Erst vor Kurzem hat uns die traurige Nachricht erreicht, dass der legendäre Verleger, Galerist und Sammler Armin Hundertmark am 22. Juni dieses Jahres verstorben ist. Hundertmark war einer der ersten und wichtigsten Editeure und Förderer von Künstler*innen aus dem Umkreis von Fluxus, Happening, Wiener Aktionismus, Konkreter und Visueller Poesie. Er ist in einem Atemzug mit Größen wie Harry Ruhe, Francesco Conz, Wolfgang Feelisch oder René Block zu nennen. Mit Graz war Hundertmark vor allem durch das Kulturhaus und die Neue Galerie Graz verbunden und natürlich durch die jahrzehntelange Freundschaft mit Günter Brus.
Der ehemalige Friedhofsgärtner (einer seiner Gelegenheitsjobs) Hundertmark beginnt sich um 1967 für die Kunst seiner Gegenwart zu interessieren, nachdem er sich zuvor schon mit den Dadaisten beschäftigt und die wenigen noch lebenden Protagonist*innen wie Richard Huelsenbeck und Hannah Höch persönlich kennengelernt hat. Er erwirbt Editionen und kleinere Arbeiten, doch wird ihm das bald zu wenig. In ihm reift die Idee, mit den für ihn wichtigsten Künstler*innen seiner Zeit preiswerte Editionen zu machen, um die Demokratisierung der Kunst voranzutreiben. Der Berliner Galerist René Block bestärkt ihn in seinem Vorhaben und so erfolgt 1970 die Gründung der Edition Hundertmark mit Sitz im Berliner Stadtteil Mariendorf in der Schrebergarten-Anlage „Kolonie Kleeblatt“.
Zuerst wendet sich Hundertmark an die in Berlin lebenden Künstler und lernt in der Wohnung von Gerhard Rühm, der bereits seit 1964 in der geteilten deutschen Hauptstadt wohnt, Günter Brus kennen. Über Brus entsteht der Kontakt zu Otto Muehl und Hermann Nitsch („er erzählte mir von einem friedhofsgärtner, der verleger und kunsthändler sei.“). Der Gesamtkunstwerker wird später von einer Wende in Bezug auf die Vermittlung und Vermarktung seiner Arbeiten sprechen und besonders die korrekte und präzise Zusammenarbeit hervorstreichen: „seine edition und galerie stehen auf den säulen der redlichkeit und wahrhaftigkeit.“ Ursprünglich hatte Hundertmark für die erste Edition eine Mappe mit Beiträgen von Fluxus-Künstlern und Wiener Aktionisten im Kopf, doch Milan Knižak schickte ihm ein angebranntes Hemd, das naturgemäß nicht in eine Mappe passte, und so ließ Hundertmark seinen ersten Karton anfertigen, der zu seinem Markenzeichen werden sollte. „Hercule Poirot wurde für den Inhalt seiner kleinen grauen Zellen berühmt, Armin Hundertmark für den Inhalt seiner kleinen grauen Schachteln“, schreibt Wieland Schmied in einer Würdigung. Im 1. Karton waren neben Knižak und den erwähnten Österreichern auch noch Joseph Beuys, Robert Filliou, Ken Friedman, Ludwig Gosewitz, Tomas Schmit und Ben Vautier vertreten, lauter Künstler, die er in den nächsten Jahren regelmäßig verlegen wird.
Unter den frühen Editionen stellt die 1972 herausgegebene Box Enterprise von Joseph Beuys eine entscheidende Wegmarke dar. Der Künstler verzichtet auf das Geld und Hundertmark kann innerhalb von eineinhalb Jahren alle 25 Exemplare verkaufen. Der erste kommerzielle Erfolg sichert das Fortbestehen seiner Verlegertätigkeit und er kann fortan sechs bis sieben Editionen jedes Jahr herausbringen.
Die „Schachteln“ von Hundertmark heben sich deutlich von ähnlichen Editionsvorhaben ab, da Künstler wie Günter Brus, Ludwig Gosewitz oder Tomas Schmit sich für eine Box mit beispielsweise vier Blättern anfangs nicht druckgrafischer Methoden bedienen, sondern oftmals über hundert Originalzeichnungen anfertigen und damit der Idee einer Edition als Auflagenkunst das Unikat als Edition entgegensetzen. Tomas Schmit nennt diese Arbeiten „Editions-Originale“. Mit Brus verbindet ihn vor allem in der Berliner Zeit eine besonders enge Zusammenarbeit. Gerade an den Arbeiten, die Hundertmark mit dem steirischen Künstler umsetzt, wird die Entwicklung seines künstlerischen Schaffens paradigmatisch ersichtlich. Von den späten Aktionen (Körperanalyse und Zerreißprobe) zu Frühformen der Bild-Dichtung (Der Balkon Europas), hin zu ganzen Büchern (Der blaue Wald), den wesentlichen Radierungsfolgen (Die Botschaft und Zank) und den späten Collagen (Boris Lurie und die Sexistenz).
1979 kehrt Brus zurück in die Steiermark und Hundertmark zieht von Berlin nach Köln, wo er 1984 seine Galerie eröffnet und seine Editions-Künstler*innen regelmäßig ausstellt. Im Jahr 1981, aus Anlass des zehnjährigen Bestehens der Edition Hundertmark, zeigt Otto Breicha auf Betreiben von Brus die diversen Schachteln und Multiples im Kulturhaus Graz. Breicha schreibt anerkennend, dass Hundertmark ein „begleitender Ermöglicher“ sei: „Er hat alle Kapriolen (seiner Autoren) die man ihm zugemutet hat, mitkapriolisiert.“
Jahrelang sah man Hundertmark sowohl auf der Frankfurter Buchmesse als auch auf Kunstmessen wie der Art Basel oder Art Cologne inmitten seiner Erzeugnisse sitzen. Mit sprichwörtlicher Zurückhaltung, stoischer Gelassenheit und ausnehmender Freundlichkeit hat er es verstanden, sich dem Trubel und Spektakel des Kunstmarkts zu entziehen und trotzdem profund seine Kunst zu vermitteln und beständig Interessent*innen für seine Editionen zu finden. 2003 hat er seine Tätigkeiten eingestellt und seinen Wohnsitz nach Gran Canaria verlegt, von wo er sich nur noch um den Vertrieb seiner Veröffentlichungen kümmerte.
Bis zu seinem Rückzug, der eher ein persönliches Zurückziehen war, hat er 93 Ausstellungen gezeigt, 165 Editions-Schachteln angefertigt, 45 Künstlerhefte herausgegeben und zahlreiche Kataloge, Postkarten, Kassetten und CDs produziert. Scheinbar nebenbei hat er zwischen 1976 und 1984 auch noch die Kunst- und Literaturzeitschrift AUSGABE gemacht, die als EXTRA-AUSGABE Originale der publizierten Künstler*innen enthielt. In der Sammlung der Neuen Galerie Graz finden sich zahlreiche Editionen aus seiner Hand. Zuletzt war Armin Hundertmark im Mai 2024 zum Gedenkabend für Günter Brus in Graz. Nun gedenken wir seiner Person.