Urteil des Propheten Daniel

Marx Reichlich

Alte Galerie, Schloss Eggenberg (Universalmuseum Joanneum, Graz, Österreich)

Marx Reichlich

Leben:
Datierung: um 1490
Technik: Öl auf Holz
Maße: 195 x 165 cm
Besitz: Alte Galerie, Schloss Eggenberg (Universalmuseum Joanneum, Graz), Provenienz: Angeblich aus der Umgebung von Eisenerz, 1953 Ankauf von der Galerie St. Lucas, Wien
Inventarnummer: 383

Über das Werk

In einer Synchrondarstellung mit zwei Fensterausblicken wird das Urteil des Propheten Daniel über die beiden unzüchtigen Greise, die sich Susanna im Park genähert hatten, geschildert. Die Leserichtung der Legende aus dem alttestamentarischen Buch Daniel geht von rechts nach links: So ist im rechten Ausschnitt die Bedrängung Susannas durch die beiden Alten zu sehen. Im linken wird die Strafe an den Männern vollzogen, die wegen ihrer falschen Aussagen verurteilt wurden: sie werden gesteinigt.

In hierarchischer Ordnung sitzt die unschuldige Susanna vor dem thronenden Propheten Daniel im Gerichtsraum. Susannas vornehme Würde wird mit einem Brokatkleid unterstrichen.

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Die Ansicht mit dem Urteil Daniels über die hämische Anklage der beiden Alten bezüglich der de facto unschuldigen Susanna nimmt sich ob ihrer hierarchischen Struktur als lehrhaftes Bild aus, indem Daniel aus einem auffallend archaisierenden Architekturschema in pyramidaler Disposition gegeben ist. Seitliche Fensterausblicke eröffnen symmetrisierende Landschaftsausblicke, die jeweils beziehungsvolle Szenen zur Haupthandlung des Urteils darstellen: Im rechten Fensterausschnitt lauern die beiden Greise Susanna auf, im linken Ausschnitt erfolgt die Bestrafung der falschen Zeugen durch die Steinigung.

In der Hauptszene ist Susanna – gleichsam als unschuldig angeklagtes Opfer – in antithetischer Ausrichtung auf den thronenden jugendlichen Daniel prächtig gewandet zu Füßen der Stufenanlage dargestellt, wobei zwei „Chöre“ (im Sinne der antiken Tragödie) von den heftig gestikulierenden, anklagenden Greisen in Begleitung falscher Zeugen entsprechende Kontrastwirkung hervorrufen, was durch das Kolorit entsprechend gefördert wird. Diese Symmetrisierung wird durch die wirbelnd bewegten Schriftbänder in deren „ornamentalen“ Windungen begleitet und bildet neuerlich einen Kontrast zur linearen Formulierung der übertriebenen zentralperspektivischen Architektur wo die Ausblicke als „Bilder im Bild“ wirken.

Demgegenüber ist die Apostelaussendung im Freiraum einer Weltlandschaft (wo verschiedene empirische Landschaftselemente phantasievoll kombiniert werden) – analog den Landschaftsausblicken im Danielsurteil mit auffallend hoch liegendem Horizont – mit serpentinenartig durchziehenden Wegen situiert, wobei im Vordergrund trotz unterschiedlicher Wendungen und Posen eine kompakt-frieshafte Gruppe aus vier Apostelfiguren besteht, die tatsächlich in ihren auseinander triftenden Bewegungen einen Abschiedsdialog führen.

Währenddessen scheinen sich die übrigen Apostelfiguren in sukzessiv diminuierender, proportionaler Abnahme der Figurengröße in einfallsreicher Versionen in den Landschaftsformationen des Mittel- und Hintergrundes zu verlieren. Sie scheinen sich tatsächlich von den übrigen zu entfernen, um schließlich vereinzelt in Schiffen zu einer Meeresbucht aufzubrechen. Auf den ersten Blick ist die auch hier vorherrschende Symmetrisierung nicht tonangebend, obgleich eine phantasievoll gestaffelte Stadtlandschaft den Bildmittelgrund (als dekorative Paraphrase Jerusalems) beherrscht; hoch aufragende Baum- und Gebirgsformationen sind im Sinne einer ausgeglichenen Balance disponiert und bilden solcherart belebend konturierte Buchten an halbinselförmigen Landschaftskulissen, die in die Meeresbucht scheinbar einschneiden.

Die jeweils hoch liegenden Horizonte und die gegen den Betrachter scheinbar geklappte, tapetenartige Bildebene, die jeweils mit gestaffelten Figurengruppen belebt ist, folgt einer etablierten Bildtradition. Seit dem Meister von Flémalle (2. Viertel 15. Jahrhundert) und dessen mitteleuropäischer Nachfolge (Lukas Moser, Konrad Witz) wird sie in nunmehr bereichernder Weise (mit den sich im Wasser spiegelnden Schiffen!) gesteigert, die zu den entweder ausfahrend gestikulierenden (Ankläger, entschlossene Wendungen einzelner Apostel) oder meditativ sinnierenden Figuren (Susanna, Daniel, nachdenkliche Haltung Petri bzw. beobachtende Pose des Apostels vorne rechts) das probate Ambiente bildet.

Die knapp dargelegte Beschreibung lässt jedenfalls als genuines künstlerisches Anliegen den Versuch erkennen, gruppenartig zueinander formulierte Figurendarstellungen in ein landschaftliches Ambiente bei rhythmischer Erschließung der Bildtiefe zu integrieren. Zur gleichen Zeit wurde dies in der altniederländischen Malerei spezifisch nördlicher, d.h. holländischer Ausrichtung erreicht – so bei Geertgen tot Sint Jans. Hier wurden wesentliche bildkünstlerische Faktoren des typisch niederländischen Gruppenporträts in die rhythmisch gestaffelte Landschaft integriert.

Die gestikulierende Gebärdensprache sowie der beziehungsvolle Blickaustausch nehmen tatsächlich gestalterische Determinanten von Genremotiven in späteren Bildwerken (von 1502) bei Marx Reichlich vorweg, obgleich die Landschaft noch nicht jene porträtierenden Tendenzen aufweist, wie sie sonst bei diesem Meister gebräuchlich werden. Dieser Umstand wie auch die Abbreviatur „MAXRE“ am Krug des Apostels Petrus und schließlich die vergleichenden Studien zu den Unterzeichnungen gestatten es, in dieser Tafel ein Frühwerk des tirolerischen Malers Marx Reichlich zu vermuten.

Dieses Werk ist eines jener kostbaren Gemälde aus den Sammlungen der Alten Galerie, welche die aktuelle Kampagne der Oper Graz 2018/19 begleiten. 
Für König Roger/Król Roger von Karol Szymanowski: Das Urteil des Propheten Daniel von Marx Reichlich. 

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