SCHWABFleisch

Reliefs und Texte. Eine Ausstellung

12.05.-16.06.1996


Eröffnung: 11.05.1996, 11.30 Uhr
Kuratiert von: Ingeborg Orthofer und Peter Weibel

Gemeinschaftsproduktion Wiener Festwochen und Neue Galerie Graz


SCHWABPost
ist Teil eines Projekts, das bislang unbekannte Aspekte des Werkes von Werner Schwab zeigt.
Dieses Projekt, das eine Gemeinschaftsproduktion der Wiener Festwochen in der Reihe: "1000 Jahre Paralyse" und der Neuen Galerie Graz ist, besteht aus:
SCHWABPost. Mail Art. Eine Ausstellung. Wien.
SCHWABFleisch. Reliefs und Texte. Eine Ausstellung. Graz.
SCHWABSammlung. Eine Edition im Literaturverlag Droschl Graz (Ausstellungskatalog).

 

Programm im Zug Wien-Graz-Wien am Tag der Vernissagen (Jennifer Minetti, Hans Gratzer, Sebastian Blomberg, Eduard Wildner, Beatrice Frey und Helmut Schödel lesen Werner Schwab; Musik: F.M. Einheit, nach Texten von Werner Schwab; Schwab-Portrait von Günther Schilhan: "Endlich tot endlich keine Luft mehr")

 

Katalog:
Werner Schwab. SCHWABSammlung (Schwabtexte, Über Schwabtexte, CD: Orgasmus : Kannibalismus, Postkartenedition)
Ingeborg Orthofer, Peter Weibel (Hg.), Wiener Festwochen und Gesellschaft der Freunde der Neuen Galerie
Literaturverlag Droschl, ISBN 3-85420-435-3, Preis: ATS 340.--

 

SCHWABPost. Mail Art. Wien

 

Die Ausstellung SCHWABPost zeigte erstmals die über mehr als ein Jahrzehnt (1978 - 1990) laufende Mail Art-Produktion zwischen Werner Schwab und Janos Erdödy.
Die rund 200 gezeigten Karten sind im Laufe dieses Zeitraums zwischen den häufig wechselnden Wohnadressen und Aufenthaltsorten kursiert.
Beide Künstler waren als Archäologen ihres Alltags tätig. Sie "gruben", sammelten und verwerteten, was sie fanden, gruppierten "Gerümpel": aus dem Zusammenhang gerissene Schlagzeilen, Zeitungfotos, Zigarettenschachteln, Zugfahrkarten; SCHWABPost ist Material, das für den Postverkehr autorisiert ist, Ansichtskarten etwa oder Persönliches wie Einkaufszettel oder Röntgenbilder mit Zeichnungen, Konzepte für Ausstellungen, Texte aus Erzählungen oder Hörstücke und politische Karikaturen.
Jedes einzelne Stück der rund 200 Exponate ist aus dem Kontext zu lösen und für sich als Bild einer Ausstellung zu sehen. Die Gesamtheit der Bilder, in ihrer Schleife durch Zeit und Raum betrachtet, ergibt hingegen ein Objekt, das als persönlicher, künstlerischer, politischer Kommentar der Protagonisten zu lesen ist.
In diesem Prozeß der Aneignung und Transformation von nicht "kunstfähigem" (Abfall)Material war das Produzierte Teil ihrer Arbeit als Künstler. "Post machen" war gleichermaßen kontinuierliche Kommunikation wie künstlerischer Akt.
Der Weg, den das "Poststück" zurücklegt, ist ein weiterer Schritt im Prozeß der Vollendung des Kunstwerks. Er ist als ein Weg aus einer Intimität (dem Schreib-Tisch des Senders) über den Transport und die Veränderung durch eine Öffentlichkeit/Institution (Briefkasten, Postamt, Briefträger, Stempel, Anmerkungen der Post, ...) wieder zurück in eine andere Intimität (Wohnung des Empfängers: lesen, schauen, deuten, anknüpfen, ...), als ein Vorgang der Äußerung, Entäußerung, Interpretation, Veränderung zu verfolgen, also als Weg der Transformation und Decodierung.
Motive und Merkmale des späteren literarischen Schwab-Schaffens finden sich in diesen frühen Text-Bildkompositionen und Bilder-Texten.
Die traditionell den einzelnen Materialien zugeordneten (Kunst)Sparten und (Kunst)Techniken verlieren bei solcher Verwendung naturgemäß ihre Definitionskraft.
Die anti-hierarchische Verwendung von "Werkstoffen", wie Sprache, vorgefundenem Bild- und Textmaterial, Zeichnung und Malerei oder tierischen Kadaverteilen, wie z.B. getrocknete Haut oder Luftröhren, führt direkt zur starken, sinnlichen Sprache, die aus seinen Theaterstücken bekannt ist.

SCHWABFleisch. Reliefs und Texte. Graz

 

Die Ausstellung SCHWABFleisch stellte Werner Schwab als bildenden Künstler vor und zwar mit Rekonstruktionen seiner in den 80er Jahren entstandenen sogenannten "Verwesenden Plastik".
Seine künstlerische Auseinandersetzung mit Skeletten, Kadavern, Gedärmen, Innereien, Knochen und Prozessen der Verwesung ist als begleitender visueller Code für die "eigentliche" Arbeit von Schwab zu lesen, als bildnerischer Anteil seines literarischen Werks. Schwabs Theater ist ein anatomisches Theater. In seinen Stücken sehen wir die Anatomie unserer Kultur als Aufschneiden der Kultur. Er seziert auf der Bühne den Kadaver der bürgerlichen Gesellschaft. Er zeigt nicht den Menschen an sich, er zeigt den Bürger als grausames Vieh, er zeigt das Subjekt als Beamten und den Beamten als Bestie, er zeigt den blutigen Terror als Ordnung des gebildeten Bürgertums und die Greuel des Krieges als Folge der Exklusions-Strategien der sozialen Systeme. Er schneidet den sozialen Körper auf, er liefert Gruppenbildnisse, Standesporträts, er zeigt die Gesellschaft als geöffnete Leiche.
Seine Skulpturen mit Knochen, mit Fleisch, mit Tierköpfen, sind der bildnerische Ausdruck der umfassenderen Anatomie der Gesellschaft, die er in seinen Theaterstücken leistet. Schwab verwendet Kadaver als Skulpturen, er schneidet die Skulpturen auf, um die Kultur aufzuschneiden. Damit dieser Zusammenhang niemandem entgeht, nämlich daß es Schwab nicht um das Fleisch des Leibes, sondern um das Fleisch des Gesellschaftskörpers geht, montiert er Texte aus den Massenmedien, aus der Textproduktion der Gesellschaft selbst, auf das Fleisch. Das ist ein wichtiger Aspekt, ein Schlüssel zur De-Codierung dieser Werke, denn erst dadurch werden die Skulpturen zum Schauplatz der Begegnung von Natur (Fleisch) und Kultur (Text). Erst die Text-Zitate, Text-Montagen, geplündert vom Plunder der Zivilisation, zeigen, woher der Leichengeruch und der Pesthauch eigentlich wehen, nämlich von der "societé morte". Durch die Texte werden die Verwesungsskulpturen mehr als bloße Schaustellungen von Naturprozessen, sondern im Gegenteil von Sozialprozessen, zum Symptom der Chronik eines angekündigten sozialen Todes. Die Schwabschen Skulpturen sind also Fleischstücke mit Text, so wie Schwabs Theater Textstücke mit Fleisch sind. Im Verschnitt von beidem, von Sprache und Fleisch, gelingt es Schwab, die Gesellschaft aufzuschneiden. Bei Schwab ist der Todestrieb nicht der Natur zugeordnet, sondern der Kultur. Bei der Begegnung von Fleisch und Sprache, von Natur und Zivilation, ist der Aggressor und die Dekonstruktion auf Seiten der Sprache.
Schwabs bildnerisches Werk ist also nicht zu marginalisieren, sondern gibt uns, da es aus der gleichen Quelle stammt, enorm hilfreiche und wertvolle Hinweise auf die Schwabsche Methode.

 

Werner Schwab.
geb. 4. 2. 1958 in Graz.
Besuch der Kunstgewerbeschule, Abt. Bildhauerei bei Josef Pillhofer. 1978 bis 1982 Studium an der Akademie der bildenden Künste bei Bruno Gironcoli in Wien.
1981 Geburt des Sohnes Vinzenz. Zwischen 1981 und 1989 lebt und arbeitet Werner Schwab auf einem abgelegenen Bauernhof in der Süd-Oststeiermark.
1989 erste öffentliche Aufführung eines Textes, "Das Lebendige ist das Leblose und die Musik", Schwab inszeniert und führt Regie.
1990 Übersiedelung nach Graz, UA von "Die Präsidentinnen" in Wien. Start der internationalen Karriere mit "Volksvernichtung" in den Münchner Kammerspielen 1991, Auftragsarbeiten für Theater, Auszeichnungen und Preise.
Dramatikerpreise: 1991 Nachwuchsdramatiker der deutschen Kritik. 1992 Preis für den interessantesten Dramatiker des Jahres. 1992 Mühlheimer Dramatikerpreis. 1992 Förderungspreis des Schiller-Gedenkpreises.
Werner Schwab stirbt am frühen Morgen des 1. 1. 1994 in Graz.

 

Buchveröffentlichungen (für den deutschen Sprachraum)

Werner Schwab im Literaturverlag Droschl Graz:

Fäkaliendramen
(Die Präsidentinnen / ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM / Volksvernichtung / Mein Hundemund). Graz 1991

Königskomödien
(Offene Gruben offene Fenster / Hochschwab / Mesalliance aber wir ficken uns prächtig / Der Himmel mein Lieb meine sterbende Beute / Endlich tot endlich keine Luft mehr). Graz 1992

Dramen III
(Troiluswahn und Cressidatheater / Faust:: Mein Brustkorb : Mein Helm / ESKALATION ordinär / Antiklimax). Graz 1994

DER REIZENDE REIGEN nach dem Reigen des REIZENDEN HERRN ARTHUR SCHNITZLER. Graz 1996

Der Dreck und das Gute. Das Gute und der Dreck (Essay 15). Graz 1996

 

Werner Schwab im Residenz Verlag:

Abfall, Bergland, Cäsar
Eine Menschensammlung. Salzburg und Wien 1992

 

Musikveröffentlichungen

Stein: König Zucker (enthalten: "Y" aus: Werner Schwab: Abfall, Bergland, Cäsar). Rough Trade Records 1994

Einstürzende Neubauten: FAUSTMUSIK (Werner Schwab: Faust:: Mein Brustkorb : Mein Helm). Rough Trade Records 1995

Uraufführungen

 Expand Box

DAS LEBENDIGE IST DAS LEBLOSE UND DIE MUSIK

Graz, Bronx (Intro Graz Spection), 22. 4. 1989

 

DIE PRÄSIDENTINNEN
Wien, Künstlerhaus, 13. 2. 1990

 

ÜBERGEWICHT, UNWICHTIG: UNFORM
Wien, Schauspielhaus, 12. 1. 1991

 

VOLKSVERNICHTUNG ODER MEINE LEBER IST SINNLOS
München, Kammerspiele, 25. 11. 1991

 

MEIN HUNDEMUND
Wien / Graz, Schauspielhaus / Forum Stadtpark (Koproduktion), 15. 1. 1992

 

OFFENE GRUBEN OFFENE FENSTER
Wien, Volkstheater, 18. 6. 1992

 

MESALLIANCE ABER WIR FICKEN UNS PRÄCHTIG
Graz, Schauspielhaus, 4. 10. 1992

 

DER HIMMEL MEIN LIEB MEINE STERBENDE BEUTE

Stuttgart, Staatstheater, 6. 11. 1992

 

PORNOGEOGRAPHIE
Graz, Schauspielhaus / Forum Stadtpark (Koproduktion), 3. 10. 1993

 

ENDLICH TOT ENDLICH KEINE LUFT MEHR
Saarbrücken, Saarländisches Staatstheater, 23. 9. 1994

 

FAUST:: MEIN BRUSTKORB : MEIN HELM
Potsdam, Hans Otto Theater, 29. 10. 1994

 

ANTIKLIMAX
Hamburg, Kampnagel, 6. 12. 1994

 

DER REIZENDE REIGEN
Zürich, Schauspielhaus ("Privatvorstellung"), 15. 3. 1995

Zürich, Schauspielhaus, 31. 3. 1996

 

ESKALATION ORDINÄR
Hamburg, Schauspielhaus, 17. 3. 1995

 

TROILUSWAHN UND CRESSIDATHEATER
Graz, Schauspielhaus, 25. 3. 1995

Neue Galerie Graz

Joanneumsviertel, Zugang Kalchberggasse
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9100
joanneumsviertel@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten

Di-So 10-17 Uhr 
 
Überblicksführungen
Sa, So, Feiertag, 14 Uhr (de), So, 11 Uhr (en). Zusätzliche Termine entnehmen Sie bitte dem Kalender. Weitere Führungen nach Voranmeldung.

Öffnungszeiten der Bibliothek
Di und Do 10-15 Uhr sowie nach Vereinbarung

Öffnungszeiten OHO!

Di bis Fr von 10 bis 24 Uhr
Sa 9 bis 24 Uhr
So und Feiertag 9 bis 18 Uhr

 

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