Barocke Hirschköpfe

Hirschtrophäe der Lamberg-Sammlung, Foto: UMJ/N. Lackner

Dieser 22-Ender ist die einzige aus der Steiermark stammende Hirschtrophäe der Lamberg-Sammlung. Erlegt wurde er von einem französischen General im Jahre 1809 in der Gegend um Stift Admont. Auch dieser Hirsch trägt die rätselhafte Rübe im Äser.

Eine Barockhirschkopfsammlung der besonderen Art

 

154 Hirschköpfe und über 600 abnorme Rehtrophäen – das sind die imposanten Eckdaten der Sammlung des Grafen Lamberg, die einen Schwerpunkt im Jagdmuseum Schloss Stainz bildet.

Wissbegierig und voller Sammelleidenschaft – Oberst Christoph Freiherr von Feldegg

 

Angelegt wurde diese große, außergewöhnliche Sammlung von Rothirsch-, Rehwild-, Gamsbock- und Steinwildtrophäen in den Jahren 1838 bis 1844 von Oberst Christoph Freiherr von Feldegg. Geboren 1779 zu Krumau in Böhmen als Sohn eines fürstlich Schwarzenberg’schen Oberstforstmeisters und gestorben 1845 in Leipzig, pflegte er eine Vielzahl an Interessen und Aktivitäten: Als begeisterter Zoologe pflegte Feldegg neben der (Schalen-)Wildtierkunde auch eine besondere Vorliebe für die Ornithologie


Aus seinen Aufzeichnungen geht hervor, dass die von ihm gesammelten Trophäen aus unterschiedlichen Wuchsgebieten wie Deutschland, Ungarn, Kroatien, Böhmen, Slowakei, Rumänien und auch aus der Steiermark stammen. 
 

 

"Vom Herrn Biedermann aus Wien erhalten am 10. Oktober 1838. Dieser Hirsch mit 22 Enden wurde von einem französischen General im Jahre 1809 in Ober-Steyermark, in der Gegend von Stift Admont und sogenannten Ennsthale geschossen. Er wog 615 Lb.“

Zu dieser in nur kurzer Zeit angelegten Sammlung gehören auch wertvolle Aquarellbildbände, die in Feldeggs Auftrag von Cadet Unterjaeger Friedrich Kranzfelder ausgeführt wurden. Bei den Darstellungen handelt es sich um Inventarbelege mit genauen Angaben über die Vorbesitzer, über Ort, Datum und Art der Erwerbung, und sie liefern eine überaus detailgetreue Wiedergabe der Trophäen. In einigen Fällen wird auch das Gewicht der Tiere angegeben, allerdings nur bei erlegten Rothirschen.

Teilweise werden sie im „natürlichen“ Zustand dargestellt – das Haupt noch in der Decke –, in anderen Fällen aber auch mit einem dreiseitig gekappten Schädelknochen. Das ist insofern bemerkenswert, als Kranzfelder sehr viele dieser im natürlichen Zustand dargestellten bzw. gezeichneten Wildtiere nie im frisch erlegten – „grünen“ – Zustand gesehen haben kann, da zwischen der Erlegung, der Erwerbung durch Feldegg und der Zeichnung durch Kranzfelder oft mehrere Jahre liegen.

Jagdmuseum Schloss Stainz, Foto: UMJ/N. Lackner

Aufschlussreich und rätselhaft zugleich

 

Aus heutiger Sicht sind diese Trophäen auch Indikatoren für den wildbiologischen Zustand der damaligen Populationen, denen diese Stücke entnommen wurden. Wir dürfen allerdings nicht davon ausgehen, dass es sich hier nur um „natürlich“ lebendes Rotwild handelt. Aus den Inventarblättern ist ersichtlich, dass z. B. „[...] am 22. September 1840 vom Oberst Baron Feldegg im Königswarther Thiergarten geschossen [...]“ wurde.

Die geschnitzten Köpfe sind farbig gefasst und auf ebenfalls geschnitzten und bemalten Kartuschen befestigt. Warum die Geweihstangen auf einen geschnitzten und vor allem auch bemalten Hirschkopf gesetzt wurden, ist auch nach vielfältigen Untersuchungen nicht eindeutig belegbar. Die Form des Hauptes, die Farbgebung sowie die „Lichter“ – beinahe bei jedem „Kopf“ sind die Voraugendrüsen mit der „Hirschträne“ zu sehen – folgen einer naturgetreuen Darstellung. Sollte der Hirsch auf diese Weise symbolisch wieder von der Abstraktion des toten Geweihes in die Lebendigkeit zurückgeholt werden?

Sehr eindeutige Hinweise dafür – wenn auch für die Trophäen aus der Lamberg-Sammlung nicht überall schriftlich belegt – sind die sogenannten „Gatterhirsche“ oder „Rübenhirsche“ in der Darstellung der Barockhirschköpfe. Viele der beschriebenen Objekte werden nämlich mit einer Rübe, die aus dem Äser ragt, dargestellt. Rothirschgeweihe, die auf geschnitzte Köpfe aufgesetzt und mit Rüben im Äser dargestellt werden, können verschiedenartig gedeutet werden: Einerseits ist es möglich, dass ein solcher Hirschabschuss vom „Personal“ getätigt wurde.

Der Hirsch könnte andererseits auch im Feld eines Landwirtes als ein – auch heute so genannter – Schadhirsch erlegt bzw. als solcher gekennzeichnet worden sein. Sehr oft wird angenommen, dass solcherart dargestellte Tiere in einem Gatter oder „Thiergarten“ erlegt worden sind. Die volkskundliche Literatur verweist als weitere Deutungsvariante auf den verwundeten Hirsch, der – mit der Rübe im Äser, als Zeichen für das „Lebenskraut“ – die Plätze bestimmter Wurzeln wisse, durch deren Verzehr er wieder geheilt werden könne.

Jagdmuseum Schloss Stainz, Stiegenhaus, Foto: UMJ/N. Lackner

Wertvolle Museumsobjekte

 

Ende des 19. Jahrhunderts kaufte Graf Lamberg die Trophäensammlung für das Schloss Trautenfels, wo sie dem Hausherrn als architektonische Zierde diente und Ausdruck einer besonderen Sammelleidenschaft war.

Der 22-Ender ist die einzige aus der Steiermark stammende Hirschtrophäe dieser Sammlung. Ein besonders auffälliges Detail an diesem Hirschkopf ist der Umstand, dass der 22-Ender bereits im Jahr 1809 in der Region Admont erlegt wurde, aber erst 29 Jahre später in die Sammlung  des Oberst Baron Feldegg gelangte. Der auf dem Aquarell angeführte französische General kann in Zusammenhang mit einer Tagebucheintragung vom 10. Juli 1809 des Benediktinerpaters Urban Ecker (1791–1841) aus dem Stift Admont gesehen werden, der notierte: „General Rouscat zieht mit 4000 Mann über den Pirn“.

Im August bzw. September 1952 wurde die Sammlung in das Inventar des Jagdmuseums übernommen – vor allem die enthaltenen Rehabnormitäten sind jagdkundlich von unschätzbarem Wert. Wir wissen, dass Geweihe weit mehr als optische Informationen wie Endenanzahl oder Masse beherbergen: Geweihe sind ebenso wichtige historische Quellen über Umwelteinflüsse, hervorgerufen durch Ablagerungen von verschiedenen Stoffen in den Knochen. Dazu wird es in Zukunft Untersuchungen geben.

Text: Mag. Karlheinz Wirnsberger

Literaturhinweise: Expand Box

Gebhardt Ludwig: Die Ornithologen Mitteleuropas. Ein Nachschlagwerk. Giessen 1964, S. 90.

Illig Udo: Dem Steirischen Jagdmuseum zum Geleit. In: Der Anblick (1953) Heft 1, S. 101.

 

Kirmann Kurt: „Das Jagdmuseum im Schloss Eggenberg“. Hgg. von der Wirtschafts- und Fremdenverkehrswerbung, Graz.

 

Lipp Franz C.: Hirschenschießen. Ein Motiv der Volkskunst als Nachklang auf die sozialrevolutionären Jagdaufstände des 17. und 18. Jahrhunderts in Oberösterreich. In: Innovation und Wandel, Festschrift für Oskar Moser, Graz 1994, S 249 – 257.

 

Mayerhoffer v. Vedropolje Eberhard: Österreichs Krieg mit Napoleon I 1809. Wien 1904, S. 137 ff.

 

Meran Philipp: Das Steirische Jagdmuseum. In: Festschrift 150 Jahre Joanneum,  1811-1961.

Graz 1961, S. 219 f.

 

Meran Philipp: Aus dem Steirischen Jagdmuseum. In: Der Anblick (1960), Heft 9, S. 282.

 

Pelzeln v A.: Christoph Freiherr von Feldegg. In: „Die Schwalbe“ -  Mittheilungen des ornithologischen Vereines in Wien. Wien 1889, S. 120 ff.

 

Schmidt Leopold: Werke der alten Volkskunst. Gesammelte Interpretationen. Rosenheim 1979, Seite 56 – 57.

 

Schmidt Leopold : Die Jagd in der österreichischen Volkskunst. In: Jagd in Österreich. Waidwerk in Vergangenheit und Gegenwart. Wien-München-Zürich 1964, S. 443.

 

Suppan Rudolf: Geschnitzte Pracht aus alten Zeiten, Steirische Lebzeltmodel. Graz 1979, S. 73.

Der publizierte Beitrag

Jagdmuseum Schloss Stainz, Barockhirschköpfe
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T +43-3463/2772-16
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