Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

11. Dezember 2017 / Barbara Steiner

Der Geldautomat

Kunsthaus Graz

Die Diskussion um einen Geldautomaten beim/im Kunsthaus ist viele Jahre alt. Als ich ans Haus kam, war diese Entscheidung bereits gefällt: Es gab einen Aufstellungsort, und zwar nahe des Abgangs zur Tiefgarage, ein weißer Kasten war bereits gebaut worden, um den Geldautomaten im Foyer einzuhüllen und unsichtbar zu machen. Abgesehen davon, dass ich von Beginn an Zweifel an dessen Unsichtbarkeit hatte, schien mir eine schnöde „Geldbehebungsmaschine“ für das Kunsthaus so gar nicht passend. Ich lud die dänische Künstlergruppe Superflex ein, sich dieser Aufgabe anzunehmen.

Skulptur, Fetisch und Geldbehebungsmaschine 

Superflex haben das Erscheinungsbild des Geldautomaten verändert, diesen komplett verchromt und ins Zentrum des Foyers gesetzt. Neben dem glanzvollen Geldautomaten ist der Refrain des provokativen Songs C.R.E.A.M. („Cash rules everything around me“) platziert. In unregelmäßigen Abständen läuft dieser auch auf der hauseigenen BIX-Fassade. Mit dem Zitat des Songs der bekannten Hip-Hop-Gruppe Wu-Tang Clan auf Glaswand und BIX-Fassade verbindet Superflex den Geldautomaten noch deutlicher mit der Architektur des Kunsthauses und prägt damit dessen gesamtes Erscheinungsbild offensiv mit.

Der Geldautomat bekommt über die Verchromung etwas Fetischhaftes, mir kam auch sofort – obwohl der Automat silbern glänzt – die Redewendung vom „Tanz um das Goldene Kalb“ in den Sinn, als bildhafter Verweis auf ein Leben, das sich nur noch um Macht und Geld dreht.

Wenn man sich im Inneren des Gebäudes befindet, sieht der Geldautomat wie eine (merkwürdig geformte) abstrakte Skulptur aus, in deren Oberfläche sich das Umfeld spiegelt. Dadurch löst sich der Gegenstand auch ein Stück weit optisch auf und erhält etwas Immaterielles. Von außen erinnert der Geldautomat eher an einen Spielzeugautomaten. Ich konnte mehrfach beobachten, dass sich so manch einer nicht sicher ist, ob dieser Automat tatsächlich Geld ausgibt.

Superflex

Die dänische Künstlergruppe Superflex befasst sich seit vielen Jahren mit Wertschöpfungsprozessen, alternativen Ökonomien, Selbstorganisation und ethischem Handeln. Für das Jahr 2018 mit der angesehenen Hyundai Commission der Tate Modern in London betraut, sind sie für ihre kritische Stimme im Kunstbetrieb bekannt. In Graz und am Kunsthaus werden sie in insgesamt fünf Jahren mehrere Projekte umsetzen. Den Abschluss bildet eine Einzelausstellung von Arbeiten der Künstlergruppe im Jahr 2021.

 

Mit der Entscheidung für fünf Jahre greifen Superflex auf das Prinzip des Fünfjahresplans zurück, ein Instrument zur Planung volkswirtschaftlicher Aktivitäten in Ländern sozialistisch-marxistischer Prägung.

Fünfjahrespläne wurden zentral aufgestellt, legten ökonomische Variablen wie Investitionen, Preise und Löhne fest, enthielten Zuweisungen und Vorgaben für zu erbringende Produktion und Dienstleistungen. Superflex übertragen dieses Prinzip nun auf die Mehrjahresplanung des Kunsthauses.

Foyer und Konsum

Das Erdgeschoss des Kunsthauses Graz steht mit Marketingflächen, Ticketing, Café und Shop in enger Verbindung zu Fragen des Konsums und der Vermarktung.

Diese Kommerzialisierung findet sich inzwischen in den meisten größeren Kunstinstitutionen. Für mich ist es der Ausgangspunkt einer Reihe von künstlerischen und kuratorischen Vorhaben, die sich dem Verhältnis zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen Bereichen widmen werden. Superflex steht am Beginn dieser Auseinandersetzungen.

Gegenwärtig arbeitet Oliver Klimpel an einer neuen Gestaltung für den Kunsthaus-Shop.

Im Kontext seiner Beschäftigung mit (gescheiterten) Avantgarde-Bewegungen benutzt er Versatzstücke aus Gemälden und anderen Arbeiten des russischen Konstruktivisten Nikolai Michailovic Suetin.

Die konstruktivistische Bewegung zu Beginn des letzten Jahrhunderts war unter anderem getragen von dem Glauben, dass sich eine Gesellschaft nicht nur durch politische Veränderungen, sondern auch durch gestaltete Umgebung verändert, dass sich das Bewusstsein der Menschen auch durch die Kraft der Kunst und des Designs der uns umgebenden Dinge transformieren lässt.

Wie könnten also Interieur und Mobiliar heute in uns einen Geist des Wandels herbeiführen? Ist es überhaupt möglich? Das ist seine Ausgangsfrage.

Der steirische Künstler Hannes Priesch wurde beauftragt, sich mit Absperrungen, d. h. der Zugänglichkeit und Nicht-Zugänglichkeit im Foyer, aber auch im ganzen Haus zu befassen.

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Erfahren Sie mehr über den Geldautomaten auf der Kunsthaus Graz Webseite:

C.R.E.A.M. Cash rules everything around me

 

Kategorie: Kunsthaus Graz
Schlagworte: Logbuch Barbara Steiner


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