Birgit Johler in einem der Gärten des Volkskundemuseums, auf die noch Großes zukommt.

27. Februar 2020 / Alina Lerch

Interview mit … Birgit Johler

Allgemein | Museumseinblicke

Das Volkskundemuseum hat seit 07.01.2020 bis zum Frühjahr 2021 geschlossen. Kuratorin Birgit Johler gibt Einblicke in die Umbaupläne und erzählt interessante Geschichten, die ihr im Zuge der Sammlungsaufrufe erzählt wurden.

Wie bist du beim Volkskundemuseum gelandet?

Ich habe Volkskunde in Wien studiert, wo ich lange als Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin in verschiedenen Museen gearbeitet habe. Die letzten zweieinhalb Jahre war ich im Haus der Geschichte Österreich tätig. Im Sommer 2019 bin ich nach Graz gekommen, weil mich die Herausforderung, eine neue permanente Ausstellung in einem Volkskundemuseum mitzugestalten, sehr gereizt hat.

Bist du mit konkreten Ideen an dieses Projekt herangegangen?

Was mir sehr am Herzen liegt, ist, zu schauen, was volkskundliche Museen in der Gegenwart leisten können. Welche Themen können sie aufgreifen, um ein Museum „mittendrin“ zu sein, also mitten in der Gesellschaft? Es ist für ein Museum wichtig, sich immer wieder die Frage zu stellen: „Welche Themen sind für die Gesellschaft relevant?“, und genau darauf wollen wir aufbauen. Um das umsetzen zu können, wollen wir unter anderem mit verschiedenen Gruppen bzw. Communitys zusammenarbeiten. Dies ist in der Vergangenheit schon geschehen, unser Wunsch ist es, dieses Projekt zu intensivieren. Diese Gruppen werden bei der inhaltlichen Gestaltung der Ausstellung helfen, indem sie uns etwa ihre Geschichten erzählen und Objekte vorschlagen. Außerdem werden wir aktiv mit verschiedenen Museen zusammenarbeiten, um eventuell neue Sammlungszugänge aus diesen Kooperationen gewinnen zu können.

Seit dem 07.01. ist das Volkskundemuseum geschlossen. Wie weit seid ihr mit der Planung für das neue Volkskundemuseum?

Zum einen haben wir einige Architektenteams eingeladen, die uns Vorschläge für die neue Dauerausstellung präsentieren, zum anderen haben wir einige bauliche Änderungen im Visier, die als Erstes umgesetzt werden. Wir möchten hier das „Bewegen durch das Haus“ attraktiver gestalten. Diese Änderungen werden gerade geprüft, es fehlen nur noch Details. Das Museum besitzt einige Gärten, die wir inhaltlich mehr in das große Ganze einbauen möchten, zum Beispiel, wenn es um das Thema „Mensch und Klimawandel“ geht. Das gesamte Museumsareal soll in die Ausstellung integriert werden – vom Trachtensaal über die Antoniuskirche bis zu den Gärten.

Wie läuft der Planungsprozess ab? Was sind die wichtigsten Schritte?

Im Sommer habe ich die Grundlinien für das Ausstellungskonzept erstellt und mit den Kolleginnen und Kollegen sowie dem wissenschaftlichen Beirat diskutiert und erweitert. Wir haben verschiedene Gruppen wie die Sammlungsgruppe oder die Inhaltsgruppe, die sich immer wieder updaten und gemeinsam Ideen und Lösungen finden. Im Herbst gab es einen Workshop mit „BWM Architekten“, wo wir Bedürfnisse geäußert und mögliche Umsetzungen besprochen haben. Im Laufe des Herbstes ist hier ein Konzeptpapier entstanden, das die Grundlage für die Auslobung der Gestalter/innen war. Ich leite das Inhaltsteam und kann von uns berichten, dass wir uns wöchentlich einen Nachmittag zum Besprechen und Diskutieren nehmen, der quasi „open end“ verläuft. Diese Besprechung kann eine, aber auch drei Stunden dauern.

Wo beginnen die Umbauten? Was ist als Erstes dran?

Mit Ende Jänner bauen wir die derzeitigen Ausstellungen ab, wollen aber auch schauen, welche Teile wir im Sinne der Nachhaltigkeit behalten können. Dann werden die baulichen Maßnahmen in Angriff genommen. Was daraufhin folgt, liegt bei den Gestalterinnen und Gestaltern der Ausstellung, die uns die genauen Pläne demnächst präsentieren werden.

Birgit Johler in der berühmten Rauchstube, die auch in der neuen Ausstellung wieder ihren Platz finden wird.

Birgit Johler in der berühmten Rauchstube, die auch in der neuen Ausstellung wieder ihren Platz finden wird.

Am 05.12. und 06.12. gab es die ersten Termine zum Sammlungsaufruf. Wie hast du diese Tage erlebt?

Es sind einige Leute mit sehr spannenden Objekten und Geschichten zu uns gekommen. Uns ist es wichtig, dass zu jedem Objekt etwas erzählt werden kann, da uns die Verbindung zwischen Objekt und Mensch interessiert. Wir nehmen uns sehr viel Zeit für die Geschichten, um möglichst viel über die Objekte erfahren zu können, vor allem auch bei Fotobüchern, die wir bekommen. Natürlich kann es auch vorkommen, dass wir ein Objekt nicht annehmen können, wenn wir beispielsweise schon etwas Vergleichbares in der Sammlung haben oder es keine Hintergrundgeschichte dazu gibt. Die Aufrufe laufen permanent weiter, wir möchten gerne in die Regionen gehen, um auch „aus Graz rauszukommen“.

Kannst du uns ein paar dieser Geschichten von den Menschen erzählen, die zu euch kommen?

Ja, eine meiner Lieblingsgeschichten handelt von einer Fliegenklatschen-Sammlung. Ein Mann hat uns eine große Sammlung von Fliegenklatschen aus aller Welt in den unterschiedlichsten Größen, Formen, Farben und Materialien vorbeigebracht. Er hat aufgrund einer Wespen-Phobie angefangen zu sammeln bzw. hat er immer wieder solche „Hilfsobjekte“ geschenkt bekommen. Es ist sehr spannend, wie sich aus dieser Phobie eine Installation im eigenen Wohnbereich entwickelt hat, wenn dann also quasi die Phobie von der Decke hängt.

Ein kleiner Einblick in die Sammlung. Foto: Birgit Johler

Ein kleiner Einblick in die Sammlung. Foto: Birgit Johler

Ein anderer Herr hat uns Objekte aus seiner Zeit als Kellner in der Steirischen Weinstube, wo jetzt das Casino ist, gebracht. In den späten 60ern und 70ern hat der Chef einen neuen Trend nach Graz geholt: das Schneckenessen. In der Nähe von Graz haben die beiden eine Schneckenzucht begonnen und diese als Delikatesse in der Weinstube angeboten. Mit dem Ende der Weinstube hörte auch der Trend auf. Heute ist Schneckenzüchten wieder aktuell, wenn man bedenkt, was man in Zukunft anstelle von Fleisch essen wird. Bekommen haben wir übrigens eine Schneckengabel, eine Schneckenpfanne und auch ein Kochbuch, das der Chef damals herausgegeben hat. Auch Zeitungsartikel der damaligen Berichterstattung haben wir übernommen.

Weitere Infos zum Sammlungsaufruf und wie Sie daran teilnehmen können, erfahren Sie hier: www.volkskundemuseum-graz.at/sammeln

Was sind deine derzeitigen Aufgaben?

Ich arbeite mit meinem Team am Konzept weiter, recherchiere Objekte und Geschichten dazu, aktualisiere unsere Sammlungsrichtlinien, entwickle Kooperationen und ich bin in einem der Vorbereitungsteams, die den Umbau mitplanen. Es gibt also immer genug zu tun (lacht)!

Bilder: Alina Lerch, Birgit Johler

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