Kateřina Vincourová im Kunsthaus Graz, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Kateřina Vincourová im Kunsthaus Graz, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

31. Mai 2016 / Marion Kirbis

Die Verbindung zwischen Produkt und Körper

Kunsthaus Graz

Die Werke der tschechischen Künstlerin Kateřina Vincourová sind aktuell in der Ausstellung Bittersüße Transformation. Alina Szapocznikow, Kateřina Vincourová und Camille Henrot im Kunsthaus Graz zu sehen. Im Interview spricht sie über ihr Verhältnis zu den zwei anderen Künstlerinnen der Schau und den Dialog, den ihre Kunst mit den Besucherinnen und Besuchern eingehen soll.

Sind Sie vor Bittersüße Transformation. Alina Szapocznikow, Kateřina Vincourová und Camille Henrot bereits mit den beiden anderen Künstlerinnen in Kontakt gekommen?

Zwischen Alina Szapocznikow, Camille Henrot und mir liegt je eine Generation, also nicht wirklich. Alinas Werke kenne ich erst seit etwa zwei Jahren. Camilles Arbeiten sind sehr aktuell, die habe ich schon öfter gesehen. Persönlich gekannt habe ich sie aber nicht. Es war die Entscheidung der Kuratorin Katrin Bucher Trantow, uns drei zusammenzubringen.

Torso Ausstellungsansicht, Bittersüße Transformation, 2016, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Torso, Ausstellungsansicht, Bittersüße Transformation, 2016, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Sehen Sie Verbindungen zwischen Ihren Arbeiten, einen gemeinsamen Kontext?

Es ist interessant, die Ausstellung fertig aufgebaut zu sehen, denn jetzt kann ich die Verbindungen sehen. Ich habe das Gefühl, dass da etwas Gemeinsames ist – eine Art Dekadenz und Erotik. Ich denke wir haben die Kraft, etwas auf unsere eigene Art zu machen. Diese Art der Kreativität verbindet uns.

In Ihren Werken erscheinen Produkte keineswegs passiv. Wie werden Objekte bei Ihnen zu Mitakteuren?

Meine Kunst „attackiert“ die Besucherinnen und Besucher visuell, ruft direkte Gefühle hervor und weckt emotionale Reaktionen durch das Spiel mit den Materialien. Ich benutze Materialien, die man kennt, die man benutzt oder mit denen man arbeitet. Ich finde in Secondhand-Läden oder im Müll Dinge, die uns nicht gleich an Kunst denken lassen. Sie kommunizieren auf ihre Weise bereits, weil wir sie in einem anderen Kontext kennen. Wir wissen, wofür sie produziert wurden und wie oder wofür sie benutzt werden. Ich nutze gerne Stretch-Stoff und Unterwäsche, also Dinge, die sehr intim und nahe an unserem Körper sind. Die Geschichte des Materials muss ich nicht erklären, weil wir sie bereits verinnerlicht haben. Stattdessen fange ich sie ein und verknüpfe sie auf andere Weise zu einer neuen Geschichte. Ich verbinde die Materialien wie Moleküle oder Baumaterialien, so wie ein Architekt Baustoffe benutzt. Man sieht den Gegenstand, aber nicht das Ende seiner Geschichte, weil es kein Ende gibt. Gewisse Materialien können wachsen, wenn man ihnen immer wieder etwas hinzufügt. Damit ist eine gewisse Art der Gefahr verbunden, weil dieser Prozess nicht kontrollierbar ist. Auf eine abstrakte Art und Weise natürlich – in unserer Fantasie.

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Torso, Ausstellungsansicht, Bittersüße Transformation, 2016, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Wie gehen Mensch und Produkt in Ihren Arbeiten eine Beziehung ein?

Ich interessiere mich für den Körper, aber will nicht einfach nur einen Körper zeigen. Darum benutze ich Objekte, die wir tragen oder oft berühren. Durch diese Intimität werden sie fast zu einem Teil unseres Körpers oder sehen wie Teile davon aus. Gegenstände dienen einem speziellen Zweck, aber ihre ganze Geschichte sehen wir auf den ersten Blick nicht. Für die Skulptur Torso habe ich zum Beispiel die Stiele von Äxten verwendet. Die Holzstiele sind ergonomisch geformt und so gebaut, dass sie gut in unserer Hand liegen. Sie haben etwas Anatomisches an sich und erinnern sehr an Knochen. Das stellt eine Verbindung zwischen Produkt und Körper her.

Blue Drop Ausstellungsansicht, Bittersüße Transformation, 2016, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Blue Drop, Ausstellungsansicht, Bittersüße Transformation, 2016,
Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Sie haben vorher noch letzte Korrekturen an einem Ihrer Blue Drops vorgenommen. Worum geht es dabei?

Ich habe mehrere Drops gefertigt, dieses Mal stelle ich aber nur einen aus. Alle demonstrieren Tropfen, ihre Form, ihre Farbe und alles, was sich in ihnen befindet – all die Geschichten. Mich hat diese alltägliche normale Form und das, was wir über sie wissen, interessiert. Es kann sich dabei um Tränen oder Regentropfen handeln und damit stecken verschiedene Bedeutungen in ihr. Aus diesem Grund ist es nicht notwendig, immer mehrere Drops auszustellen. Durch die Anordnung kann man die Geschichte aber in andere Richtungen lenken. Dieses Mal habe ich einen benutzt, weil es mir so gefiel. Das Kunsthaus Graz hat eine spezielle Architektur, der ich mit meiner Kunst gefolgt bin und die ich mit meiner Arbeit in Verbindung treten lasse. Ein Drop war einfach ideal für diese Ausstellungsfläche.

Die Texte für Ihren Katalog stammen von der Kunsthistorikerin Martina Pachmanová, die sich intensiv mit Geschlechterthemen und Feminismus in moderner Kunst auseinandersetzt. Wie verlief die Zusammenarbeit?

Meine Kollegin Martina Pachmanová ist sehr gut darin, über Kunst zu schreiben und kennt mein gesamtes Werk von Anfang an. Wir stammen aus der gleichen Generation und haben in den letzten vier Jahren begonnen, intensiv miteinander zu arbeiten. Ich mag die Art, wie sie mit meiner Kunst umgeht. Sie interessiert sich sehr für weibliche Kunst und versteht viel davon. Mir persönlich ist dieser Aspekt nicht so wichtig, aber im Gesamtbild ist er das natürlich, weil es sich um ein universell relevantes Thema handelt. Nächsten Monat werden wir den Ausstellungskatalog präsentieren und mit Katrin Bucher Trantow über die Ausstellung diskutieren.

Bittersüße Transformation. Alina Szapocznikow, Kateřina Vincourová und Camille Henrot
Laufzeit: 26.05.–28.08.2016
Katalogpräsentation: 28.06.2016, 18 Uhr, im Kunsthaus Graz

Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: Bittersüße Transformation | Interview | Künstler/innen


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