Tragen Sie Tracht? Zwischen dubiosen Dirndlkreationen, Herzerlrüschen und echtem Handwerk

Erzählcafé „Was erzählst du: Steiermark?“ zum Thema Tracht im Museumsdepot Trofaiach

29. April 2026, Elisabeth Schatz

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Was ist Tracht eigentlich? Selten stellt man (sich) diese Frage so direkt. Im Erzählcafé „Froschgoscherl und Kittelblech“ sorgt sie als roter Faden für Gesprächsstoff zwischen Menschen, die Tracht aus unterschiedlichsten Perspektiven kennen: Vordernberger Goldhaubenfrauen, Trachtengroßhändler, eingefleischte Steireranzug-Träger – aber auch Dirndl-resistente Zeitgenossinnen (wie ich eine bin).

Das Stadtmuseum und Museumsdepot Trofaiach ist mit hauseigener Trachtensammlung und dem Trachtenarchiv prädestinierter Austragungsort für einen unterhaltsamen Abend dieser Art, der von Daniela Krismayer und Albert Gramer moderiert wurde.

Was tragen Steirer*innen?

Reinhard P. Gruber hat in seinem Roman Aus dem Leben Hödlmosers festgestellt: „Alles, was ein Steirer anzieht, ist ein Steireranzug", und dieses Zitat - eingebracht von Gastgeber und Museumsleiter Wolfang Slamnig - sorgte gleich zu Beginn für schmunzelnde Zustimmung – aber auch für erste Nachfragen: Gilt das ebenso für Massenware aus China – gesehen und verkauft am Ausseer Kirtag? Oder nur für das handgemachte Original? Wird man später sogar sagen, dass Jeans die Tracht von heute gewesen sind?

Tracht und Familie – eine lebenslange Verbindung?

„Tracht gehört zu meinem Leben – ich bin eine Steirerin und ich will ein Dirndl tragen“, formuliert es eine Teilnehmerin pointiert. Auch für Grete Hofer, Schwiegertochter jenes Trofaiacher Trachtenschneiders und -sammlers, der maßgeblich an der hiesigen Museumsgründung beteiligt war, ist Tracht keine Frage des Trends: „Ich bin es von klein auf gewohnt, Tracht zu tragen – bei jedem Familienfest, von der Geburt bis zum Tod.“ 

Wird Tracht also in die Wiege gelegt? „Eltern lehren ihre Kinder, Tracht zu tragen – so wie das Zähneputzen“, wurde im Laufe des Abends festgestellt. Aber nicht immer übernehmen die Jungen vorgelebte Traditionen: „Du hast mir am ersten Tag in der Hauptschule ein Dirndl angezogen ...!“, lautete der Vorwurf der Tochter einer Goldhaubenfrau, oder: „Das Dirndl ist zu aufwendig und zu eng“ und "Es wird von selber enger ..."
Bei Alfred Wiesmüller, Obmann des Museumsvereins Trofaiach, war es umgekehrt: „Auch wenn Tracht in unserer Familie nie groß Thema war – als Ehrenbergmann trage ich meinen Bergmannskittel mit Stolz: die Tracht verbindet mich mit Traditionen.“

Und dann war da noch Erzherzog Johann: Mit seinem grauen, grün besetzten Lodenrock und der Lederhose aus der Steiermark grenzte er sich bewusst von der Wiener Hofmode ab, wusste Albert Gramer. 1823 reagierte Bruder Kaiser Franz I. mit dem Verbot des „Steirers“ für Staatsbeamte und Lehrer in Wien – galt er doch als Zeichen aufrührerischer Gesinnung und ungebührlicher Verbrüderung mit steirischen Bauern und Bürgern. „Heute kommt man mit dem Steireranzug wieder ganz problemlos in die Hofburg“, wirft ein Zuhörer launig ein und ein anderer erzählt davon, den Steireranzug als Banker bei internationalen Geschäftstreffen immer gerne getragen zu haben, um sich „klar als Steirer zu positionieren“.

Großes Handwerk: echte Tracht und echtes Leinen

Auch die Frage, wer denn heute noch „Froschgoscherl“ machen kann, geht durch den Raum. „Wenn wir das Wissen nicht vererben, geht es verloren ...“, so die sorgenvolle Feststellung einer Fachkundigen.

Vor allem das Froschgoscherl – eine aufwendige Rüschenverzierung am Festtagsdirndl – aber auch das Kittelblech – ein schmaler, farblich abgesetzter Abschluss am Rocksaum – stehen exemplarisch für handwerkliche Techniken, die heute nur noch wenige beherrschen.
Ähnlich wie das Sticken von Goldhauben, das rund 300 Arbeitsstunden in Anspruch nimmt und mit bis zu 2.000 Euro pro Haube zu Buche schlägt. Die Vordernberger Goldhaubenfrauen, die sonst bei Bergmannsfesten auftreten, verleihen dem Abend einen feierlichen Glanz: Goldhauben waren vor 200 Jahren den Radmeister-Frauen der Eisenstraße vorbehalten, vor allem aber in Linz bzw. Oberösterreich verbreitet.

Der Trofaiacher Trachtengroßhändler Alfred Feiler weiß von der teuren Stoffherstellung für das Trofaiacher Festtagsdirndl in Kooperation mit dem Stadtmuseum zu berichten: Gleich mehrere Produzenten sprangen bei der komplizierten Entwicklung des Farbenspiels „Erzberg-Rostrot“ ab. Die Abnahmemenge war schlichtweg zu klein und auch dieser Umstand mache traditionelle Tracht so kostspielig. Er bedauert, dass „das große Handwerk und die Stoffproduzenten aussterben“. Es gäbe heute nur noch eine steirische Berufsschule für Schneiderei in Bad Radkersburg, wohin die wenigen Lehrlinge sogar mit dem Firmenwagen chauffiert werden. „Früher standen täglich zehn von ihnen vor der Tür … . Und beim Schladminger Stoff holen sich die Näherinnen blutige Finger - dafür verlangen sie heute fast schon eine Schwerarbeiter-Zulage.

Einige Anwesende wissen von Gegenbewegungen – etwa von Trachtennähkursen (wie jenen der obersteirischen „Meisterin der Tracht“ - Herta Krapf), Strickkursen (für Zopfmuster) sowie Trachtenbörsen in Zeltweg oder Aflenz: Viele Junge kaufen dort gebrauchte und leistbare Trachten oder lassen sich Omas Dirndl einfach umarbeiten.

Alltagsgewand, Festtagskleid und Trachtentrends

Auf die Frage nach Trends (die vielleicht auch Sorgen bereiten) und nach der Zukunft der Tracht zeigt sich Herta Gänser, Trachtenreferentin des Steirischen Landestrachtenvereins, überzeugt, dass „Tracht heute wieder gefragt ist. Zwar trägt die Jugend die kuriosesten Dirndlkreationen oder modische Tracht, aber irgendwann kommt die Zeit der 'echten' Originaltracht.“

Ob Empiretracht, das Rosegger-Jankerl oder der samtene Gehrock mit Sternblümchen, kombiniert mit Jeans: Tracht ist auch Mode, „sie hat sich entwickelt, verändert und war immer irgendwann das erste Mal da“.

Eine Teilnehmerin brachte es für sich auf den Punkt: „Wie sollen die Leute dazu kommen, wenn's nicht gelebt wird? Tracht muss Alltagsgewand sein. Wenn der Kittel nicht funktioniert – wenn er nur schön, aber unbequem ist –, wird er verschwinden und die Jeans werden die nächste Tracht sein.“

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