Koki Tanaka

Koki Tanaka

7. Juli 2016 / Barbara Steiner

Liverpool-Biennale 2016

Kunsthaus Graz | Museumsalltag

Meine erste Dienstreise führte mich nach Liverpool, genauer gesagt: Ich reiste zur Eröffnung der Liverpool-Biennale.

Wie der Name schon sagt, findet die Liverpool-Biennale alle zwei Jahre statt und verteilt sich auf mehrere Orte in der Stadt. Die Orte wechseln – diesmal war u. a. das ABC Cinema gegenüber der Lime Street Station Teil der Biennale, ein phänomenales Art-Deco-Gebäude aus dem Jahre 1931, gleich gegenüber dem berühmten alten Britannia Adelphi Hotel.

Die Stadt

Es sind diese und ähnliche Gebäude, an denen man den alten Wohlstand Liverpools ablesen kann. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden weite Teile des Welthandels über den Hafen von Liverpool abgewickelt, doch schon in den 1950er-Jahren nahm die Bedeutung Liverpools als Hafen- und Industriestandort ab. Seitdem hat sich die Stadt mehrfach verändert. Um aus der wirtschaftlichen Flaute der 70er- und 80er-Jahre herauszukommen, setzte man auf Dienstleistungen, Kultur und Tourismus: In diesem Zusammenhang wurde u. a. 1988 die Tate Liverpool in den Albert Docks eröffnet, 1999 die Biennale ins Leben gerufen und Anfang des Jahrtausends die Idee zu Liverpool ONE, im Grunde eine riesige Shoppingzone in der Innenstadt, geboren. Heute schieben sich privatisierter, kommerzialisierter und öffentlicher Raum ineinander – wohin auch immer man schaut, sind Grenzen schwer auszumachen. Die Liverpool-Biennale hat sich von Anfang an mit den politischen und wirtschaftlichen Transformationen in der Stadt befasst und diese wiederholt zum Thema genommen.

Mein 1. Treffen mit Koki Tanaka

Der Grund meiner Dienstreise war der japanische Künstler Koki Tanaka. Ich hatte ihn eingeladen, im Sommer 2017 für das Kunsthaus Graz eine Ausstellung zu realisieren und wollte daher seinen Biennale-Beitrag anschauen. Ein Foto von Dave Sinclair, der den „School Students Strike“ von 1985 fotografierte, bildete den Ausgangspunkt. Damals hatten Zehntausende Schüler/innen gegen Bildungsmaßnahmen der Regierung protestiert. Genau diesen Marsch wiederholte Tanaka mehr als 30 Jahre später mit den Protagonistinnen und Protagonisten von damals bzw. mit deren Kindern. Diesmal kam jedoch nur eine Handvoll Personen. Nun könnte man meinen, damit wäre Tanakas Projekt gescheitert. In den Filminterviews, die Tanaka selbst, aber auch Jugendliche mit den damals Beteiligten führten – gefilmt aus verschiedenen Kameraperspektiven – verändert sich im Laufe der Zeit die Einschätzung gegenüber dem historischen Ereignis: Mit der wiederkehrenden Erinnerung kommen auch Enthusiasmus und der Glaube an die Wirkmächtigkeit des politischen Protests zurück. Und dieser Funke übertrug sich auch auf die Besucher/innen der Open Eye Gallery, in der Tanakas Arbeit gezeigt wurde. Gleichzeitig wird klar, dass sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändert haben. In den Gesprächen diskutieren Eltern und Kinder darüber und erörtern mögliche Formen eines heutigen Protests. Koki Tanaka hat den Ausstellungsort bestens gewählt, nicht nur weil genau an dieser Stelle der historische Protestmarsch endete, sondern auch weil die Open Eye Gallery selbst für das gegenwärtige Liverpool und seine grundlegende Umwandlung in eine Kultur- und Tourismusstadt steht. Der Kontrast zwischen den Bildern, die Liverpool im Jahr 1985 zeigen, und der heutigen Stadt drückt sich auch im Erscheinungsbild des Gebäudes selbst aus.

Koki kommt nach Graz

Letztendlich konnte ich Koki Tanaka nicht nur davon überzeugen, in Graz auszustellen, sondern auch eine neue Arbeit zu realisieren – quasi als Fortsetzung von jener in Liverpool.  Nun gilt es ein ähnlich einschneidendes historisches Ereignis in Graz bzw. der Steiermark zu finden. Die Suchkriterien sind: Es muss eine deutliche zeitliche Differenz zum Hier und Jetzt geben, dennoch sollte das Thema Aktualität besitzen, sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben und ein Gefühl von Aufbruchsstimmung in sich tragen.

Tanaka macht pro Jahr nur sehr wenige Einzelausstellungen. 2017 nimmt er darüber hinaus an der Biennale von Venedig und an den Skulptur Projekten in Münster teil. Beides sind wichtige Kunstereignisse im nächsten Jahr. Dass Koki Tanaka zu uns kommt, freut mich also außerordentlich und war bei der kurzfristigen Anfrage nicht unbedingt zu erwarten.

Koki Tanaka

Koki Tanaka, A Pottery Produced by 5 Potters at Once (Silent Attempt), Zusammenarbeit, Video Dokumentation (75 min), 2013

Koki Tanaka

Koki Tanaka, Provisional Studies: Action #6 1985; School Students, Strike Date: 5 June 2016, Gemeinsame Handlung, Dokumentation der Aktion, 2016

Kategorie: Kunsthaus Graz | Museumsalltag
Schlagworte: Logbuch Barbara Steiner


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