7. März 2017 / Barbara Steiner

Koki Tanaka und Zwentendorf

Kunsthaus Graz | Museumsalltag

Bei seinem ersten Besuch in Graz im Dezember 2016 stellte sich bereits heraus, dass Koki Tanaka aus Anlass seiner Einzelausstellung im Kunsthaus einen neuen Film drehen würde. Nun hat sich sein Vorhaben konkretisiert.

Ausgangspunkt ist der gemeinsame Protest von Menschen gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerks Zwentendorf in den späten 1970er-Jahren.  Zum Zeitpunkt der Volksabstimmung am 5. November 1978 stand das Kernkraftwerk bereit zur Aufnahme seiner Produktion, ein hauchdünner Überhang von 50,5 % gab den Ausschlag, das Vorhaben aufzukündigen. Tanakas Entscheidung für das Thema Zwentendorf hat nicht zuletzt auch mit dem großen Erdbeben und der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 und den nachfolgenden kollektiven Aktionen, mitunter auch stillen Protesten, in Japan zu tun.

Im Dezember und Februar traf sich Koki Tanaka in Graz mit Protagonistinnen und Protagonisten von damals, aber auch mit ihren Kindern bzw. Jugendlichen von der BG/BRG Kirchengasse-Schule.

AKW Zwentendorf, Foto: Magdalena Reininger

AKW Zwentendorf, rechts: Koki Tanaka, links: Elisabeth Schlögl, Foto: Magdalena Reininger

Filmdreh in Österreich

Am 19. April kommt Tanaka mit einer japanischen Filmcrew nach Österreich, um den Filmdreh vorzubereiten. Am 21.4. wird dann eine Gruppe von elf Personen, die aufgrund von Kriterien wie Alter und beruflichem Hintergrund von Koki Tanaka zusammengestellt wurde, das Lied „Der Atomstrom“ (Text von der Agitprop-Gruppe Graz; Gstanzlmelodie) umschreiben, ihn also ins Heute übersetzen. Das klingt zunächst einmal nach einem schwierigen Unterfangen. Mir kam auch sofort eine andere Arbeit von Tanaka in den Sinn: A Piano Played by Five Pianists at Once (First Attempt)

Ein Piano, das von fünf Pianisten zeitgleich gespielt wird

Tanaka hatte vier Musiker und eine Musikerin eingeladen, vor laufender Kamera „a soundtrack for collective engagement“ (eine Tonspur für ein kollektives Engagement) zu komponieren. Die einzige Regel lautete: “to play one piano with all the pianists playing together” (ein Piano mit allen Pianisten gemeinsam zu spielen). Bei dieser und ähnlichen Arbeiten motiviert Tanaka Einzelpersonen zu einer kollektiven Aktion, die zunächst unmöglich bzw. schwierig erscheint. Um die Aufgabe zu bewältigen, müssen sich die Mitwirkenden untereinander austauschen, Gemeinschaftssinn und Kreativität entwickeln und zugleich neue Regeln des Verhandelns und der Zusammenarbeit ausloten. So ähnlich stelle ich mir auch das gemeinsame Songschreiben in Graz vor. Auch dieser Prozess wird gefilmt und aufgenommen.

Koki Tanaka, A Piano Played by 5 Pianists at Once (First Attempt), 2012, Videostill

Die Fahrt nach Zwentendorf

Am 22. April möchte Koki Tanaka Teilnehmer/innen von damals, ihre Kinder bzw. heutige Jugendliche zu einer Fahrt nach Zwentendorf einladen, um dort das tags zuvor getextete neue Lied gemeinsam  zu spielen und zu singen. Auch diese Phase des Projekts wird aus mehreren Kameraperspektiven gefilmt und aufgenommen.

Glücklicherweise unterstützt uns die EVN, der das ehemalige Atomkraftwerk gehört, auf verschiedenen Ebenen. So ist auch der Dreh am Wochenende kein Problem.

AKW Zwentendorf, Foto: Magdalena Reininger

AKW Zwentendorf, Foto: Magdalena Reininger

Wie Koki Tanaka in seinem Konzeptpapier schreibt, geht es bei dem Projekt „nicht um Nostalgie, sondern um die Gegenwart. Die Zukunft, für die man damals kämpfte, ist unsere Gegenwart, und unsere Gegenwart ist für jemand anderen Zukunft.”

Wie bei der Vorgängerarbeit, die im Rahmen der Liverpool-Biennale 2016 realisiert wurde, ist der Ausgangspunkt auch diesmal ein gesellschaftliches Ereignis, das eine deutliche zeitliche Differenz zum Hier und Jetzt aufweist, jedoch nach wie vor Aktualität besitzt, das sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat und heute noch ein Gefühl von Aufbruchsstimmung zu erzeugen in der Lage ist.

Schaltwarte AKW Zwentendorf, häufig als Filmkulisse verwendet, Foto: Magdalena Reininger

Schaltwarte AKW Zwentendorf, Foto: Magdalena Reininger

Schaltwarte AKW Zwentendorf, Foto: Magdalena Reininger

 

Kategorie: Kunsthaus Graz | Museumsalltag
Schlagworte:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Benutzen Sie diese HTML Tags und Attribute:

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>