Auswahl der Daten und in der Folge die Argumentation gegenüber der Öffentlichkeit.

MG: Meist laufen Arbeiten auch auf mehreren Kanälen, die unterschiedlich funktionieren: Instagram, Facebook, Homepage der Institution. WEIRDING 2 lief als unmittelbar aus dem Konzept der Arbeit abgeleitetes Experiment „disruptiv“ auf der Homepage des Kunsthauses. Nach Zufallsprinzip erschien es anstatt der normalen Seite bei einem bestimmten Teil der Seitenaufrufe als ungewollte Störung, die auch bei der Nutzung der Homepage durch Mitarbeiter/innen im Arbeitsalltag zu Irritationen führte – und damit das künstlerische Ziel erreichte. Eine Besuchszählung im Netz muss gut durchdacht und abgestimmt erfolgen, um Relevanz zu haben. Man sollte das nicht anlassbezogen und überhastet machen, auch wenn es zurzeit gute Gründe gibt, sich solche Gedanken zu machen.

AB: Es hat schon viele Veränderungen gegeben. Julia Kaginsky bringt es sehr gut auf den Punkt: „…for a long time, most museums saw success as traffic to their websites, but we’re redefining that charge as traffic to the museum’s content, no matter where that content is.“

Kategorie: Kunsthaus Graz
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