Unsere diesjährige Gastkünstlerin Daniela Brasil lebt seit 2010 in Graz und beschäftigt sich auf poetische Weise mit Prozessen von Transfer und Migration. Immer wieder kehrt sie dabei zu ihren familiären Erinnerungslandschaften in Rio de Janeiro, Brasilien, zurück. Ihre persönlichen Geografien nutzt sie, um koloniale Verstrickungen, Erfahrungen von Entwurzelung und Möglichkeiten des Wieder-Wurzelns sichtbar zu machen. Ihre künstlerische Forschung tastet nach Verbindungen: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Körpern und Territorien, zwischen Geschichten, die erzählt werden, und solchen, die erst wiedergefunden werden müssen.
Auf dem Magnolienhügel installiert sie ab April unter einer Weidenkuppel ein sinnliches, politisches und gemeinschaftliches Kunst-Natur-Lebens-Labor rund um die koloniale Reise der Passiflora – der Maracujá – von Südamerika nach Österreich, wo sie mittlerweile winterhart eingebürgert ist.
Daniela Brasil greift auf Aufzeichnungen österreichischer Expeditionen nach Brasilien aus dem frühen 19. Jahrhundert zurück und widmet sich den Aquarellen von Thomas Ender und Michael Sandler, die die kolonialen wissenschaftlichen Expeditionen in Rio de Janeiro dokumentieren. Enders Werke bieten prächtige Erzählungen der tropischen Landschaft, während Sandlers botanische Zeichnungen Pflanzen als offene Körper zeigen, die seziert wurden, um ihre inneren Strukturen mit anatomischer Präzision zu offenbaren. Aus diesem Material wählt sie die Passionsblume als Leitmotiv ihrer Arbeit aus, unter den Tausenden von Pflanzen und Samen, die nach Wien gebracht wurden – von denen einige möglicherweise auch in die Sammlungen des Universalmuseums Joanneum in Graz gelangt sind.
Wie lassen sich die Reisen dieser Pflanzen nachverfolgen – ihre Wirkkraft jenseits von Sammeln, Stehlen, Trocknen, Verpacken, Lagern und Domestizieren spüren? Passiflora verkörpert mehr als botanische Neugier: Ihre sinnlichen Formen, leuchtenden Farben und verlockenden Düfte spiegeln das Verlangen nach Besitz wider, das Imperien beflügelte. Zugleich widersetzt sie sich Eingrenzung und entfaltet Ranken für subtile Verführung und gegenseitige Transformation. Aus tropischen Böden gerissen und ins europäische Klima verpflanzt, mussten tropische Migrant*innen wie Passiflora sich neu verwurzeln, sich an Frost und ungewohnte Böden anpassen und ihnen auferlegte Narrative umschreiben.
Ver/Ent/Wurzelungen lädt Besucher*innen in Form eines Heilgartens ein, bei Migrant*innenpflanzen zu verweilen, ihre Wirkkraft zu spüren und von ihren Anpassungen zu lernen. Dieser Garten ist zugleich Meditation und künstlerische Geste – ein regenerativer Raum, in dem sinnliche Neugier und die verflochtene Geschichte Brasiliens und Österreichs zusammenfließen und auf eine Zukunft verweisen, die in der Gegenseitigkeit zwischen Menschen und der mehr-als-menschlichen Welt wurzelt.
Die Passiflora steht nicht nur für die fruchtige Süße der Maracujá, sondern als Heilpflanze auch für ihre beruhigende Wirkung. Unter dem Motto „Was wächst da im Skulpturenpark – und woher kommt es?“ entdecken wir 2026 noch mehr Weitgereistes.