Präsenz des Performativen in Skulptur, Malerei, Fotografie

Artists in Residence 2001–2004

04.12.2004-09.01.2005


Eröffnung: 03.12.2004
Kuratiert von: Elisabeth Fiedler, Günther Holler-Schuster

Ort: Neue Galerie Graz, 2. Stock

Special guests: taeglichgigital (D)


Reverend Ethan Acres (geb. 1970, USA) ist ein in Las Vegas lebender Künstler-Prediger, der im Rahmen der Ausstellung "Las Vegas - The magic hour" in der Neuen Galerie vertreten war. Das Phänomen Las Vegas, das die Konvergenz von Entertainment-Komplex und Kultur-Industrie zeigt, wurde in dieser Ausstellung beleuchtet. Weil die Kunst sich den Formen der Unterhaltungsindustrie annähert, scheint Las Vegas in einer paradoxen Wendung auch zur Kapitale einer künftigen Kulturindustrie zu werden. In diesem Zwischenbereich von Lifestyle, Kunst, Performance, Unterhaltung und Religion bewegt sich Acres. Bekannt wurde er durch performanceartige Predigten an ungewöhnlichen Orten, in einem Eishotel in Schweden, mit einer exorzistischen Performance im Santa Monica Museum of Art oder einer Hochzeit in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Neben seiner Performance rund um eine transportable Hochzeitskapelle aus Las Vegas im Künstlerhaus entstand das Video einer Predigt-Performance in einer katholischen Kirche.  

Madeleine Berkhemers (geb. 1973, NL) Arbeit ist geprägt von Heterogenität der Materialien und Ausdrucksweisen, ist eine Auslotung der Dimensionen Raum und Zeit und eine radikale Auseinandersetzung mit sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen unter schonungsloser Einbeziehung des eigenen Körpers. Damit setzt sie sich einem Voyeurismus aus, den sie selbst lanciert, um ihn gleichzeitig unter Kontrolle und ihre Arbeit auf Distanz zu halten. In diesem Spannungsfeld entwickelt sie, egal ob sie zeichnet, collagiert, posiert, mit weichen oder harten Materialien arbeitet, eine eigene Form der Skulptur. Wenn sie sich selbst als wandlungsfähiges Modell in ihre Arbeit integriert, so handelt es sich nicht um die Umsetzung privater Mythologien, sondern um eine reflexive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Medien und die Rezeption von Erscheinung, Präsentation und Manipulation sowie von Machtverhältnissen. Dabei sind es immer Grenzen, formale im Zusammenhang mit Körper und Raum, inhaltliche im Zusammenhang mit Tabuzonen oder markt- und gesellschaftskritischen Untersuchungen, die sie interessieren, die sie selbst formuliert, offen legt und überschreitet.

Die Verunklärung der Grenzen zwischen Welt und Abbild, von fotografischer Aufnahme und dem Bild der Erfahrungswirklichkeit, der Selbstdarstellung und Reflexion des Betrachters ist in Sinje Dillenkofers (geb. 1959, D) Arbeit evident. In ihrer Arbeit "warriors", die spezifisch auf Graz als "Laborstation" bezogen entstanden ist, wählt Dillenkofer Rüstungen aus dem "Zeughaus", dem ältesten geschlossenen mittelalterlichen Waffenarsenal, die sie fotografisch manipuliert. Öffnungen, Höhlungen, Stülpungen des abgebildeten Kriegsgeräts verweisen auf die Durchlässigkeit und Fragilität des Materials, gleichzeitig auf Vermummung und Tarnung, d.h. Entpersonalisierung. In der Verschneidung dieser beiden Wahrnehmungsebenen durch die technischen Mittel der Unschärfe, röntgenähnlichen Durchlässigkeit und silhouettenhaften Zweidimensionalität werden Fragen nach Präsenz, Effektivität und medialer Manipulation gestellt.

Eines der Ausgangsmotive der ägyptisch-deutschen Künstlerin Susan Hefuna (geb. 1962, ET) ist das Mashrabiya, das orientalische Haremsfenster, das in seiner handgefertigten Gitterstruktur als Schnittstelle von Innen und Außen, von Privatem und Öffentlichem, von Durchgängen fungiert. Die Bedeutung des Fensters, in der europäischen Kultur durch die Illusion der Zentralperspektive als Ausblick in eine konstruierte Welt tief verankert, erhält in Hefunas Arbeit die Ambivalenz von Verborgenem und Offenem, Geheimnis und Äußerung, Zierrat und unveränderlicher, festgelegter Struktur, auch in Bezug auf soziale und gesellschaftspolitisch tief verwurzelte Traditionen zurück. Die Relevanz des schemenhaft wahrnehmbaren Dazwischen formuliert sie mittels markanter linearer Tusch- und Bleistiftzeichnung auf zwei Ebenen, dem klassischen Zeichenkarton und einem darüber gelagerten, die Distanz verunklärenden Transparenzpapier.

Interaktivität und veränderte Wahrnehmung der eigenen Umgebung sind den Arbeiten Jeppe Heins (geb. 1974, DK) inhärent. Seine frühen Objekte erinnern an Werke der Minimal Art, wobei er mittels technischer Einbauten Bewegung erzeugt, die die Dimension des umgebenden Raumes in ein neues Verhältnis zum Betrachter stellt. Er produziert mit seinen Arbeiten Situationen, die den Betrachter aktiv werden lassen, ohne dass er sich dessen gewahr werden muss, d. h. es wird eine von Hein erstellte Ordnung transparent, ohne erforscht oder beeinflusst werden zu können. Man ist dieser Ordnung ausgesetzt, die, einmal erfahren, zu einer geheimen Anordnung wird, die aus Lustgewinn gerne wiederholt befolgt wird. Minimale Ortsveränderung heißt hier Grenzüberschreitung in Richtung einer neuen, unerwarteten Erfahrung, die als Realität nach Verlassen des einen Standortes nur noch imaginär bzw. virtuell existiert. So erscheint auch die in Graz realisierte Arbeit "Did I miss Something" in Anlehnung an Yves Klein als "immaterielle Architektur", als Verweis auf barocke Gartengestaltung und ebenso auf politisch-männliche Machtkonzeptionen, wobei die latente Aggressivität in ihrer gleichzeitigen Schönheit und durch die jederzeit mögliche Dematerialisierung der Arbeit den ironisch-humorvollen Ansatz Heins verdeutlicht.

Nicht an der Abgeschlossenheit oder gar Auratisierung eines Kunstwerks ist Axel Huber (geb. 1955, CH) gelegen. Flüchtigkeit, Ortlosigkeit, Hybridität sind Kennzeichen seiner Arbeit. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit der Verweigerung jeglicher Einvernahme von Talent, Zeit, Kapital und Leben bei den Situationisten um Guy Debord entzieht Huber sich auf eine andere Weise der kapitalistischen Spektakelgesellschaft. In seiner eigenen permanenten Ortsveränderung ist es nicht seine Weltwahrnehmung, sondern die Untersuchung medialer Mythenbildung und der Prozess der geschichtsträchtig werdenden Ortszuweisung, denen er auf der Spur ist. In präzisen Schnellschüssen erzählt er uns eine Geschichte, die nur Eingeweihten bekannt ist. Sie bleibt also ohne narrativen Gehalt bei gleichzeitiger Ereignishaftigkeit, d. h. er fixiert den Ort und enthebt ihn im selben Moment jeder Festlegung. Waren es bisher S/W-Fotografien, die den Eindruck des Historischen und Dokumentarischen aufwiesen, so löst er in seinen Farbfotos die Orte vom Nimbus des Geheimnisvollen und ironisiert die auf dem Kunstmarkt boomende Fotokunst.

Ján Mancuškas (geb. 1972, CZ) Installationen erzielen ihre Wirkung durch die Unmittelbarkeit ihrer Produktion und die Einvernahme des Raumes. Ihm ist die soziale Ebene innerhalb der Kunst ebenso wichtig wie die Position des Künstlers in der Gesellschaft, die es ihm ermöglicht, das zu bearbeiten, womit er täglich in Kontakt kommt. Sein sozialpolitisches Interesse zeigt sich nicht nur in direkt sich auf Gartensiedlungen oder andere gemeinschaftliche Einrichtungen beziehenden Arbeiten, sondern auch in immer reduzierter gestalteten Installationen. So entwickelt er Alltagssituationen aus Zivilisationsmaterialien wie Plastik, Papier, Wachs oder Holz; zwischen arte povera und konzeptuellen Ansätzen schafft er emotional nachvollziehbare Gesellschaftsstrukturmuster, die durch zunehmende Minimierung des Materials an Deutlichkeit gewinnen. Ein Pappbecher auf der Mitte eines Tisches mit zwei gegenüber stehenden Stühlen, die zwischen den Tischbeinen verankert sind, wird sukzessive zerschnitten, fragmentiert, mathematisch berechnet in immer kleinere Einzelteile zerlegt. Soziale Bedingungen, gesellschaftliche Strukturen, Kommunikation und Präsenz bzw. Absenz werden hier ebenso angesprochen wie räumliche Durchmessung durch zeitliche Abfolge.

Per Mølgaard (geb. 1969, DK) bricht Malerei mit ihren eigenen Mitteln auf. Großzügige gestisch-rinnende Farbspuren überlagern akribisch oder psychedelisch-manisch geführte Zeichnungsstrukturen. Schablonenartige Fenster mit geo-expressiven und tiefengeschichteten Rahmenverschränkungen werden in großformatige Leinwände zentral eingeschoben. Oft werden Symbole und Labels, die politisch-agitatorische Signets oder täglich uns begegnende Gebotsschilder assoziieren, eingesetzt, in die Sätze wie "this is no time to not know who you are", "I'm not coming down" oder "so much less divine", die Parolen ähneln, aber jede Botschaft als Aufforderung oder Erklärung verweigern, als Grafitti eingesprayt werden. Er extrahiert damit latente Formen westlicher Dekadenz und schafft ein leuchtendes Gegenentertainment. Die kryptischen Sätze erscheinen als Notizen zu und Reflexionen des Konsumismus und der pseudoinformativen und -demokratischen medialen und unterhaltenden Wissensüberschwemmung, wobei er die Frage, ob es sich bei seiner Arbeit um Tafelbildmalerei oder Produktbewerbung handelt, provoziert. Mit zum Teil persönlichen, zum Teil gestohlenen Slogans, die er über die Malerei legt, blockiert er sie, um gleichzeitig das Auge des Betrachters zu attackieren.

Geboren in der Zeit des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei gehört Mílá Preslová (geb. 1966, CZ) einer Künstlergeneration an, die Phänomene wie Geschichte, Tradition und Zeit in ihrer unmittelbaren Umgebung untersucht und bearbeitet. Die fotografischen Porträts ihrer eigenen Familie sind gekennzeichnet durch direkten Augenkontakt, der Geschichte in Form von Erfahrung beleuchtet und den Betrachter unmittelbar in deren sozialen Kontext einbezieht. Fragen nach Identität, Fremdheit und Isolation werden dabei ebenso aufgeworfen wie Realitätsbegriffe hinterfragt werden. Auf sich selbst zurückgeworfen, oft eingebettet oder auch gefangen in weiten Landschaften, dem Fluss oder inmitten von Steinen begibt Preslová sich auf die Spuren ihres eigenen Unbewussten und ihrer Geschichte. Das Medium Fotografie dient ihr dabei zur Objektivierung und Distanzierung sich selbst gegenüber und damit zu einer neuen Art der Geschichtsschreibung.

Das Material von Nancy Rubins (geb. 1952, USA) ist Trash und Müll. Zusammengesammelte Abfälle, wie elektrische Gegenstände aus amerikanischen Haushalten, Matratzen, Boiler oder Wohnwagenteile, versammelt sie, verdichtet und enthebt sie ihrer Zwecklosigkeit und zufälligen Deponiertheit auf einer Halde. Die in Graz anlässlich der Ausstellung "MARS_Kunst und Krieg" gefertigte Skulptur wurde zwar speziell für die Neue Galerie angefertigt, vermittelt aber ihren visionären Charakter in der Tatsache, dass sie mit den selben Materialien, nämlich mit Flugzeugschrottteilen bereits seit Ende der 1980er Jahre, also lange vor 11/9, arbeitet. Die bedrückende Aktualität dieser Neukonstruktion, deren Ästhetik zwischen futuristischem Geschwindigkeitsrausch, eingefrorenem Desaster und der Schönheit durch die gebündelte Neuordnung liegt, erfuhr anhand der realen Katastrophe eine zusätzliche inhaltliche Komponente. Diese Arbeit konnte im Anschluss an die Ausstellung der Neuen Galerie vom Österreichischen Skulpturenpark angekauft werden, wo sie, wiederum in etwas veränderter Form, neu errichtet wurde.

Sissi, (geb. 1977, I) eine junge italienische Künstlerin, arbeitet im Zwischenbereich von Performance, Skulptur und Installation. Ihre Werkstoffe sind vorzugsweise anorganische wie Kunststoff, aber sie verwendet auch organische Materialien wie Peddigrohr, Haar, Blumen oder Essbares. Die Faszination von organisch -anorganisch steht im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Ausgehend von ihrem eigenen Körper kreiert sie ihre Arbeiten, die eine sukzessive Erweiterung desselben in den Raum darstellen. Dabei entstehen Verflechtungen zwischen Naturformen und Kunstformen, die als Hüllen der Aktion verbleiben. In diesem Wechselspiel von organisch und anorganisch schafft sie in handwerklicher Arbeit und langsam sich entwickelnden Verwandlungsprozessen Durchgänge, die als subtiles Netzwerk sowohl poetische und mythische Assoziationen hervorrufen, als auch technoide, mentale und räumliche Grenzen ausloten.


In ihren großformatigen Acrylbildern bewegt sich Judit Strøm (geb. 1972 S) zwischen Malerei und Zeichnung. Aus der Tradition von Schiele, Munch und den abstrakten Expressionisten kommend, steht sie inhaltlich Cindy Sherman oder Pipilotti Rist nahe. Subtile Linienführung und skizzenhafte Konturierung lassen den Körper der dargestellten Mädchen und Frauen flächig, die Köpfe mit markanten Schattierungen um die geschlossenen Augen hingegen als konzentriert, Kräfte und Energie versammelnd erscheinen. Diese Ambivalenz von Körperlichkeit und Vergeistigung, von physischer Präsenz und emotionaler Entrücktheit vermittelt die Spannung zwischen Lust und Schmerz, geheimen, lustvollen Träumen und Alpträumen, Ekstase und Horror. In, durch gestischen Farbeinsatz unterstrichener, magischer Atmosphäre pendeln die Personen trotz ihrer signifikanten Charakterzüge zwischen Abstraktion und Narration.

Neue Galerie Graz

Joanneumsviertel, Zugang Kalchberggasse
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9100
joanneumsviertel@museum-joanneum.at

 

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