Jenseits von Kunst

08.02.-31.03.1997


Eröffnung: 07.02.1997, 19 Uhr

Kuratiert von: Peter Weibel

Eine Kooperation mit dem Ludwig Museum Budapest als Beitrag zum österreichischen Millennium und ungarischen Millecentenarium 1996

 

17.10.-24.11.1996: Ludwig Múzeum Budapest
20.09.-06.12.1998: Museum van Hedendaagse Kunst Antwerpen
(anlässlich der österreichischen Präsidentschaft im Rat der Europäischen Union)


Nach der Präsentation im Ludwig Museum in Budapest vom 17.10 - 24.1 1.1996 ist die Neue Galerie Graz die zweite Station dieser Ausstellung. Eine neue Kartographie der Kultur wird vorgestellt: die überwiegend verdrängte, vertriebene und unbekannte Kunst- und Wissenschaftsgeschichte von Österreich und Ungarn. Beide Länder haben von der Jahrhundertwende bis zur Gegenwart trotz der politischen Destruktionen und Obstruktionen analytische Kunstrichtungen (wie Konstruktivismus, Kinetik, optische Kunst, Aktionismus, visionäre Architektur) und Denkströmungen (wie Sprachphilosophie, Spieltheorie, Kybernetik, Psychoanalyse, Quantenphysik) begründet oder wesentlich mitgetragen, die eigenständige, spezifische Beiträge zur Weltkultur bilden. Die Leistungen und Werke von ca. 200 KünstlerInnen und 100 WissenschaftlerInnen werden nach einem methoden- und problemgeschichtlichen statt einem individual- und stilgeschichtlichen Modell präsentiert.

Katalog:
Zur Ausstellung erscheint ein Schau- und Lesebuch mit Originalbeiträgen, Kurzessays und thematischen Darstellungen, ca. 800 Seiten, 1075 s/w-Fotos, 90 Farbseiten, in zwei Ausgaben, deutsch und ungarisch, im Passagen Verlag, Wien, hrsg. von Peter Weibel; Preis: ATS 470,-- während der Ausstellung, ATS 686,-- im Fachhandel;

 

Gefördert durch:
Bundesministerium für Auswärtige Angelegenheiten - Wien; Bundesministerium für Wissenschaft, Verkehr und Kunst - Wien; Österreichisches Kulturinstitut - Budapest; Kulturreferat der Steiermärkischen Landesregierung - Graz; Ministerium für Kultur und Bildung - Ungarn; Rudi Roth, Konsul der Republik Ungarn von Steiermark - Graz;

1. Wahrnehmung und Bewegung

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Die katalytische Funktion, welche im 19. Jahrhundert die Farbe für die Entwicklung der Kunst inne hatte, übernahm im 20. Jahrhundert die Bewegungs- und Wahrnehmungsproblematik, die Frage nach dem Sehen von Bewegung, vgl. den bezeichnenden Buchtitel vision in motion von L. Moholy-Nagy, 1947. Ungarn und Österreich haben zur Wahrnehmungstheorie und zur optischen Kunst einen wesentlichen Beitrag geleistet, der hier zum ersten Mal zusammenhängend dargestellt wird.
Geometrische Abstraktion:
Unter dem Einfluß der Rad-Technologie der Bewegungsmaschinen begann eine Verwandlung in der Darstellung, sei es bewegter Gegenstände oder von Beobachtern in Bewegung. Besonders der menschliche Körper wurde in verschiedenen Bewegungsphasen gezeigt. Aus dieser Aufsplitterung der Gegenstandswelt in eine simultane Darstellung mehrerer Perspektiven ( Kubismus ) und mehrerer Bewegungsphasen ( Futurismus ) auf der Fläche entstanden geometrisch abstrahierte Formensprachen z.B. der Wiener Kinetismus der Cizek-Schule und der ungarische Konstruktivismus. Die ungarische Avantgarde entwickelte aus der Brechung der Wahrnehmung durch die Geschwindigkeit ein immer abstrakteres Vokabular aus Linien und Flächen, die dynamische Geometrie des Konstruktivismus, die zur methodischen Visualität von "Abstraction-Création" (1931) und zur "konkreten Kunst" (1935) führte.

Medien:
Parallel zur Entwicklung der abstrakten Moderne in den 20er Jahren entwickelte sich auch eine andere abstrakte Kunst, der Film, die Kunst des bewegten Bildes, begleitet von zahlreichen photographischen Experimenten, die ebenfalls zur Abstrahierung des Bildes und zur Findung neuer Bildformen beitrugen.

Muster:
Aus den textilen Ornamenten und Farbexperimenten mit Vorsatzpapieren entstanden in Wien bereits um die Jahrhundertwende erste Abstraktionsformen, aus denen sich ebenfalls eine geometrische Abstraktion entwickelte, die bereits frühe Ansätze zur Op Art zeitigte.

Op Art:
Die Darstellung von Gegenständen durch Linien, Farben und Flächen befreite sich in der ersten Phase zur autonomen Repräsentation von Linien, Farben, Flächen. In der zweiten Phase wurden die Gesetze der Form in Beziehung zu den Gesetzen der Wahrnehmung gesetzt. Die optischen Effekte, hervorgerufen durch autonome Linien, Farben, Flächen, wurden selbst zum Inhalt der Bilder (V. Vasarely). Die geometrische Abstraktion erreichte einen Abstraktionsgrad, bei dem die Wahrnehmung selbst zum Thema wurde.

Kinetik:
Aus den synästhetischen Träumen der Malerei und der Musik, aus den bewegten Spielen der malerischen und medialen Lichteffekte entstanden mobile, zum Teil motorisierte Lichtskulpturen, elektronisch gesteuerte kybernetische Objekte und Stahlkonstruktionen in Bewegung, die kinetische und optische Effekte vereinigten (N. Schöffer).

Sehmaschinen:
Bald trat die Untersuchung der optischen Phänomene über den Rahmen der Bilder und Skulpturen hinaus und verband sich mit den Maschinen und Medien zur Produktion optischer Illusionen jenseits der Scheinbewegung des Films. Die 2-D Illusionen der optischen Kunst erweiterten sich zu 3-D Illusionen. Scheinräume und Scheinkörper entstanden als Vorläufer des elektronischen Cyberspace (F. Kiesler, A. Schilling) mit Hilfe maschinengestützter (von analogen bis digitalen Apparaten) Wahrnehmung.

2. Symmetrie und Symmetriebrechung

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Wohl kaum ein Begriff verbindet Kunst und Wissenschaft enger als die Symmetrie. Dies galt schon für den antiken Topos, wie er sich z.B. bei Vitruv findet. Ein Schiffbrüchiger findet am Strand eines unbekannten Eilandes regelmäßige geometrische Figuren. Kann er daraus auf einen intelligenten Urheber (auch einen Gott) schließen?
Die Moderne hat diese Verbindung in einem langwierigen Transformationsprozeß neu gefaßt. Einige Schlaglichter finden sich im Aufsatz des Biochemikers Erwin Chargaff. Grob gesprochen trachtet die Naturwissenschaft heute nicht mehr nach teleologischen Erklärungen, nicht mehr nach einem Urheber der Symmetrie. Vielmehr wird die Struktur formaler Gebilde, z. B. die Meßgrößen einer physikalischen Theorie, mit einem zu Beginn dieses Jahrhunderts durch die Mathematik präzisierten Symmetriebegriff untersucht. Symmetrie wurde zum großen Schlüsselbegriff von Quantentheorie und Elementarteilchenphysik, wodurch der ältere Begriff des Naturgesetzes fast obsolet wurde (M. Stöltzner).
Die nach dem Architekten Buckminster Fuller benannten Fullerene (M. und I. Hargittai) sind eine der jüngsten und spektakulärsten Entdeckungen in einem Bereich, der uns völlig vertraut schien. Schon Gauß besaß die Mathematik für diese dritte Modifikation des Kohlenstoffs nach Graphit und Diamant.
Allerdings sind die so hilfreichen Symmetrien kaum je vollständig realisiert, sondern durch andere Wechselwirkungen gebrochen. Symmetriebrechung ist nicht bloß ein störender Nebeneffekt. Letztlich beruht auf ihr die so fundamentale Tatsache, daß es überhaupt Masse in der uns gewohnten Welt gibt. Der Mathematiker Hermann Weyl hat mit Die Symmetrie (1955) ein grundlegendes Werk mit zahlreichen Beispielen für Symmetrie in Kunst und Wissenschaft geschrieben.
Dieser Triumph der Symmetrie und Invarianz ist in neuerer Zeit durch die Entdeckung der vom Gehirn gesteuerten allgemeinen Seitigkeit des Menschen und durch den Nachweis (1957) der Verletzung der Parität, die besagt, "daß es in der Natur keine Bevorzugung des Rechts-Links-Schraubensinnes gibt oder umgekehrt", ins Wanken geraten. Eugene P. Wigner hat früh auf die Möglichkeit hingewiesen, daß die Symmetriegesetze nur eine annähernde Gültigkeit besitzen können (O.E. Rössler, P. Weibel). Szaniszló Bérczis Aufsatz erläutert die Bedeutung der Symmetriebrechung an einem etwas weniger bekannten transdisziplinären Gebiet der Naturwissenschaften, den zellularen Automaten.
Auch die Kunst ist in der Moderne gegen einen normativ verstandenen Symmetriebegriff aufgetreten, hat althergebrachte Symmetrien durchbrochen und den Begriff im Rahmen der Abstraktionstendenzen immer mehr als eine strukturelle, formale Relation verstanden.
Ist die Referenz zur Gegenstandswelt als externes Modell für die interne Organisation der Elemente des Bildes durchschnitten, sind die Kreise, Linien, Flächen, die bisher zur Darstellung von Gegenständen und Gegenstandsbeziehungen dienten, autonom geworden, entsteht eine Freiheit der Formen und Farben, die einer neuen, auf abstrakten statt realistischen Prinzipien aufbauenden ästhetischen Organisation bedarf.
Als internes gegenstandsfreies Organisationsmodell der Bildelemente und für die Konstruktion von Formbeziehungen konnten in diesem referenzlosen Raum mathematische bzw. geometrische Modelle und Methoden wie Proportionslehre, Symmetrie und Symmetriebrechung, Dissymmetrie, Asymmetrie herangezogen werden (V. und F. Molnár). Letztlich ermöglichte dies eine neue Etappe des Brückenschlags zwischen Kunst und Wissenschaft, die in dieser Sektion im Vordergrund steht, die proto-mathematische Analyse von Figuren und Formen.
Die Fraktale bilden dabei eine Klasse von Zeichen und geometrischen Konstruktionen, die durch die unendliche Iteration einer diskreten Abbildung entstehen und charakteristischerweise Selbstähnlichkeit in endlos verkleinertem Maßstab zeigen (L. Nyikos, G. Perneczky). Die KünstlerInnen untersuchen in Photographien, Gemälden, Skulpturen und Installationen die vielfältigen Möglichkeiten der internen Organisation ästhetischer Gebilde nach mathematischen Modellen, von der einfachen Spiegelsymmetrie bis zur Geometrie der Selbstähnlichkeit.

3. Messen und Beobachten

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Präsident Eisenhower verleiht J.v. Neumann 1956 die Friedensmedaille
Walter Thirring Konnte die Physik des 19. Jahrhunderts noch mit einem naiven Realismus das Auslangen finden, der die entdeckten Naturgesetze als endgültige Beschreibungen einer an sich seienden Wirklichkeit auffaßte, so haben Einsteins Relativitätstheorie und vor allem die Quantentheorie den Beobachter in die durch Messung erfaßte Wirklichkeit einbezogen. Laplace's Dämon, der aus genauer Kenntnis aller Anfangsbedingungen das Universum berechnen konnte, und die Hoffnung, die gesamte Naturwissenschaft auf mechanische Pozesse rückführen zu können, stellten sich als eine Illusion heraus. Die neue Physik war nicht mehr mechanisch, sondern mathematisch; die Objekte ihrer Theorien waren der an die Newtonsche Mechanik gewöhnten Anschauung nicht mehr vermittelbar. Österreicher wie Ungarn haben die Quantentheorie wesentlich mitbegründet; neben Wolfgang Pauli und Victor Weisskopf insbesondere natürlich Erwin Schrödinger, den Alexander Zartl hier von einer weniger bekannten Seite in den Blick nimmt.
Johann von Neumann ist der moderne mathematische Fomalismus der Quantentheorie zu verdanken. Wie Miklós Rédei zeigt, hat er bereits in den 30er Jahren die Perspektiven einer umfassenden und mathematisch rigorosen quantenstatistischen Physik erarbeitet.
In dieser Tradition steht auch die von Walter Thirring begründete "Wiener Schule" der mathematischen Physik. In seiner wohl kürzesten Arbeit skizziert Thirring Erfolge und Grenzen des Versuches, die auf Boltzmann zurückgehende Ergodentheorie in die Quantenwelt zu übersetzen. Im Gespräch mit Michael Stöltzner skizziert Thirring die Chancen universeller Theorien.
Wolfgang Pauli, das mathematische "Gewissen der Physik", verkörpert in seinem von Harald Atmanspacher skizzierten Lebensweg zwei eher gegenläufige Wiener Traditionen: Machs Empirismus und die Psychoanalyse (in der Prägung C.G. Jungs). Aber der Quantenrevolution sind mitnichten alle Verwandten von Laplaces Dämon zum Opfer gefallen, wie Karl Svozil aufzeigt. Das im Dämon virulente Problem des Standpunktes scheint ein so grundsätzliches zu sein, daß es vielleicht einer neuen Nomenklatur würdig ist ( Otto E. Rösslers Endophysik ), mit der Peter Weibel eine Brücke zur Kunst schlägt.
Der moderne Künstler trägt häufig sein Handeln wie auch das des Betrachters in das Werk hinein. In der modernen Medienkunst wird der Betrachter Teil des Bildes, das er beobachtet, und verändert es dadurch. Interaktive computergestützte Kunstwerke mit ihren Modellwelten, in denen der Betrachter sich bewegen kann, verschärfen das bereits in der perspektivischen Malerei der Renaissance angelegte Beobachterproblem.
Beschränkungen des Beobachters treten auf, sowie Verzerrungen, aber auch neue Vollmachten, nicht unähnlich der Rolle des Beobachters in der Quantenphysik. Techniken der Beobachtung und des Messens führen auch in der Kunst auf physikalische Weise zu Veränderungen und Eingriffen in die beobachteten Bildsysteme (G. Bechtold, G. Császári, A. Csörgö, R. Schnell). Als wie fundamental sich die Rolle des Beobachters in der Quantentheorie auch immer herausstellen wird - der Experimentator ist mehr als ein bloßer Kunsthandwerker. Anton Zeilinger stellt die "Paradoxa" der Quantenmechanik an einfachen Gedankenexperimenten und mit Hilfe einer Computersimulation an einem echten Experiment dar. Da viele Experimente heute virtuellen Charakter haben, versuchen dies G. Ösz und János Sugár auf künstlerische Weise. Die von Harald Posch vorgestellten Computersimulationen von Nichtgleichgewichtsvorgängen erlauben einen Vorgriff auf wesentliche Züge der fundamentalen Begriffe Reversibilität und Irreversibilität, Phänomene, mit denen sich auch die Kunst beschäftigt (D. Maurer, H. Turk).

4. Mathematik und Physik

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Wahrscheinlich haben unter allen wissenschaftlichen Disziplinen beide Länder auf den Gebieten Mathematik und Logik die überragensten Leistungen erbracht. Diese schließen auch die mathematische Grundlegung der Informatik und ihre Fruchtbarmachung (im Sinne angewandter Mathematik) für die Physik mit ein, wofür in dieser Sektion das interdisziplinäre Paradigma der Entropie stehen soll. Gyula Staar beschreibt einige der Persönlichkeiten, die den legendären Ruf der weltweit verstreuten ungarischen Mathematik-Szene bewirkten ( Lipót Féjer, György Pólya, Miklós Laczkovich, László Lovász etc.). Diese verschworene Gemeinschaft von Mathematikern, Logikern, theoretischen Physikern bildet wegen ihrer kontinuierlichen Brillanz für die Welt ein Rätsel. Einer ihrer berühmtesten, der Zahlentheoretiker Pál Erdös, hat für das vorliegende Buch eigens einen sehr persönlichen Beitrag verfaßt, bevor er kurz danach unerwartet verstarb. Seit den Pythagoräern hat insbesondere die Zahlentheorie Künstler wie Mathematiker gleichermaßen fasziniert. Obwohl manche ihrer Probleme jedem Gebildeten verständlich zu machen sind, mißt sie den Fortschritt nach Jahrhunderten. Gut eine Generation jünger als Erdös hat auch der Österreicher Wolfgang Schmidt, porträtiert von M. Neuwirther, sich in diese Tradition einschreiben können.
Wilhelm Frank schildert einige der bedeutendsten Mathematiker und Logiker Österreichs: u.a. Wilhelm Wirtinger, Philipp Furtwängler, Eduard Helly, Abraham Wald, Hans Hahn, einer der Mitbegründer der Funktionalanalysis, die von beiden Ländern entscheidend vorangebracht wurde. Weitere ungarische und österreichische Mathematiker, z.T. einer jüngeren Generation, werden von P. Weibel vorgestellt ( Johann Radon, Georg Kreisel, Alfred Tauber, Richard von Mises, John G. Kemeny, Paul R. Halmos u.a.). Christa Binder zeigt an Olga Todd-Taussky exemplarisch den Lebensweg einer Mathematikerin in diesem Jahrhundert.
Leopold Vietoris, der 105-jährige Nestor der österreichischen Mathematiker ( G. Helmberg und K. Sigmund ), verlieh der Topologie algebraische Züge, die vor allem in der String-Theorie zu Ehren gekommen sind. Die Arbeiten von Raoul Bott gelten ebenfalls der algebraischen Geometrie (M. Neuwirther). Geometrie kann sehr abstrakt sein, manchmal aber auch sehr anschaulich oder gar spielerisch. An Ernö Rubiks magischem Würfel bieten G. Kéri und T. Varga eine Einführung in Grundbegriffe der Gruppentheorie, der Disziplin, die mathematisch dem Symmetriebegriff zugrunde liegt. Die Geometrie hat in diesem und im letzten Jahrhundert einige Revolutionen durchgemacht, an denen z.B. Farkas und János Bolyai in Ungarn und Karl Menger und Kurt Reidemeister in Wien beteiligt waren. Kurt Gödels bahnbrechende Arbeiten haben sowohl die Möglichkeiten der Logik stark erweitert, als auch ihre Grenzen aufgezeigt. Sein berühmtes Unvollständigkeitstheorem, oft auch der "Satz des Jahrhunderts" genannt (P.Weibel und E. Köhler), schlägt eine unerwartete Brücke zu Problemen der (mathematischen) Physik (M. Stöltzner).

 

Ein wichtiger in Österreich und Ungarn geborener Begriff der Mathematischen Physik ebenso wie der Informationstheorie ist die Entropie. Ludwig Boltzmann hat damit das ganze Gebiet der statistischen Physik begründet. Richard von Mises hat die mathematischen Grundlagen der Wahrscheinlichkeitstheorie geschaffen. Eine allgemeine Einführung in dieses Thema bieten G. J. Székely und D. Petz. Auszugsweise wird der Orginalaufsatz von Leo Szilard gebracht, in dem die Analogie zwischen Entropie und Information begründet wird, die später für die Informationstheorie so fundamental wichtig wurde. Johann von Neumann und Alfréd Rényi haben den Begriff der Entropie in moderner Weise gefaßt und auch für Quantensysteme brauchbar gemacht. Szilards Autobiographie weist auf seine und seiner Freunde ( Eugene Pál Wigner, Ede Teller, J.v. Neumann ) Beteiligung an der Entwicklung der Atombombe hin. Wir zitieren den berühmten Brief Einsteins und Szilards beigefügtes Memorandum.
Die Mathematik als formalste Wissenschaft hat natürlich auch auf die Künste eine Faszination ausgeübt und als Modell für abstrakte und systematische Bild-Konstruktionen gedient. Ähnlich wie bei Symmetrie und Symmetriebrechung haben mathematische Methoden interne Prinzipien (Proportion, Reihe, Serie etc.) für die Organisation der visuellen und plastischen Elemente geliefert, sei es der Ordnung oder der Unordnung (R. Arnheim, Entropy and Art. An Essay on Order and Disorder, 1971). Visuelles Denken (R. Arnheim, 1969) wird durch formal-logisches Denken unterstützt. Darüber hinaus - und vielleicht am wichtigsten - nimmt die Kunst erkenntnistheoretische Probleme auf, welche die Mathematik zwar berührt, aber wegen ihrer strengen Wissenschaftlichkeit nicht weiter verfolgt.

5. Kybernetik, Informatik, Computerkunst

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Als darangegangen wurde, die Ergebnisse der abstrakten Informationstheorie in Maschinen umzusetzen, entstanden Automatentheorie und Kybernetik, der Vergleich der Maschinen und Lebewesen unter dem Gesichtspunkt ihrer Steuerbarkeit, wie dies in der Defintion zum Ausdruck kommt, die den Untertitel des Buches bildet, das die Kybernetik begründete: Norbert Wiener, Cybernetics: Control and Communication in the Animal and the Machine (1948).
Der Aspekt der Automation wurde von der Signalverarbeitung und Datenmanipulation auf alle Kommunikations- und Lebensbereiche ausgedehnt. Nicht nur in den USA, in England und Frankreich, sondern auch in Österreich und Ungarn sind innovative Beiträge zur Entwicklung der Kybernetik geleistet worden. Heinz von Foerster, nach eigenem Bekenntnis dem Denkstil des Wiener Kreises verpflichtet, hat die wichtigsten Tagungsbände zur Kybernetik mitherausgeben, Cybernetics: Circular Causal and Feedback Mechanisms in Biological and Social Systems, 1951-55.

Aus der Theorie der Kontrolle und Steuerung von Steuerungsmechanismen entstand die Einsicht, daß eine Beobachtung nicht allein daherkommt. Beobachtungsprozesse stehen selbst unter Beobachtung. H. v. Foerster unterscheidet daher zwischen einer Kybernetik erster Ordnung, die Kybernetik von beobachteten Systemen, und einer Kybernetik zweiter Ordnung, die Kybernetik von beobachtenden Systemen. Die zentrale Bedeutung von solchen Rückkoppelungsmechanismen, Beobachtersystemen von Beobachtungen, führte zur Einsicht, daß ähnliche Prozesse der Schleifenbildung und Zirkularität auch bei der Konstruktion von Realität eine gewichtige Rolle spielen. Vermehrt um eine logische Kommunikationstheorie haben daraus Heinz von Foerster, Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawick u.a. die Schule des Konstruktivismus begründet. Aus der Frage, was erzählt das Auge dem Gehirn, wird im Konstruktivismus die Frage, wie konstruieren Gehirn und neuronale Netzwerke die Welt.

Thomas Natschlägers Artikel über die Arbeiten von Wolfgang Maass u.a. zeigt den neuesten Stand der Theoretischen Informatik, die sich mit neuronalen Netzen beschäftigt. Péter Érdí liefert ebenfalls ein mathematisches Modell des Nervensystems und erklärt damit die "unmöglichen" visuellen Formen des Künstlers T. F. Farkas. György Turán führt in das Komplexitätsthema anhand von Computeralgorithmen ein, bei denen sich die Frage stellt, welche mathematischen Probleme eigentlich Turing-berechenbar sind. Turing-Maschinen entsprechen Netzstrukturen. Diese sind nicht bloß ein mathematischer Behelf, sondern gerade die Brücke zum menschlichen Gehirn, das durch neuronale Netzwerke modelliert werden kann. G. Kovacs liefert einen Überblick über die wichtigsten Pioniere der Rechentechnik, des Computers und der Kybernetik Ungarns ( John von Neumann, István Juhász, Nemes Tihamér, László Kozma, László Kalmar ).

John von Neumann hat einen der ersten Computer gebaut und für die Automatentheorie wegweisende Ideen, wie z. B. zellulare und selbstreproduzierende Automaten, geliefert, die heute noch relevant sind (Peter Weibel). Für die Konstruktion kybernetischer Maschinen haben Nemes Tihamér und Heinz Zemanek bedeutende Leistungen erbracht. Aus den Konzepten der automatisierten Maschinen haben Attila Kovács kybernetische Skulpturen und Nicolas Schöffer ganze kybernetische Städte entwickelt. Zemanek hat auch Programmiersprachen erarbeitet, ebenso wie auch Hermann Maurer (den Bildschirmtext BTX und das vernetzte Datenbanksystem Hyper-G ). Auch die Kunst hat entdeckt, daß Sehvorgänge selbst gesehen werden und daß diese Beobachtermechanismen zweiter Ordnung sich maschinengestützt vollziehen. Telematische Informationstechnologie, Wahrnehmungsapparate und Rechenmaschinen haben der Kunst ein vollkommen neues Profil verliehen und ein neues Terrain eröffnet. In der Videokunst werden in Closed Circuits Installationen Rückkoppelungen und Schleifenbildungen künstlerisch eingesetzt.

Der Computer ermöglicht nicht nur die Modellierung und Simulation realer wie irrealer Szenen, sondern auch eine neue Beziehung zum Kunstwerk selbst: die Interaktivität (Peter Weibel). Axel Pinz gibt eine Einführung in den Stand des maschinellen Sehens und Darstellens, in Computervision und Computergraphik heute. Miklós Peternák gibt einen Überblick über das hohe Niveau der Computerkunst in Ungarn (z.B. Gábor Body, Kristian Frey) und über ungarische Computerkünstler im Ausland (z.B. Charles A. Csuri, Tamas Waliczky, Georges Legrady). Österreichische Pioniere wie Otto Beckmann, Marc Adrian, Richard Kriesche zeigen das ganze Spektrum der apparativen Kunst, von digital bis telematisch. In ihrer Nachfolge zeigen Karel Dudeseck, knowbotic research, Franz Xaver deren aktuellste Entwicklungen (interaktives TV im Netz, elektronische Galerie etc.).

6. Evolution, System- und Spieltheorie

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Kunst orientiert sich bei der Formfindung nicht nur an der geschauten organischen Natur, sondern auch an der mathematischen Modellierung derselben. Seit den Fibonacci-Zahlen (Peter Weibel über Fritz Hartlauer) beschäftigt sich die Kunst mit numerischen Modellen des Wachstums von Formen (vgl. Étienne Béothys Theorie der "Goldenen Reihe"). Die Modelle erhalten dabei Bedeutung weit über den genuin biologischen Bereich hinaus. Auch Friedrich Kieslers Designtheorie ist biotechnisch definiert.
Ein wesentliches Charakteristikum lebender Organismen ist ihre systematische Organisation. Die moderne Systemtheorie offeriert einen mathematisch exakten, holistischen Zugang zu biologischen Vorgängen. Dabei sind ihre philosophischen Ursprünge weitgehend vergessen worden. Dies gilt vor allem für Ludwig von Bertalanffy, der als Stifter der allgemeinen Systemtheorie gilt (und dessen Philosophie V. Hofer kritisch beleuchtet). Raoul H. Francé kann als ein Vorfahre der Systemtheorie gelten (F. Pichler), dessen Theorien die Bionik vorwegnahmen. Ähnliche Gedanken auf dem Gebiet der Kunst finden sich bei Ernö Kállai. Einer Francé vergleichbaren Popularität erfreute sich auch Arthur Köstler, dessen Holonenkonzept sehr aktuelle Bezüge offenbart (F. Pichler). Philosophisch gibt es eine Kontinuität von Systemtheorie bis zur Evolutionären Erkenntnistheorie (Werner Leinfellner), wobei die antiempiristischen Wurzeln an Bedeutung verloren. Unbestritten bleibt der ästhetische Bezug der Systemtheorie seit ihren Anfängen, was erlaubt, soziale Systeme künstlerisch und Kunst als lebendes System (C. Sommerer und L. Mignonneau) zu betrachten. Wir müssen also unterscheiden zwischen Modellen und Systemen, die biologische Vorbilder bloß abstrahieren, und solchen, die rein formale abstrakte Methoden benützen, um soziale Systeme zu modellieren, wie die Spieltheorie.

Die Spieltheorie beginnt als eine österreichisch-ungarische Gemeinschaftsproduktion ( John von Neumann, Oskar Morgenstern, Theory of Games and Economic Behavior, 1947). Sie basiert auf der österreichischen Ökonomenschule, die den Nutzbegriff in der Ökonomie herausstrich, und auf John von Neumanns Aufsatz Zur Theorie der Gesellschaftsspiele von 1928. Einführung von W. Leinfellner. Die Spieltheorie betrachtet die Menschen als formalisierte Marktteilnehmer, die verschiedenen Interessen folgen, die gewisse Zustände anderen vorziehen (Präferenzordnung) bzw. ihnen einen numerischen Wert, den Nutzen, zuschreiben. Wie die meisten physikalisch-chemischen Systeme streben dabei die Marktteilnehmer einem Gleichgewichtszustand zu (Ch. Nakayama). Allerdings gibt es bestimmte Voraussetzungen, die eine Situation erfüllen muß, um überhaupt einen Gleichgewichtszustand zu besitzen, zu dem sich die verhandelnden Marktteilnehmer hinbewegen (Karl Menger).

Die Spieltheorie beschreibt die Auswirkungen, wenn Menschen, Tiere oder Automaten nach gewissen rationalen Normen handeln. Dabei kann die Theorie einen gesellschaftlichen Nutzen definieren, gerade wenn sich Menschen nicht strikt egoistisch verhalten. Es gibt Wettbewerbs- und Kooperationsmodelle des sozialen Verhaltens und deren Mischformen. Konsequenterweise hat daher einer der Pioniere der Spieltheorie, John C. Harsanyi, umfangreiche ethische und sozialtheoretische Überlegungen angestellt, die E. Köhler darstellt. Die Spieltheorie eröffnet aber auch wichtige Bezüge zur Evolutionstheorie (im Überblick von W. Leinfellner), zur künstlichen Intelligenz und zur Evolution in der Welt der Moleküle (Peter Schuster).

Dabei ist das Verhältnis von genetischer Information und biologischer Bedeutung äußerst komplex. Es gibt sehr viele Zufälle, sehr viele Spiele, die evolutionär neutral bleiben. Das Leben wird spielbar, nachspielbar (Karl Sigmund).
Was die Kunst besonders an der Evolution reizt, ist gerade der Zufall (L. Beke, Simon Hantai, Dóra Maurer usw.). So verschiebt sich der Blick vom Resultat auf den Prozeß, wie der Entdecker des Vitamin C, Albert Szent-Györgyi, im Interview betont.

7. Wissenschafts- und Kunsttheorie

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Österreich und Ungarn beherbergten beide verschiedene philosophische Schulen, die an einem analytischen Wissenschaftsbegriff orientiert waren: den Galilei-Kreis, den Sonntags-Kreis, den Wiener Kreis. Insbesondere Machs Einfluß auf das ungarische und österreichische Geistesleben ist kaum zu überschätzen. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Galilei-Kreis um Gyula Pikler und die Polanyis zu. Ernst Machs Wahrnehmungstheorie wurde zum bedeutsamen Ausgangspunkt der nobelpreisgekrönten Untersuchungen von György Békésy, später auch für diejenigen Künstler, welche sich zunehmend theoretisch mit Wahrnehmung beschäftigten (siehe Sektion 1).
Eine neue Klammer zwischen Kunst und Wissenschaft entwickelte sich daraus, beide als gesellschaftliche Aktivitäten zu betrachten. Dieser Zugang findet sich einerseits im Sonntags-Kreis um Georg Lukács, im Denken von Arnold Hauser, am radikalsten letzlich bei Paul Feyerabend, jenem ebenso kontroversen wie widersprüchlichen Bohemien der Wissenschaftstheorie. Zeitgemäße Wissenschafts- und Kunsttheorie beruht auf dem Zurückdrängen der individuellen expressiven Kräfte und Elemente bei der Kunstproduktion. Statt dessen erscheint der soziale Anteil größer. Kunst ist nur bedingt ein reines Medium subjektiven Ausdrucks, sondern das Produkt einer sozialen Konstruktion durch die Institutionen der Kunstgemeinschaft (Künstler, Sammler, Kuratoren, Museen). Die durch Emigration verschüttete Tradition des Wiener Kreises hat nicht nur in enger Anlehnung an die Naturwisenschaften den Philosophiebegriff revolutioniert, sondern sie wurde auch in den USA grundlegend für die moderne Wissenschaftstheorie. Über Karl Popper hat der Wiener Kreis auch auf den heute bekanntesten Wissenschaftstheoretiker ungarischer Abstammung gewirkt, auf Imre Lakatos.

Wie der Wiener Kreis hat auch Arthur Köstler versucht, die Wissenschaftsphilosophie in die Öffentlichkeit zu tragen. Durch seine große Produktion wurde er oft ebenso unterschätzt wie sein Wiener Pendant Fritz Mauthner, der gut eine Generation vorher umfangreiche Werke zur Sprachphilosophie verfaßt hatte. Mauthners Kritik der Sprache als Philosophiekritik hatte starken Einfluß auf Ludwig Wittgenstein und über diesen letztlich auch auf die Kunst. Ein zentrales Credo der konzeptuellen Kunst ist es, daß alle Welterklärung auf Sprache aufbaut ( Wiener Gruppe; Kontext-Theorie ).

8. Psychoanalyse und Aktionismus

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Auch bei der Entstehung der Psychoanalyse zeigt sich die enge Verbindung von Österreich und Ungarn. Der Dialog zwischen Sigmund Freud und Sándor Ferenzci ist einer der bedeutendsten innerhalb der psychoanalytischen Schule. Deswegen kam es auch zu einer wichtigen Konferenz in Budapest. Die Emigration des ungarischen Zweiges der Psychoanalyse waren ebenso zahlreich und einflußreich wie die des österreichischen Zweiges.
Der Einfluß der Psychoanalyse auf die ungarische Kunst ist besonders im Bereich der Medien erkennbar. In Österreich führte er zur Begündung des Wiener Aktionismus, der den Körper und seine Funktionen, Triebe bzw. seine Sprache als Medium des Ausdrucks in den Mittelpunkt stellte.
Desgleichen ist das Interesse für die Ausdrucksfähigkeiten von psychischen Medien (mediumine Kunst) und von psychisch gestörten Menschen (zustandsgebundene Kunst) von der Psychoanalyse ableitbar. In allen Fällen geht es um die rationale Ausleuchtung von Grenzbereichen.

9. Vision und Dekonstruktion

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Die konstruktivistische Bildsprache wurde früher von ungarischen und österreichischen Bauhaus-Künstlern in die dreidimensionale Sprache der Architektur umgesetzt ( Sándor Bortnyik, Farkas Molnar, Marcell Breuer ). Daraus entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten eine immer konstruktivistischere Skulptur, die zwischen Architektur, Bild und Plastik angesiedelt ist. Die konstruktivistische Skulptur- und Bildsprache erreichte dabei eine Komplexität, die zur Auflösung des Quadrats und des Würfels und zu deren fragmentarischer Zersplitterung führte.
Die "dekonstruktivistische" Architektur, die aus den utopischen und visionären Architektur-Entwürfen der 60er Jahre stammt, hat diesen Prozeß des Zerfalls des Raumes weitergeführt ( Wenzel Hablik, Friedrich Kiesler, Coop Himmelb(l)au, Gabor Bachmann, Hans Rucker & Co ).

10. Visuelle Kommunikation

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Otto Neurath: Die vereinfachte visuelle Darstellung komplizierter Akte und Anweisungen der Kommunikation, besonders im öffentlichen Raum, hat in Österreich und Ungarn im graphischen Bereich entschiedene Impulse erhalten, siehe insbesondere die Entwicklung der Isotypen bei Otto Neurath, dem bekannten Mitglied des Wiener Kreises. Aber nicht nur eine Zeichensprache für Bücher, Plakate, Schilder und Wände wurde entwickelt, sondern auch die elektronische Kommunikation wurde zum Gegenstand von graphic design, von Kommunikations-Design.

Neue Galerie Graz

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8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9100
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