Museumsreflexionen aus einer Woche in Estland

Im Rahmen von Erasmus+ (Programm MUSIS 2024/26; 2024-1-AT01-KA121-ADU-000231419)

8. Juni 2026, Vanessa Bednarek (Graz Museum), Doris Hallama (Dachstein Museum Austriahütte), Iris Ranzinger (Architekturzentrum Wien), Elisabeth Schlögl (Museumsforum Steiermark am Universalmuseum Joanneum).

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Vier Kolleginnen aus dem österreichischen Museumsfeld besuchten im Mai 2026 ein breites Spektrum estnischer Museen in Tallinn und Tartu – und kamen mit vielen Eindrücken zurück. Ihre Reflexionen kreisen um Fragen, die über Estland hinausweisen: Was bedeutet Freiheit als Museumshaltung? Wie entsteht gesellschaftliche Relevanz? Und wozu dient Digitalisierung, wenn nicht als Selbstzweck?

Vanessa Bednarek (Graz Museum)

Text: redaktionell unterstützt durch Copilot (Rechtschreibung, Struktur, Kürzung).

 

Als ich aus Estland zurückkehrte, war meine Antwort auf die Frage nach der Reise klar: Ich hatte eine sehr tolle Zeit, habe unglaublich viel mitgenommen, Neues gelernt und bin sehr inspiriert zurückgekommen. 

Ich verbrachte sechs Tage inklusive An‑ und Abreise in Tallinn sowie einen Tag in Tartu. In dieser Zeit besuchte ich elf Museen und lernte unter anderem das estnische Museumsinformationssystem MuIS kennen. Besonders spannend war es, zwei Städte zu erleben, von denen ich mir – geprägt durch Google‑Bilder – zuvor ein ganz anderes Bild gemacht hatte. 

Ich war gemeinsam mit drei engagierten und inspirierenden Frauen aus dem österreichischen Museumsfeld unterwegs. Neben dem bereichernden fachlichen Austausch sind dabei wertvolle Kontakte entstanden, die ich sehr schätze und gerne weiter vertiefen möchte. 

Tallinn präsentierte sich mir als geschichtsträchtige Stadt voller Kontraste: eine teils stark touristisch geprägte Altstadt, beinahe „verdisneylandisiert“, und rundherum moderne Neubauten. Alt und Neu gehen dabei einen spannenden architektonischen Mix ein, wobei auch bei Neubauten traditionelle Materialien wie Kalkstein oder Holz aufgegriffen werden. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Linnahall, ein in den 1980er‑Jahren für die Olympischen Spiele errichteter Bau, der heute teilweise baufällig ist und für mich als eindrucksvolles Mahnmal der sowjetischen Vergangenheit wirkt. 

Ungewohnt war für mich das Stadtbild beider Städte – sowohl in Tallinn als auch in Tartu gibt es vergleichsweise wenige klassische Einkaufsstraßen in den Innenstädten. Stattdessen prägen Shoppingcenter und kleinere Ladengruppen in gentrifizierten Stadtteilen das Bild. Ehemalige Industrieareale werden – wie man es aus vielen europäischen Städten kennt – zu „Hipster‑Vierteln“ umgewandelt. 

In den Museen begegneten wir offenen, modern denkenden und selbstreflektierten Est*innen. Die Geschichte des Landes, das Thema Freiheit sowie der Einsatz moderner Technik und innovativer Vermittlungsformate sind dort allgegenwärtig. Diese Reise war für mich eine sehr wertvolle Erfahrung: ein Land vor allem über seine Museen, ihre Inhalte und Erzählungen kennenzulernen. Der Austausch mit den Museumsmitarbeiter*innen war sehr bereichernd und ermöglichte Einblicke hinter die Kulissen, die einem sonst verwehrt bleiben.

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Vabamu – Museum of Occupations and Freedom

 

Mein erster Museumsbesuch in Tallinn und ein sehr prägender Einstieg in die Geschichte Estlands. Besonders eindrücklich war die Betonung auf Occupations im Plural und die Zahlen zur Flucht und zur estnischen Diaspora im Ausland. Themen wie Vernetzung, estnische Schulen und kulturelle Ereignisse im Exil sowie Musik als Symbol der Freiheit ziehen sich durch die Ausstellung. Ein Satz aus dem Audioguide ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Der rote Stern ist nicht verboten, weil Symbole in einer freien Gesellschaft nicht verboten gehören. Mit dem Audioguide verbrachten wir viel Zeit im Museum und bekamen einen tiefen Einblick – ein großartiger Einstieg, um zu verstehen, wie zentral der Begriff Freiheit für Estland ist. 

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Estnisches Nationalmuseum, Tartu 

Ein architektonisch beeindruckender Bau auf geschichtsträchtigem Boden und eine Ausstellung, die trotz ihres Alters von rund zehn Jahren außergewöhnlich neu wirkt. Die Dauer- und Wechselausstellungen nutzen modernste Technik. Besonders spannend fand ich die RFID‑Eintrittskarten, mit denen Texte übersetzt, gespeichert und später zu Hause nachgelesen werden können – gleichzeitig ein Tool für Besucher*innenforschung. Das Digitale spielt insgesamt eine große Rolle, etwa durch die Digitalisierung von rund 300.000 Objekten im MuIS. Trotz seiner Größe legt das Museum großen Wert auf Vernetzung mit Schulen, Universitäten, jungen YouTuber*innen, Gamer*innen und der lokalen Gemeinschaft. 

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Estnisches Gesundheitsmuseum

Das Museum versteht Gesundheit klar als Bildungsauftrag, was sich in den Ausstellungen und Vermittlungsformaten deutlich zeigt. Besonders beeindruckt hat mich der Raum zur Sexualerziehung, in dem wir viel Zeit verbracht haben. Spannend zu sehen war, wie sensibel und zugleich offen dieses Thema für Schulklassen vermittelt wird. Auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Tod war überraschend und erzählerisch sehr gelungen. Insgesamt vermittelt das Museum den menschlichen Körper und alles, was dazugehört, auf verständliche und wissenschaftliche, aber gleichzeitig reflektierte und moderne Weise, die in dieser Form nicht in jedem Land möglich wäre.

Kalamaja Museum

Das Stadtteilmuseum in einem der ältesten Stadtteile Tallinns erzählt die Geschichte eines Viertels, das vom Fischerviertel über eine schwierige Phase nach der Befreiung zu einer der teuersten Wohngegenden der Stadt wurde. Besonders wichtig ist hier die enge Einbindung der Bewohner*innen: Alle Objekte, auch auf der Toilette, und Inhalte stammen direkt aus dem Viertel. Das Museum versteht sich als Gemeinschaftsort mit Küche, Garten und vielfältigen Formaten wie Kochabenden, Storytelling Nights oder Führungen durch lokale Guides (Anwohner*innen). Das ganze Viertel wird immer wieder zum Ausstellungsraum – von Telefonzellen über Stromkästen bis zu Zäunen.

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KUMU Kunstmuseum

Ein beeindruckendes Gebäude mit einer umfassenden Sammlung estnischer Kunst – von den Baltendeutschen über die sowjetische Periode bis in die Gegenwart. Die Ausstellung sowjetischer Kunst empfand ich als bedrückend, während mich die Kunst der 1990er-Jahre nach der Befreiung durch mutige Künstler*innen und starke Themen beeindruckte. Sehr gelungen fand ich auch den Vermittlungsraum für Kinder, mit erklärten Kunstwerken und Mitmachstationen – alles auf Augenhöhe der Kinder. Auch die Lage des Museums in der Parkanlage des Kadriorg Parks, umgeben von Palästen und der Präsidentenresidenz, hat mir gefallen. Dieser grüne Teil der Stadt vermittelte einen ganz anderen Eindruck von Tallinn.

Doris Hallama (Dachstein Museum Austriahütte)

Meine Ziele waren vor allem auf die Aufgaben und Vermittlungsprogramme der Museen konzentriert. Was mich in meinem Museum umtreibt, sind Fragen zu Sammlungsmanagement/Sammlungspflege und Vermittlung bzw. wie Relevanz für den Ort gelebt und mit welchen Formaten ausgefüllt wird. Welchen Stellenwert haben dabei aktuelle gesellschaftspolitische Ziele wie soziale Gerechtigkeit, Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit?

Meine Erwartungen waren wie immer hoch ;-). Sie wurden dennoch übertroffen. Ich hatte enormes Glück, mit den drei Museumskolleginnen Elisabeth, Iris und Vanessa zu reisen und mit ihnen ähnliche Interessen und Schwerpunkte zu teilen sowie einen tollen professionellen Austausch genauso wie ein feines Zusammensein und Gespräche erleben zu dürfen.

 

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Unser Host – und das Architekturmuseum

Die inhaltliche Auseinandersetzung startete bei mir am Montag direkt mit einem Höhepunkt bei unserem Host im Architekturmuseum. Es wurde 1991 gegründet und befindet sich seit 1996 in einem ehemaligen Salzspeichergebäude der Fa. Rotermann. War der Standort früher im Wasteland, wie Karen Jagodin (Leiterin) erzählte, befindet es sich jetzt sehr zentral im einem auf Altbestand gebauten Stadtentwicklungsgebiet. Unser Hotel – im Developer-Neubau – befand sich gleich „dahinter“. Beeindruckt hat mich die Bedeutung des Standorts für Inhalt und Programm/Formate des Museums – die immer auch darauf ausgerichtet sind, Publikum an diesen Standort zu ziehen. Umgekehrt zeigt sich aber inzwischen auch sehr, wie wichtig das Museum für den Standort ist. Mit relativ kleinem Team erarbeitet das Museum sechs Sonderausstellungen im Jahr zusätzlich zu den Dauerausstellungen, Begleitprogrammen und Forschung bzw. Publikationen. Das Museum beherbergt auch eine beindruckende Sammlung zur estnischen Architektur aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Wir konnten Archiv- und Depoträume besichtigen und haben einen großartigen Einblick in das Sammlungsmanagement des Museums bekommen. Schon hier wurde deutlich, was wir in der Folge noch häufiger gehört haben, dass ein wichtiger Schwerpunkt der Nachhaltigkeitsziele die Er- und Überarbeitung von Notfallplänen für Krisensituationen ist – welche auch als staatliches Ziel vorgegeben sind.

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Open Air Museum und Konzepte für Energieertüchtigung ruraler Architektur

Für die Frage der Vermittlung von regionalen Werten und baulicher Geschichte haben wir das Open Air Museum besucht. Leider hat uns hier das Wetter nicht unterstützt und wir haben die historischen, aber dislozierten Gebäude in einem unbelebten Zustand besucht. Viele Gebäude sind präsentiert, wie es Freilichtmuseen erwarten lassen. Zwei Projekte habe ich aber als sehr bereichernd wahrgenommen: Zum einen arbeitet das Team des Museums schon seit 2008 gefördert an Konzepten und Seminaren zur Unterstützung von Hausbesitzer*innen in ländlichen Regionen, um auch mit deren Gebäuden die in den Klimazielen der Regierung geforderte Energiebilanz erreichen und dabei dennoch den kulturellen Wert der Gebäude erhalten zu können. Für die Gebäude und deren Besitzer*innen, die nicht als Denkmale geschützt sind, ist das eine wertvolle Unterstützung und bildet die Grundlage für Verständnis und ein Netzwerk ländlicher Kultur. Zum anderen beeindruckte mich die Übersiedelung und vermittelnde Aufbereitung einer Arbeiter*innen-Unterkunft einer Kolchose im Museum. Mehrere Zeitspuren in verschiedenen Appartements zeigen nicht nur das Wohnen in der jüngeren Vergangenheit, sondern verweben damit auch eine bedeutende Wirtschafts- und Lebensform der Zeit der Okkupation.

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Eesty National Museum

Wirklich beeindruckt haben mich unser Host und die weiteren Leitungspersonen, die uns durch ihre Häuser geführt haben. Frauen mit herausragenden Karrieren, die einen beeindruckend guten Job machen und sich zudem viel Zeit für unseren Besuch und unsere Fragen genommen haben. Besonders intensiv war der Austausch mit Agnes Aljas im Nationalmuseum – auch weil das Museum und seine Ausstellungen eine sehr besondere Geschichte haben. Mit der Entscheidung für den Neubau des Museums – in Tartu, der kulturellen Hauptstadt Estlands, nicht in Tallinn – und in beispiellosem Maßstab wurde aus einem Ethnografischen Museum, seiner Sammlung, dem Team und den Ausstellungen das größte Museum Estlands und zugleich Forschungszentrum. Diese Kombination – so zeigen die Räume, aber vor allem die thematischen Zugänge sowie die Ausstellungs- und Vermittlungsformate – ist hier eine äußerst fruchtbare. In der Dauerausstellung stehen die Fragen im Vordergrund, nicht die Antworten; sie tragen über tausend konkrete Geschichten einzelner Personen die Inhalte und werden in den Kapiteln je mit positiven, neutralen und negativen Geschichten vermittelt. Das Konzept, die Besucher*innen „ins Gespräch“ zu bringen, um die historischen Inhalte relevanter zu machen, prägt die architektonische Inszenierung über Betonelemente. Auffallend für mich war, dass für die neue Dauerausstellung viele der Geschichten neu gemacht und mit diesen auch neu gesammelt wurden bzw. werden.

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Nationale digitale Strategie

Viel für die eigene Arbeit mitnehmen konnte ich auch aus der Präsentation von MuIS, dem nationalen Sammlungsmanagementsystem und der Onlineplattform für kulturelles Erbe in Estland. Nicht nur die estnische Lösung – die einzige nationale Lösung, die es bislang gibt, natürlich auch mit all ihren Problemen und Fragen – war sehr interessant zu sehen und zu verstehen. Mich hat auch die Diskussion, die die Präsentation unter uns ausgelöst und viel Wissen freigelegt hat, sehr bereichert.

Auch die Ausstellung über Alter und das Altern im Health Museum, ein Thema quasi ohne Objekte, nur mit Geschichten und in großartiger architektonischer Inszenierung vermittelt, werde ich noch lange als Inspiration für die eigene Arbeit mittragen.

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Kein Spaß mit dem Fun Museum

Ein leider auch bewegendes, weil unfassbares Erlebnis war der Besuch im „Fun Museum“. Es war das einzige von uns besuchte Museum, in dem die Person am Eingang die ICOM-Mitgliedskarte nicht kannte, und ich durfte ermäßigte 12 Euro Eintritt bezahlen. Geboten wurden dafür etwa 7 bis 9 „Stationen“ – ausgestattet mit völlig sinnentleerter Plastikdeko (Einhörner, hängende Bananen, Luftballons „6–7“, Bällebad etc.), um damit oder darin Selfies zu machen. Obwohl der Besuch zuerst leicht kurz zu halten war, hat er mich dennoch herausgefordert – mit Fragen: warum sich so eine Sache Museum nennt, welchen Mehrwert das haben kann und was das für eigentliche Museen bedeutet, aber auch, warum mich dieses Ding bzw. seine Museumsbezeichnung so aggressiv reagieren ließ.

Abgesehen davon hat mich aber sehr bewegt, wie selbstverständlich Demokratiepolitik und Nachhaltigkeit als Teil der Ausstellungen bzw. des Programms in allen von uns besuchten Museen sind und zudem in den Organisationen gelebt werden. Im Health Museum wurde in einem Nebensatz erzählt, dass dort nicht nur Krankentage, sondern auch drei Gesundheitstage eingeführt wurden, an denen zu Hause geblieben werden darf, um den Fokus auf das Gesunden und die Gesundheit zu legen – bei 35 Urlaubstagen. Und das, weil die Leitung sieht, dass das Wohlbefinden des Teams die nachhaltigste Weise ist, das Museum und seine Ausstellungen bestmöglich zu entwickeln.

Iris Ranzinger (Architekturzentrum Wien)

Vier intensive Tage – vier Flashlights auf bleibende Eindrücke

Überraschend und begeisternd waren für mich die großzügig und ästhetisch gestalteten, innovativen, technisch hervorragenden und trotzdem entspannten Environments nicht nur in den unzähligen kleinen bis riesigen Museums-Institutionen. Genauso faszinierend und modern empfand ich Tallinn in seinen neuen Stadtentwicklungsgebieten, Architektur, Design, Lifestyle und Kulinarik. Der Ruf der Vorreiter-Nation, was hochinnovative Digitalisierung und viele kreative Startups betrifft, schien tatsächlich spürbar. Besonders inspirierend war die konstruktive, zukunftsorientierte Hands-on-Stimmung aller estnischen Kolleg*innen, die wir trafen. Danke für vier motivierende Tage!

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Eesti Arhitektuurimuuseum

Host für unsere „Erasmus+“-Reisegruppe war das Estnische Architekturmuseum. Die Institution wurde 1991 gegründet und zog 1996 in das jetzige Museumsgebäude in einem ehemaligen Salzspeicher. Das „Rotermanni kvartal“ ist eines von mehreren neu entwickelten Stadtvierteln Tallinns – aus einem früheren Industriegebiet nahe dem Hafen wurde hier in Kombination von Neubauten und saniertem Altbestand ein belebtes, urbanes Quartier.

Die Leiterin des Architekturmuseums, Karen Jagodin, führte uns durch dessen Dauerausstellung, durch das Untergeschoss mit einer permanenten immersiven Installation zu Raumerfahrung und durch zwei aktuelle Wechselausstellungen.

Das Architekturmuseum ist stark in der Community von Architekturschaffenden, Stadtplaner*innen und Forscher*innen vernetzt; das Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm wird in zahlreichen Kooperationen erarbeitet. Es scheint überraschend, wenn Karen Jagodin sagt, das Thema Architektur und Stadtentwicklung sei ein Randthema – wo es eigentlich jede*n unmittelbar betrifft – gerade in einer Stadt, die sich in den letzen 20 Jahren so massiv verändert hat, was sich in den flächendeckenden Neubauten direkt vor der Tür des Museums sehr deutlich zeigt.

Außerdem beherbergt das Architekturmuseum eine bedeutende Sammlung zur estnischen Architektur des 20. und 21. Jahrhunderts und dokumentiert das moderne architektonische Erbe des Landes. Auch in diese Bestände von Architekturmodellen, Entwurfszeichnungen und Fotografien – Dokumentationen von Gebäuden und Stadtplanungen – durften wir Einblick nehmen.

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Linnahall

Tallinn liegt an der Ostsee, obwohl der Hügel, der die Altstadt bildet, nicht direkt ans Meer grenzt. Ein Spaziergang von dort Richtung Wasserfront führt zu einem riesigen Gebäudekomplex, einem bedeutenden Beispiel des sowjetischen Brutalismus, der „Linnahall“ (Stadthalle). Gebaut für Olympia 1980 in Moskau, ist die in Terrassen strukturierte und zum Meer hin abfallende Beton-Monumentalform ein bedeutendes Beispiel für den sowjetischen Brutalismus.

Der Komplex war als multifunktionales Zentrum angelegt – mit Konzertsaal, Eishalle und riesigen Veranstaltungsräumen. Seit spätestens 2010 wurde die Halle nicht mehr genutzt, sie steht leer und ist in einem zunehmend schlechten Zustand. Eine Sanierung (oder sogar ein Ausbau) erscheinen extrem schwierig und ressourcenintensiv. Obwohl der Komplex unter Denkmalschutz steht, wird auch über einen Abriss nachgedacht. Die Stadt hat in den vergangenen Jahren immer wieder Pläne präsentiert, die Linnahall und deren Umgebung in ein modernes Veranstaltungszentrum umzuwandeln. Zurzeit ist die Zukunft des Gebäudes ungewiss.

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MuIS

Wir trafen Kadri Nigulas und Kristlyn Liier, Projektleiterinnen von MuIS („Museumide Infosüsteem“), der zentralen Datenbankanwendung für estnische Museumssammlungen, die von allen Museen verwendet und angereichert wird. Die Nutzung der MuIS-Datenbankanwendung ist im Rahmen der National Digital Strategy für alle Museen in Estland zugleich kostenlos und verpflichtend.

Einerseits bildet MuIS für die Museen ein Sammlungs-Verwaltungs-System, das neben der Katalogisierung der Unterstützung von immer mehr internen Arbeitsprozessen dient. Ein Digital Repository inklusive Datensicherung wird mit bereitgestellt. Andererseits gewährleistet MuIS die Veröffentlichung von Digitalisaten und Daten zu Sammlungsobjekten im gemeinsamen Frontend – für Institutionen untereinander zur Recherche und Leihabwicklung ebenso wie für das interessierte Publikum.

Die Enwicklung und der Support von MuIS – von den Anfängen 1993 als KVIS Cultural Heritage Information System bis derzeit MuIS Version 2.0 – wird zentral im Kulturministerium beim Heritage Protection Board in Rücksprache mit den Anwender*innen vorangetrieben. 60 Museen verschiedener Größe und über 800 Benutzer*innen verwenden und bespielen MuIS, das mittlerweile mehr als 4 Millionen Objekteinträge zählt – 2,5 Millionen davon bebildert.

Für Schnittstellen zu Portalen wie europeana liefert MuIS Daten an den nationalen Harvester e-varamu.ee, der nochmal ein eigenes Frontend mit Suche bereitstellt.

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Digitale interaktive Stationen in verschiedenen Museen

Der Einsatz von umfangreichen digitalen Vermittlungstools als Teilen der Ausstellungsdisplays bzw. Ergänzung des Informationsangebots zog sich an allen Orten durch.

Dabei fiel die hohe technische Qualität der eingesetzten Geräte ebenso auf – auch bei älteren Installationen – wie gezielt eingesetzte Programm-Funktionalitäten (große Touchscreens mit schneller Reaktion, lesefreundliche Oberflächen von e-Readern zur Sprachumstellung, kurzweilige Gamification, Möglichkeit, Installationen zu steuern, zum Content beizutragen etc.).

Elisabeth Schlögl (Museumsforum Steiermark)

Text: redaktionell unterstützt durch Claude (Rechtschreibung, Struktur)

Einem Land über seine Museen zu begegnen, ist eine eigentümliche Form des Kennenlernens. Man betritt eine kuratierte Version eines Landes, immer auch eine streitbare Interpretation davon: Was wird erinnert? Was wird gezeigt? Wessen Stimme ist zu hören? Vier Tage in Tallinn und Tartu, sieben Museen und das Gefühl, die eigenen Vorannahmen wurden auf den Kopf gestellt und dieser gefüllt mit Fragen. Das ist kein Manko als Fazit, sondern Bereicherung.

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Freiheit ist kein Zustand, sondern eine Frage

Das Vabamu in Tallinn, Museum für Besetzung und Befreiung, empfängt einen mit dem, was man nicht erwartet: keiner eindeutigen Botschaft. Die Geschichte Estlands zwischen 1941 und 1991, zwischen Nazi-Besatzung, sowjetischer Okkupation und dem Weg in die Unabhängigkeit, wird nicht erklärt. Sie wird erzählt von Menschen, die sie erlebt haben. Linda, die floh und nie zurückkehrte. Lydia, die blieb und ihre Sorgen ans Meer übergab. Magda, die mit 31 Jahren nach Sibirien verschleppt wurde und ihre siebenjährige Tochter zurücklassen musste. Isidor, der als Jude die Besatzung überlebte und schrieb: Ich habe allen christlich verziehen.

Was diese Stimmen gemeinsam haben: Sie denken nicht in Schwarz und Weiß. Menschen, die Besatzung erlebt haben, urteilen nicht klar darüber, wer gut und wer böse ist. Das hat mich überrascht und dann nicht mehr. Wer im Ausnahmezustand lebt, trifft Entscheidungen unter Bedingungen, die von außen kaum zu beurteilen sind. Der Audioguide stellt diese Frage direkt: Was würden Sie tun? Würden Sie Widerstand leisten oder Ihre Arbeit tun?

Ich blieb lange bei dieser Frage stehen. Nicht weil ich eine Antwort hätte, sondern weil die Frage selbst das Museumskonzept trägt: Keine ihrer Entscheidungen ist bis zum Ende richtig oder falsch, das ist sie, die Freiheit – so die Stimme im Audioguide. Museumsdirektor Ivo Lille brachte es auf den Punkt: Freiheit ist für Estland kein abstraktes Ideal, sondern ein politischer Wert, den man sich erkämpft hat und den man aktiv hält. Estland hat sie noch nicht so lange.

Dabei ist das Vabamu keine staatliche Institution, es ist eine private Stiftung, 2002 von Olga Kistler-Ritso gegründet, mit einem Team von 13 bis 15 Personen und einer Sammlung von 50.000 Objekten. Koffer, Uniformen, Küchengegenstände, Birkenbriefe (Briefe von Geflohenen, die durch Zwischenpersonen nach Hause geschmuggelt wurden, um zu sagen: Ich lebe noch). Zwei Boote gibt es noch, die estnische Flüchtlinge nutzten. Eines im Meeresmuseum. Eines im Vabamu. Die Ausstellung macht die Dimension des Exodus greifbar: Etwa jeder Zwölfte Este floh 1944 in den Westen – in der Überzeugung, bald zurückzukehren, sobald der Westen Estland befreit. Viele sahen ihre Heimat nie wieder. Bis heute lebt ein bedeutender Teil der estnischen Volksgruppe im Ausland.

Ich habe mich im Vabamu nie gefragt, welche gesellschaftliche Relevanz dieses Museum hat.

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Multiperspektivität als Haltung, nicht als Methode

Im Estnischen Nationalmuseum in Tartu, einem imposanten, weitläufigen Bau auf einem ehemaligen sowjetischen Militärflugfeld außerhalb des Stadtzentrums, begegnet mir etwas Ähnliches, aber anders gerahmt. Hier ist die Ausgangsfrage keine historische, sondern eine gegenwärtige: Wer sind die Esten? Nicht als Aussage, sondern als echte Frage.

Die Dauerausstellung basiert auf 2.000 persönlichen Geschichten, die gesammelt wurden, um Diversität sichtbar zu machen, nicht „eine richtige Haltung“, sondern viele. Jugendliche und Senioren bewegen sich durch die Räume, reden in normaler Lautstärke miteinander, zeigen auf Objekte und erinnern sich. Es herrscht keine Museumsandacht, sondern etwas, das ich als öffentlichen Raum beschreiben würde, einen Ort, an dem man gemeinsam denkt.

Was mich besonders beeindruckt hat: die Figurinen. Menschen aus Tartu meldeten sich auf einen offenen Aufruf, wurden gescannt und als 3D-Drucke in die Ausstellung integriert, u. a. in selbst genähten Fosforrit-Hemden, einem der ersten Protestsymbole nach der Sowjetzeit. Die Geste dahinter ist einfach und stark: Mensch setzt sich mit Objekt auseinander, findet eine Pose dafür. Das Museum als Ort, an dem Gegenwart und Geschichte sich körperlich berühren.

Forschungskollegin Agnes Aljas beschrieb den Grundton der Arbeit dort so: Wir müssen Optimisten sein, es bleibt uns keine andere Wahl. Wenn wir uns der ständigen Gefahr bewusst wären, würden wir verrückt werden. Dieser Satz hat sich bei mir festgesetzt. Er klingt nicht nach Naivität, sondern nach strategischer Entscheidung für Handlungsfähigkeit.

Das Museum stellt aktiv Sammlungsfragen, nicht rhetorisch, sondern als echte Forschungsimpulse: Was war bei euch Weihnachtsgeschenk? Wie verändert sich Konsum? Was bedeutet Freiheit für dich? Die Sammlung wächst aus diesen Fragen heraus. Das hat mich zum Nachdenken gebracht: Welche Fragen stellen wir, wenn wir sammeln, und welche stellen wir nicht?

Digitale Identität als Selbstverständlichkeit

Was durch alle Museumsbesuche als stiller Hintergrund mitschwang, wurde in Tartu am deutlichsten greifbar: Estland denkt digital – nicht als Zusatz, sondern als Grundlage. Seit der Unabhängigkeit 1991 hat das Land konsequent auf digitale Infrastruktur gesetzt, von der digitalen Staatsbürgerschaft über E-Voting bis zur vernetzten staatlichen Datenverwaltung, die heute als Modell für andere Länder gilt. 90 Prozent der Sammlung des Nationalmuseums sind digitalisiert. Das ist keine Zahl zur Selbstbeglückwünschung, sondern Ausgangspunkt: für Forschung, für Zugänglichkeit, für Kooperation. https://www.digitalheritage.ee/en

Aber das Interessante ist, dass die Museen diese Digitalität nicht ausstellen, sie nutzen sie. Besucher*innen können Ausstellungstexte über ein Ticketsystem in ihre Sprache übersetzen lassen und auf die eigene Website herunterladen. LLMs unterstützen bei der Transkription von historischen Texten, die Besucher*innen lesen können – in ein Mikrofon gesprochen, wird aus den Texten KI-generiert ein Video-Content, den Jugendliche auf TikTok veröffentlichen. Ein Hackathon produzierte 22 Spiele mit volkskundlichen Objekten. Ein Horizon-Projekt schuf eine Plattform mit Learnings für Spieleentwicklung, die jetzt Teil eines Masterprogramms an der Universität wird. https://igameproject.eu/

Was mich dabei beschäftigt: Es geht nicht um Digitalisierung als Selbstzweck, sondern um eine Haltung, digitale Werkzeuge in den Dienst einer kuratorischen Frage zu stellen. Welche Fragen stellen wir, bevor wir ein Tool entwickeln? Eine Frage, die ich aus Tartu mitgenommen habe und die mich noch eine Weile beschäftigen wird.

Was geblieben ist: die Überzeugung, dass Museen dann am stärksten sind, wenn sie keine Antworten liefern, sondern Fragen stellen und den Mut haben, diese Fragen offen zu lassen. Dass Multiperspektivität keine Methode ist, die man anwendet, sondern eine Haltung, die das ganze Haus durchdringen muss. Dass es sinnvoll ist, sich zu fragen, wer die Menschen sind, für die Museen sammeln. Und dass digitale Infrastruktur dann sinnvoll ist, wenn sie aus einer inhaltlichen Frage heraus entsteht und nicht umgekehrt.