18. September 2017 / Elisabeth Schlögl

Das andere Ich

Kunsthaus Graz

... war der Titel des diesjährigen Ars Electronica Festivals in Linz, das am vergangenen Wochenende stattfand. Ich war gemeinsam mit Tristan Schulze und Ghost vor Ort und habe mich in ein amüsantes, lehrreiches bis inspirierendes Kauderwelsch-Festival zwischen Technik, Wissenschaft, Kunst und Unterhaltung begeben.

Anlass für den Ausflug nach Linz war das für mich faszinierende und zugleich etwas unheimliche Festivalthema der „künstlichen Intelligenzen“ und der Gastauftritt der Kunsthaus-KI Ghost am Ars Electronica Center. Sechs Tage lang schickte Ghost seine bisher erzielten sogenannten „Truisms“ – Lernerfolge – über die Fassade des Ars Electronica Centers über die Donau hinweg hinein in die Linzer Altstadt.

Ghost war dort in bester Gesellschaft, vereinte das Festival doch künstliche Intelligenzen aus aller Welt – von wissenschaftlichen Forschungsprojekten über konsumorientierte Marktsegmente bedienende KIs (ich denke dabei an die Sex Dolls und die Kuss-Hardware für Smartphones) bis hin zu Projekten über und mit künstlichen Intelligenzen aus der bildenden oder darstellenden Kunst.

Das Festival baut Brücken, bringt Fachleute aus sehr unterschiedlichen Richtungen zusammen und holt vor allem ein breit gefächertes, buntes Publikum hinein. Was passiert, wenn so viele Perspektiven auf eine „Sache“ schauen? Das Sprichwort, dass viele Köche den Brei verderben würden, trifft nicht immer zu – bei der Ars Electronica zeigte sich durch die Vielfalt die Essenz der Technik: Jede Maschine, ob sie nun mit künstlicher Intelligenz ausgestattet ist oder nicht, bleibt ein Werkzeug für uns Menschen. Jede Maschine ist ein Spiegel unserer selbst, unserer Bedürfnisse, Wünsche und Ziele. Maschinen kennen nur die Ziele, die Menschen ihnen beibringen, sie haben keinen eigenen Willen und keine Selbstwahrnehmung. So gesehen sind sie eine spannende Materie/Konstruktion, anhand derer wir über die Menschheit, ihre Evolution und ihre Zukunft philosophieren können.

Gelegenheiten, um sich mit Menschen über das Festivalthema auszutauschen, gab es genügend – beinahe von jedem Projekt war eine Entwicklerin/ein Entwickler vor Ort, um Auskunft über die Ausstellung zu geben. Zudem gab es seitens der Festivalorganisatoren sogenannte Infotrainer, die kompetent jedem Besucher und jeder Besucherin, der/die sich ab und zu zwischen Kabeln, Leiterplatten, Lautsprechern, Screens und Lichterspielen verloren fühlte, zur Seite stand.

Podiumsdiskussion mit Jan de Cock (BE), Paul Dujardin (BE), Manthia Diawara (ML/US), Beatrice de Gelder (BE), Rachel Rose (US), Hans Ulrich Obrist (CH) und Damian Ortega (MX), moderiert von Gerfried Stocker (AT): Thema war die Gluon Foundation, welche die Zusammenarbeit von Künstlerinnen/Künstlern und Forscherinnen/Forschern fördert. Das Besondere an der Foundation ist das Modell, dass Forscher/innen Residencies in Künstlerateliers machten und dort mitarbeiteten – und nicht anders herum, wie es häufiger der Fall ist, dass Künstler/innen “Bittsteller” in Forschungseinrichtungen sind.

Die poetischen Time Sculptures des japanischen Medienkünstlers Akinoro Goto haben mir besonders gut gefallen. Ich betrat einen sehr dunklen Raum und sah beleuchtete 3-D-Modelle – netzartige skulpturale Objekte, unzählige dreidimensionale Linien, die einer Richtung folgten, im Fluss waren. Ein Stück weiter hinten im Raum stand eine noch viel größere, ähnlich netzartige Skulptur ganz im Dunklen. Ein von oben kommender Lichtstrahl fuhr von links nach rechts die Skulptur entlang, und plötzlich erkannte man in diesem netzartigen Geflecht eine Figur in tänzelnder Bewegung. Akinoro Goto ist fasziniert von der Bewegung und der Tatsache, dass sie nicht existiert, wenn die Zeit stillsteht.

Gruselig und mindestens genauso faszinierend fand ich die Arbeit cellF von Guy Ben Ary (AU), Nathan Thompson (AU), Andrew Fitch (AU), Darren Moore (AU), Stuart Hodgetts (AU), Mike Edel (AU) und Douglas Bakkum (US): Der Künstler Guy Ben Ary hat ein Stück Haut aus seiner rechten Hand geschnitten, daraus Stammzellen extrahiert und diese in eine Petrischale gegeben. Dort verbringen sie nun für eine Woche ihr Dasein und machen das, was sie auch in seinem Körper machen würden: Sie pulsieren und schicken Mini-Stromwellen umher. Diese werden gemessen, mit technischem Equipment verstärkt und als Ton in den Raum der Ausstellung geschickt.

Am Bild sieht man den Künstler, der nach seinen Stammzellen sieht, die in einem riesigen Megaphon im Raum installiert sind. Er erzählt allen Besuchern, dass er sehr stolz auf seine Stammzellen ist, weil diese nun seinen Traum leben – Musiker zu sein. Es fanden während des Festivals einige Performances statt, bei denen seine Stammzellen mit Musikerinnen und Musikern jammten.

cellF ist ein Selbstporträt des Künstlers und gleichzeitig der weltweit erste neuronale Synthesizer” – ein treffender Satz auf der Beschriftungstafel neben dem Riesenschalltrichter.

Kategorie: Kunsthaus Graz
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