Foto: Rolfe Horn

13. September 2021 / Katia Huemer

Im langen Jetzt 1/2

Kunsthaus Graz

The Long Now Foundation hat es sich zum Ziel gesetzt, die Wahrnehmung der Menschen auf lange Zeitabläufe zu schulen und hat zu diesem Zweck eine eigene Uhr erfunden, die wartungsfrei für die nächsten 10.000 Jahre funktionieren soll. Wozu das alles?

Der kalifornische Aktivist und Whole-Earth-Catalog-Herausgeber Stewart Brand entwickelte Mitte der 1990er-Jahre die Vorstellung, dass gesellschaftliche Entwicklung auf unterschiedlichen Zeitebenen stattfindet.[1] Man stelle sich eine Eislauf-Formation vor, die sich mit ungleicher Geschwindigkeit im Kreis dreht: Die Langsamkeit des innersten Kreises ist etwa mit der Entstehung von Gletschern oder mit evolutionären Vorgängen gleichzusetzen; der nächstliegende Kreis beschreibt die Entwicklung jahrhundertealter Kulturen, der darauffolgende jene von Herrschaftssystemen, die meist Jahrzehnte oder Jahrhunderte überdauern.

Schon wesentlich schneller finden infrastrukturelle Entwicklungen statt (der Bau von Straßen und öffentlichen Einrichtungen z. B.), die im nächsten Kreis beschrieben werden, bis man schließlich – im Kreis ganz außen – zu Mode und Stilen gelangt, welche die Wirtschaft am Laufen halten und dafür sorgen, dass wir über unsere Gegenwart von einer „schnelllebigen Zeit“ sprechen. Das Problem, das Brand in diesem Zusammenhang erkannte, ist, dass wir diese unterschiedlichen Zeitebenen sehr leicht verwechseln oder nicht als solche erkennen, was zu unverhältnismäßigem und unvernünftigem Handeln verleitet. Beispielsweise das Treffen weitreichender politischer Entscheidungen auf Basis von Meinungsumfragen, also aufgrund eines momentanen Stimmungsbilds. Oder etwa das Wegwerfen einer PET-Flasche in die nächstgelegene Restmülltonne – worauf diese dann (im besten Fall) auf einer Deponie landet, wo sie die nächsten 100 bis 5000 Jahre als toxischer Müll die Umwelt belastet.

Kurzum: Handlungen, die heute leichtfertig und gedankenlos gesetzt werden, haben mitunter enorme Auswirkungen auf zum Teil unvorstellbar lange Zeiträume. Brands Lösung für dieses Dilemma ist, die Vorstellung für größere Zyklen zu veranschaulichen und ein größtmögliches Bewusstsein für lange Zeitabläufe zu schaffen. So gründete er 01996 (eine fünfstellige Jahresangabe zu etablieren ist Teil des Vorhabens) die „Long Now Foundation“, mit dem Ziel, den Blick der Menschheit auf eine wirklich weite Zukunft zu öffnen – auf eine Zeitspanne, die unsere Vorstellungskraft auf eine harte Probe stellt. Denn es fällt schwer, sich eine Zukunft nach der eigenen Lebensspanne oder zumindest jener der eigenen Kinder und Enkelkinder vorzustellen, geschweige denn eine Zukunft zu imaginieren, die 500, 1.000 oder 10.000 Jahre in der Ferne liegt.

Um diese Vorstellungskraft zu schulen, entwickelte Brand gemeinsam mit dem Erfinder Danny Hillis eine Uhr, die praktisch wartungsfrei 10.000 Jahre einwandfrei funktionieren soll. The Clock of the Long Now soll dabei helfen, in langen Zeitspannen denken zu lernen und dadurch differenzierte Aufmerksamkeit für das gegenwärtige Tun herzustellen. Ein nobles, wenn auch hehres Ziel in einem Zeitalter der maximalen Beschleunigung.

[1] Vgl. dazu Douglas Rushkoff, Present Shock. Wenn alles jetzt passiert, Freiburg 2014, S. 138 ff.

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