Gergely Ligetfalvi:

Die Museen Daniel Spoerris

Daniel Spoerri, La mort musicienne, 1990, Assemblage, Mat. div., 190 x 130 x 85 cm. © Dávid Ferenczy

 

Daniel Spoerri leistete mit dem erst 1979 in Köln verwirklichten Musée Sentimental nicht nur zu den „Künstlermuseen“ einen wesentlichen Beitrag, er erneuerte zugleich das historische Ausstellungwesen. Anstatt einer Darstellung, die umfassend und in linearer Weise die Vergangenheit sichtbar zu machen suchte, wurde eine Art zeitgenössische „Wunderkammer“, die Phänomenologie und Historie eines Territoriums sichtbar gemacht, ohne zwischen historisch Wertvollem und Trivialem, Sakralem und Vulgärem, Kunst- und Alltagsobjekten zu unterscheiden. Diese „Spurensicherung“ (G. Metken) von Köln Incognito – Reliquien und Relikten von zweitausend Jahrhundert hat mit „sentimentalen“, emotional aufgeladenen Objekten die kanonisierte Geschichte emotional erfahrbar gemacht und mit alternativen Aspekten angereichert.

Das Musée Sentimental wurde seither mehrmals verwirklicht (1981 Berlin; 1989 Basel; 2009 Krems), und als künstlerische Interventionen wurden andere Wunderkammern realisiert (2012 Naturhistorisches Museum Wien; 2013 Museumsberg Flensburg). Darüber hinaus besitzt Spoerri zwei eigene Museen: einen Skulpturengarten in der Toskana und das Kunststaulager Spoerri im niederösterreichischen Hadersdorf am Kamp.

In seinem umfangreichen Schaffen beschäftigte sich Spoerri vom Anfang an mit den Abenteuern der Dinge, etwa mit dem „Fallenbild“ (zufällig gefundene (Ess-)Situationen, fixiert auf ihren Unterlagen), seinen Sammlungen oder verschiedenen Assemblagengruppen (Zimtzauberobjekte, Ethnosynkretismen).  Die „Semiophorisierung“ (K. Pomian) der Objekte bietet einen Leitfaden, anhand dessen sich das Lebenswerk Spoerris interpretieren lässt. Objekt Sentimental/Semiophoren; Kunst- und Wunderkammerprinzip in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts; Spurensicherung; Musealisierung des Alltäglichen; zeitgenössische Archäologie – das sind die wichtigsten Themen, die ich im Kapitel Die Museen Daniel Spoerris meiner Künstlermonografie zu erklären versuche.  

 

 

 

Kurzbiographie: 

Studium der Ästhetik und Medienwissenschaft an der Universität ELTE Budapest; 2011 Magisterarbeit über Daniel Spoerri. Seit 2007 als Kunstkritiker tätig. 2011–2014 Tätigkeit für zeitgenössische Kunstgalerien sowie als freischaffender Kurator in Ungarn; Ausstellungen u. a. von Daniel Spoerri (Galerie Kisterem Budapest, mit einem Eat Art-Bankett) und Vera Molnar (Retrospektive im Kepes Institut Eger). Lebt seit 2014 in Wien und arbeitet an einer Daniel-Spoerri-Monografie. Bücher: 2010: Anekdotomania. Gesammelte Schriften Daniel Spoerris, Kijárat Verlag, Budapest (Übersetzung, Redaktion); 2012: One Percent Disorder. Katalog der Vera-Molnar-Ausstellung, Kepes Institut, Eger (Redaktion, Einführung); 2013: Visual Aid / Szemléltetőeszköz. Buch über Tamás Kaszás. Kisterem, Budapest (Redaktion, Einführung).

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