13. Juli 2017 / Tristan Schulze

{Ghost} – Interview mit Tristan Schulze

Kunsthaus Graz

Künstliche Intelligenz, Big Data, Filterblase und Fake News. Alles brandaktuelle Themen des kommenden Kunstprojekts Ghost am Kunsthaus Graz. Wir treffen den Entwickler hinter diesem digitalen Projekt. Unser Treffpunkt: ein Kaffeehaus nahe dem Kunsthaus – direkt an der Mur. Draußen ist Nieselregen, drinnen wird Kaffee getrunken und geraucht. Schulze erscheint ein wenig spät, aber bester Laune zum Interview.

Ich lese den Projektnamen Ghost in Kombination mit künstlicher Intelligenz und Daten und verbinde damit sofort den „Ghost in the Shell“-Plot, der ja erst neulich im Kino war. Täusche ich mich da?

Ja, das trifft es schon ganz gut. Einige Inspirationen für das Projekt kommen in der Tat von der Comicvorlage – wobei mich immer der philosophische Teil der Geschichte am meisten interessiert hat, der verzweifelte Versuch, eine klare Trennlinie zwischen Mensch und Maschine zu zeichnen.
Ich bin für dieses Jahr 2017 sehr eng mit dem Kunsthaus verbunden und habe die letzten Monate dafür verwendet, eine große digitale Arbeit zusammen mit der Kuratorin Elisabeth Schlögl für das Kunsthaus vorzubereiten. Ghost ist der Spitzname der künstlichen Intelligenz, die ich für das Kunsthaus Graz entwickelt habe. Man kann sich Ghost wie ein künstliches Gedächtnis vorstellen, das alle digitalen Inhalte des Kunsthauses aufnimmt und in einen eigenen Kontext zueinander setzt.

Das klingt nach einem komplexen Auftrag. Woher kommt die Inspiration? Warum KI? Warum am Kunsthaus? Gibt es einen Zusammenhang mit der Architektur?

Die Inspiration zu dem Projekt kommt in der Tat von der architektonischen Grundidee, deren Ursprungsgedanke es war, ein transparentes, durchsichtiges Haus zu schaffen. Von Konzept bis zur Umsetzung ging dabei einiges verloren, und aus der durchsichtigen Fassade wurde die BIX-Medienfassade, welche wieder diese Transparenz herstellen sollte.
In diesem Zusammenhang kam mir die Idee, nicht nur das abzubilden, was im realen, für uns wahrnehmbaren Raum passiert, sondern die BIX als ein Sichtfenster zur digitalen Welt zu betrachten. Ich fragte mich daher: Wie sieht das Kunsthaus im digitalen Metaspace aus? Welche Form hat es? Woraus besteht es? Wie ändert es sich im Laufe der Zeit?

Das Kunsthaus hat als solches eine sehr organische Anmutung. Sie haben den Grundgedanken also logisch weitergeführt – dahin, dass der Friendly Alien in der Lage ist, zu denken?

Bei Begriffen wie Denken oder Lernen bin ich immer vorsichtig  kann eine Maschine so lernen, wie wir es tun, bzw. in der Form, die wir darunter verstehen? Aber im Groben, ja.

Um es zu verstehen: Die künstliche Intelligenz „lernt“ also von dem, was z. B. auf der Webseite und auf den sozialen Profilen des Kunsthauses gepostet wird, richtig?

Ja genau. Ich spreche hier aber bewusst nicht von einem Lerneffekt, denn mit „Lernen“ hat das bis zu dem Zeitpunkt noch wenig zu tun. Die rohen digitalen Daten werden zunächst vom System in ein loses Netz zusammengefügt. Das eigentlich Spannende am Projekt ist, dass Ghost trainiert werden kann. Training bedeutet hier: Die gesammelten Informationen in einen „sinnvollen“ Zusammenhang zu bringen. Dieses Training übernimmt kein Team von Experten oder etwa ein ominöser Algorithmus selbst, sondern das Publikum des Ghost. Also jeder Nutzer mit einem internetfähigen Gerät kann Ghost trainieren, d. h. der künstlichen Intelligenz etwas beibringen, allgemein gesagt.

Dann sprechen wir also sogar von einer Art kollektiver künstlicher Intelligenz, die von uns allen lernen kann?

Kann man so sagen.  Ich möchte mit dem Projekt vor allem einige Fragen aufwerfen: Wenn wir rein handwerklich in der Lage sind, künstliche neuronale Netze zu entwickeln, was wollen wir dieser Intelligenz dann beibringen? Was soll diese Intelligenz für uns tun?  Und, was ich für besonders wichtig halte: Was sagt das über uns aus? Warum sind wir so fasziniert davon, die Maschine immer menschlicher werden zu lassen?

Wie sieht die Interaktion mit dem Ghost aus, wie kann ich mir das vorstellen?

Um mit dem Ghost in Kontakt zu treten, habe ich eine kleine WebApp entwickelt, die auf jedem einfachen internetfähigen Gerätes funktioniert. Der Dialog ist denkbar einfach: Ghost entwickelt kleine Fragen, die ich „Ideen“ nenne, die der Nutzer dann über einen einfachen Ja-nein-Dialog beantworten kann. Man kann dem Ghost auch mitteilen, worüber man sprechen möchte.

Das bedeutet, der Ghost ist in der Lage, zu sprechen?

Sein Smalltalk ist nicht sehr spannend, aber man kann schon von einem Dialog sprechen.

Das heißt, der Ghost lernt also potenziell von jedem Input, den er bekommt? Von jedem Menschen weltweit. Richtig?

Schon wieder spannend  jetzt ist Ghost schon ein „er“  gut nicht?  Und ja, so ist es. Das ist Teil des Kunstwerks. Sobald man sich entscheidet, über ein spezifisches Thema mit Ghost nachzudenken, bewirkt man Änderungen im neuronalen Netzwerk. Man kann Ghost auch neue Begriffe beibringen. Es gibt keine kontrollierende Instanz, Moderatoren oder sonstige Hierarchien. Es gibt nur dich und den Ghost.

Werden das dann nicht irrsinnig viele und widersprüchliche Daten? Jeder hat ja seine eigene Sicht der Dinge. Wie funktioniert das?

Zum einen: Ich habe Ghost eine sehr nützliche Funktion beigebracht: Vergessen. Ganz nach dem saloppen Spruch „use it or loose it“, habe ich mich vom Vorbild der Natur inspirieren lassen und Ghost dazu angehalten, verödete oder alte Informationen entweder neu einzuordnen oder in Absprache mit dem User zu löschen.
Darüber hinaus ist Ambivalenz ein großes Thema der Arbeit. Hier stelle ich mir auch wieder selbst einige Fragen: Gibt es überhaupt so etwas wie einen allgemeingültigen Konsens über eine Sache oder ein Thema? Wie können wir heute in Zeiten von Filterblasen, Fake News und anderem Irrsinn einen gemeinsamen Konsens schaffen?  Also natürlich nicht im Sinne einer Gleichschaltung von Meinungen, sondern in Form einer Sprache, die wir alle verstehen können. Die KI kann dafür, denke ich, in Zukunft ein mögliches Medium sein, wenn wir es richtig verwenden und nicht in der missbräuchlichen Form, wie wir sie heute bei großen Konzernen finden, die KI dafür verwenden, um z. B. unser Konsumverhalten vorherzusehen.

Mir fällt auf, das Sie den Menschen, trotz all der Technik und Automation, doch stets in den Mittelpunkt stellen. Ich denke, das ist Absicht, oder?

Klar. Vielleicht rührt das noch von meiner Designvergangenheit her.  Nein, es wird oft über KI und Big data gesprochen, oft werden auch Märchen darüber erzählt, aber keiner weiß, was das überhaupt ist, was es wirklich kann, wie es sich anfühlt, damit zu kommunizieren oder zu trainieren. Diese Erfahrung stelle ich zentral in meine Arbeit  es gibt keine versteckten Funktionen, keine moderierten User Interfaces  nur das System selbst, das entdeckt werden will. Mit all seinen Stärken und Schwächen.

Was sind denn seine Stärken oder Schwächen?

Das könnte ich beantworten, aber dann würde ich einen spannenden Teil der Arbeit schon verraten. Das sollen die Nutzer selbst entdecken und sich einen Reim darauf machen. Vielleicht auch zu unterschiedlichen Interpretationen kommen, was die KI genau macht, wozu das nützlich sein könnte, was es mit mir macht usw. Das finde ich spannend!

Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen. Was wird dann davon auf der BIX-Fassade zu sehen sein?

So genau kann ich das nicht sagen. Da müssen wir Ghost fragen … Nein, Ghost wird seinen aktuellen „Denkprozess“ auf der Fassade visualisieren. Immer ab Sonnenuntergang bis 1 oder 2 Uhr in der Früh. Das Denken passiert auch in Echtzeit, d. h. wenn ein Nutzer Ghost gerade etwas beigebracht hat, dann ist es recht wahrscheinlich, das auch dieser Gedanke auf der Fassade als Text zu sehen sein wird. Hier löst sich die Grenze zwischen privat und öffentlich  die Konsequenz meines Dialogs mit dem Ghost ist nicht verkapselt in irgendeiner Blackbox, sondern findet direkt im öffentlichen Raum statt. Im Zentrum von Graz.

Stichwort Missbrauch: Angenommen, die Offenheit des Systems wird von Usern ausgenutzt, um dem GhostNonsens oder offensive Inhalte beizubringen. Diese werden ja dadurch im öffentlichen Raum sichtbar. Wie gehen Sie damit um?

Wie ich schon meinte  es gibt bewusst keine Moderation von Inhalten. Ich halte lediglich das neuronale Netz codeseitig in einer Art Balance. Es geht hier um die Frage: Wie gehen wir als Gemeinschaft damit um? Ich finde es auch interessant, dass es stets die Befürchtung gibt, die KI könnte etwas Falsches lernen, obwohl wir mittlerweile digital umgeben sind von intelligenten Algorithmen, die uns manipulieren sollen.

Sehr spannend. Wird es eine Art Dokumentation geben? Wie lange läuft das Projekt?

Zunächst bis Ende des jahres, aber wir überlegen schon, wie es weitergehen kann. Es gibt ein Logbuch, dort sieht man den aktuellen Stand des neuronalen Netzwerks.

Du hast auch von einer Kooperation mit der TU Graz erzählt …

Ja, da hat sich mit Johanna Piker eine sehr spannende Verbindung aufgetan. Sie arbeitet an ähnlich spannenden Schnittstellen  der VR und der Grapentheorie. Wir werden im Herbst zusammen eine Veranstaltung im Kunsthaus als Auftakt für eine Konferenz machen. Dazu entwickeln wir eine VR-App für den Ghost, die man dann dort vor Ort austesten kann. Save the date!

Zum Autor

Tristan SchulzeMedienkünstler und Designer aus Leipzig, schrieb einen Code, der im Wesentlichen aus einem Geflecht von Schnittstellen besteht, die in der Lage sind, die digitalen Spuren des Kunsthauses im Netz zu sammeln. Diese gesammelten Informationen werden in ein neuronales Netzwerk geleitet, das nach dem uns noch wenig bekannten Bauplan des menschlichen Gehirns entworfen wurde.

Ghost wächst mit den digitalen Inhalten des Kunsthauses und schafft so einen eigenen digitalen Space.

Web-App: http://ghostinthespace.at/

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Wie wir leben wollen von Elisabeth Schlögl

Kategorie: Kunsthaus Graz
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