Der Ôsaka-Paravent

Ein japanischer Stellschirm

Bereits im 16. Jahrhundert war Europa von der fremdartigen Schönheit ostasiatischen Kunsthandwerks fasziniert. Chinesisches Porzellan, Seidenmalereien oder japanische Lackarbeiten erfreuten sich bald größter Beliebtheit. Bereits um 1660/80 erwarb Johann Seyfried von Eggenberg im Zuge der prachtvollen Neuausstattung der fürstlichen Residenzen in Eggenberg und Graz einige solcher exotischer Kostbarkeiten, darunter einen Paravent „mit indianisch Papier aufgelegt“, der sich bereits vor 1700 im Grazer Stadtpalais der Familie befand. Bei der Neuausstattung der Eggenberger Prunkräume nach 1754 wurde dieser alte Stellschirm zerlegt und als exotische Dekoration in die Wandbespannung eines modischen „Japonischen Kabinetts“ eingefügt. Nach dem Aussterben der Familie Eggenberg 1774 ging das Wissen über die Herkunft dieses Kunstwerkes jedoch verloren. Gerade diesem Umstand ist es jedoch zu verdanken, dass der Paravent unerkannt in Schloss Eggenberg erhalten geblieben ist.

Eine sensationelle Entdeckung

Von Zeit zu Zeit werden in Europa japanische Kunstwerke entdeckt, die man ohne Übertreibung als sensationell bezeichnen kann. Dazu gehört auch ein faszinierender japanischer Paravent mit der Darstellung von Ôsaka (jap. Ôsaka zu byôbu) aus dem frühen 17. Jahrhundert, der über 250 Jahre unerkannt als Wanddekoration im Japanischen Kabinett von Schloss Eggenberg überlebt hat.

Erst nach der Restaurierung des Raumes (2001–2004) war zu erkennen, dass die ostasiatischen Bildelemente der Rokoko-Bespannung eigentlich Bahnen eines in Europa zerlegten, achtteiligen japanischen Stellschirms aus dem frühen 17. Jahrhundert sind. Wieder aneinander gefügt ergeben sie ein zusammenhängendes Gemälde: eine einzigartige und bisher unbekannte Ansicht von Schloss und Burgstadt Ôsaka vor 1615.

 

Ein einzigartiges Zeugnis

Die Entdeckung des Stellschirms fast 250 Jahre später kommt einer Sensation gleich, die in Japan für Furore sorgte. 2007 wurde ein gemeinsames Forschungsprojekt zwischen der Kansai Universität Ôsaka, der Universität zu Köln und dem Universalmuseum Joanneum vereinbart, das bereits eine Fülle von Information über den Stellschirm erbracht hat.

Der Eggenberger Stellschirm ermöglicht neue Einblicke in eine entscheidende Phase der japanischen Geschichte. Nach einem Jahrhundert grausamer Bürgerkriege und Zerstörung erlebte das Land unter dem berühmten Feldherrn und Reichseiniger TOYOTOMI Hideyoshi (1536–1598) eine Zeit des Aufschwungs, der wirtschaftlichen und kulturellen Blüte. Hideyoshi ließ Ôsaka zur Wirtschaftsmetropole ausbauen und errichtete als weithin sichtbaren Ausdruck seiner Macht die gewaltige Schlossanlage von Ôsaka, die von europäischen Missionaren sogar als Weltwunder beschrieben wurde. Die Blütezeit der Stadt dauerte jedoch nur wenige Jahrzehnte. Nach seinem Tod unterlag die Toyotomi-Fraktion 1615 in der berühmten „Sommerschlacht um Ôsaka“ dem Heer der Tokugawa, die Japan in der Folge für über 250 Jahre beherrschen sollten. Dabei wurden Schloss und Stadt Ôsaka vollständig zerstört, die Familie Toyotomi ausgelöscht. Danach sollte nichts mehr an dieses „Goldene Zeitalter Japans“ erinnern. Fast alle Kunstwerke und Dokumente, die von Macht und Glanz der Toyotomi-Herrschaft zeugten, sind zerstört. Der Eggenberger Paravent hingegen, der auf wunderbare Weise in Europa überlebt hat, ist ein einzigartiges Zeugnis dieser verlorenen Metropole.

Der Ôsaka zu byôbu (Stellschirm mit Darstellung von Ôsaka) erlaubt eine faszinierende Reise durch die einst glanzvollste Schlossanlage Japans, zugleich monumentaler Palast und uneinnehmbare Festung, und eröffnet Einblicke in das Leben des Schwertadels am Hof der Toyotomi. Er zeigt auch den Alltag der reichen Kaufleute und Handwerker in der Bürgerstadt, Paläste von Lehensfürsten sowie Tempelanlagen und Shinto-Schreine.

Der Eggenberger Stellschirm wurde durch öffentliche Symposien in Ôsaka (2007), Graz und Tôkyô (2008) erstmals einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Im Mittelpunkt der Grazer Arbeitstagung standen Begutachtung und Fachdiskussion vor dem Original in Schloss Eggenberg. Geklärt werden sollten Fragen zu Ankauf und Reiseweg, Datierung, ausführenden Künstlern, inhaltlichen Details, Material und Technik sowie die wichtige Frage der zukünftigen Behandlung des sensiblen Stücks.

Schwesternschlosspartnerschaft Schloss Ôsaka und Schloss Eggenberg

Anlässlich eines Staatsbesuchs des österreichischen Bundespräsidenten in Japan hat die Joanneums-Geschäftsführung im Oktober 2009 eine Schwesternschloss-Partnerschaft zwischen Schloss Ôsaka und Schloss Eggenberg abgeschlossen. Die Partnerschaft besiegelt die enge Zusammenarbeit und wissenschaftliche Verbundenheit japanischer Museen mit dem Universalmuseum Joanneum und ermöglicht wechselseitige Ausstellungsprojekte.

Eggenberg ist übrigens das einzige Schloss außerhalb Japans, dem diese Ehre zuteil wurde, ein „Schwesternschloss“ zu sein.

Die Erforschung von weltweit einzigartigen Darstellungen der Stadt Ôsaka im Schloss Eggenberg hat in Japan einen wahren Graz-Boom ausgelöst. Barbara Kaiser, ehemalige Leiterin der Abteilung Schloss Eggenberg, wurde im August 2016 für ihre Verdienste rund um die Erforschung dieses außergewöhnlichen Kulturguts mit der Ehrendoktorwürde der Kansai Universität Ôsaka ausgezeichnet.

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Ôsaka zu byôbu

Ein Stellschirm mit Ansichten der Burgstadt Ôsaka in Schloss Eggenberg

Der Eggenberger Paravent ist eine Hommage auf die blühende Residenzstadt von TOYOTOMI Hideyoshi (1536–1598), der nach einem Jahrhundert von Krieg und Zerstörung die Einheit des japanischen Reiches wiederherstellte und in seiner kurzen Regentschaft für eine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit des Landes sorgte. Toyotomi ließ seine Residenz in Ôsaka errichten, das in wenigen Jahrzehnten zu einer gewaltigen Burgstadt und prosperierenden Handelsmetropole ausgebaut wurde. 1615 ging die Stadt im Zuge der Eroberung durch die Tokugawa in Flammen auf. So wurden auch die meisten Zeugnisse dieser kurzen Blütezeit von Ôsaka vernichtet, von dem neben dem Grazer Paravent nur noch zwei weitere zeitgenössische Ansichten erhalten sind. Der Eggenberger Stellschirm hat sich als perfekt erhaltene und besonders detaillierte Darstellung dieser verlorenen Toyotomi-Residenz erwiesen. Er zeigt die blühende höfische Kultur der Momoyama-Periode in der Burgstadt, das Leben des Schwertadels mit seinen religiösen Bräuchen, Teezeremonien, Falkenjagden und Bootsfahrten.

Seit 2007 erforschen Fachleute des Universalmuseums Joanneum, der Japanologie der Universität zu Köln und der Kansai Universität in Ôsaka dieses kostbare kulturhistorische Dokument, und im August 2008 gab ein Symposium in Graz Anlass zur Präsentation von Forschungsergebnissen, die rund um die verschlüsselten Botschaften des Paravents gewonnen werden konnten. Der vorliegende Band stellt diese Erkenntnisse erstmals einem deutschsprachigen Publikum vor.

Franziska Ehmcke und Barbara Kaiser (Hg.)
Ôsaka zu byôbu. Ein Stellschirm mit Ansichten der Burgstadt Ôsaka in Schloss Eggenberg (= Joannea. Neue Folge, Band 1)
Universalmuseum Joanneum, Graz 2010, 241 Seiten

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