Günter Brus

Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Günter Brus gilt als Pionier der Body Art, als derjenige, der den Körper als ausschließliches Ausdrucksmedium in die Kunst eingeführt hat. Im „Anschlussjahr“ 1938 geboren, sieht er als Kind noch „rennende und brennende Menschen“ und „Flammen- und Rauchsäulen“.Sein früh erkanntes zeichnerisches Talent ermöglicht ihm den Besuch der Kunstgewerbeschule in Graz, deren ausgezeichneter Abschluss ihm wiederum den Weg in die Akademie für angewandte Kunst in Wien ebnet.

Als Brus 1958 nach Wien geht, sieht er das erste Mal Werke des österreichischen Frühexpressionismus, die einen tiefen Eindruck in ihm hinterlassen. Gemeinsam mit seinem Studienkollegen Alfons Schilling fährt er 1960 nach Mallorca, wo er Arbeiten des abstrakten Expressionismus kennenlernt. Die explosive Energie des Informel eröffnet ihm eine Perspektive, die starren Konventionen und den engen Rahmen der Tafelmalerei zu sprengen. Er will das Zentrum der Malerei ausschalten und Bilder malen, die manifestiertes „Stampfen, Schreien und Pfauchen“ sind.

 

Im Zuge der Reflexion des körperintensiven Malprozesses kommt es zur entscheidenden Akzentverschiebung vom fertiggestellten Objekt zum ephemeren Geschehen im Raum, das schließlich mit Foto und Film dokumentiert wird. Für seine erste Aktion ANA bemalt Brus 1964 den gesamten Raum und alle Gegenstände weiß und erweitert die klassische Leinwand ins Dreidimensionale. In der Absicht, ein Tableau vivant herzustellen, malt er sukzessive zuerst die Gegenstände, dann das Modell und schließlich sich selbst schwarz an. Peter Weibel hat diese Entwicklung von der Aktionsmalerei zur Aktion konzise auf den Punkt gebracht: „Aktion auf der Leinwand, Aktion vor der Leinwand, Aktion ohne Leinwand.“

Im Informel findet sich der Körper noch als sinnlich-dynamische Spur auf der Leinwand, in der Selbstbemalung werden Körper und Gemälde eins. Der weiße Kopf des Künstlers vor weißem Hintergrund wird von einer schwarzen Linie geteilt und mit scharfen Gegenständen wie Messer, Degen, Axt und Schere konfrontiert. Die zuckende Linie symbolisiert die Verletzung, den Schnitt, die Wunde, das Aufbrechen des Selbst. Am 5. Juli 1965 geht Brus weiß bemalt und mit jenem schwarzen, zuckenden Strich gleichsam längs geteilt als lebendes Bild vom Heldenplatz in Richtung Stephansplatz. Bereits auf halbem Weg wird er von einem Polizisten angehalten und in die nahe gelegene Wachstube geführt. Wegen „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ erhält er eine Verwaltungsstrafe von 80 Schilling.

Im Laufe des Jahres 1967 entwickelt Brus sein Konzept der „Körperanalysen“, bei dem er elementare existenzielle Erfahrungen thematisiert. Brus verzichtet auf jegliches künstlerisches Material und agiert ausschließlich mit seinem Körper und dessen Funktionen: „Mein Körper ist die Absicht, mein Körper ist das Ereignis, mein Körper ist das Ergebnis.“

Am 7. Juni 1968 führt er im Hörsaal 1 der Wiener Universität im Rahmen der Veranstaltung „Kunst und Revolution“ eine seiner Körperanalysen durch. Es kommt zum Skandal und zur Anklage, in deren Folge Brus zur Höchststrafe von sechs Monaten „strengem Arrest“ verurteilt wird. „Herabwürdigung österreichischer Symbole“ und „Verletzung der Sittlichkeit und Schamhaftigkeit“ lauten die Begründungen.  

Nach Aufforderung von Gerhard Rühm flieht er mit seiner Frau Anna und der zweijährigen Tochter Diana unverzüglich nach Berlin.  In Deutschland führt er mit der Zerreißprobe 1970 in München seine letzte Aktion durch und überwindet die Selbstverletzung des Körpers, doch hält eine körperorientierte, autoaggressive Motivwelt Einzug in sein zeichnerisches Werk. Das Ende seiner performativen Phase führt ihn zurück ins Medium der Zeichnung, oder wie Brus es 1975 selbst zum Ausdruck brachte: „Der Strich gilt für den Schnitt ins Herz. Deshalb ist Zeichnen Geburt aus der Auslöschung.“

In den 1970er-Jahren kombiniert Brus seine Zeichnungen mit seinem literarischen Schaffen und prägt damit den Begriff der „Bild-Dichtung“, womit keine bloße Illustration gemeint ist, sondern ein Aufeinandertreffen von Bildhaftem und Textlichem, ohne aber zwangsläufig eine gegenseitige Abhängigkeit zu bedingen. Der Text gibt keine Erklärungen zum Bild ab, doch ist er reich an sprachlichen Bildern und Metaphern – die Zeichnung stellt keine Illustration des Geschriebenen dar, obgleich in ihr ebenso poetisch erzählt wird. „Ich wollte mir die Sprache vom Leib weg schreiben“, schreibt Brus Jahre später in seinen theoretischen Poesien Nach uns die Malflut! und betont damit nicht nur den Zusammenhang zwischen seinen Körperanalysen und seiner Dichtkunst, sondern verweist indirekt auch auf den aktionsartigen Arbeitsprozess, den er sich bewahrt hat.Mit der Bild-Dichtung hat Brus jene poetische Sphäre gefunden, in der er seit 40 Jahren medienübergreifend arbeitet.

 

Nachdem seine Haft- in eine Geldstrafe umgewandelt worden ist, kehrt Brus mit seiner Familie 1979 zurück in die Steiermark. Der wohlverdiente Erfolg stellt sich ein und während er wie ein Obsessiver jedes Jahr rund tausend Zeichnungen anfertigt, erhält er retrospektive Ausstellungen in Bern, London, Luzern, Amsterdam, Paris und schließlich 1986 auch in Wien. Zehn Jahre später verleiht man ihm in Anerkennung für seine künstlerischen Verdienste den österreichischen Staatspreis. Der viel geschmähte wird zu einem viel geschmückten – oder wie es Brus es selbst doppeldeutig formuliert hat: „Ich habe mich ausgezeichnet.“

Überblick


1938 geb. in Ardning / Stmk.

1954-1958 Kunstgewerbeschule Graz

1958-1960 Akademie für angewandte Kunst, Wien - Austritt ohne Abschluss

1958-1964 Informelle zeichnerische und malerische Arbeiten, Bekanntschaft mit Alfons Schilling, Otto Mühl, Adolf Frohner, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler, Kurt Kren. 1961 lernt Brus seine spätere Frau Anna kennen.

1964 Erste Aktion "Ana", Wien, erstmaliger Einsatz des Körpers als künstlerisches Medium; Übergang vom Informel zur "Selbstbemalung"

1965 Weitere Aktionen, u. a. "Selbstverstümmelung", Wien, und "Wiener Spaziergang"

1966 Teilnahme am "Destruction in Art Symposium", London, auf Einladung von Gustav Metzger; Radikalisierung der Aktionskunst, erste Anfertigung von Aktionspartituren

1967 "Aktion mit Diana", Wien

1968 Aktion "Der helle Wahnsinn", Aachen; Aktion "Kunst und Revolution" mit Otto Mühl, Oswald Wiener, Peter Weibel, Franz Kaltenbäck in der Wiener Universität, Verurteilung zu 6 Monaten Haftstrafe

1969 Flucht nach Berlin

1970 Letzte Aktion: "Zerreissprobe", München

1970-1975 Rückkehr zur Zeichnung, Herausgabe des "Organs der österreichischen Exilregierung", der "Schastrommel" bzw. späterer "Drossel" (bis 1977; gemeinsam mit Otmar Bauer, Oswald Wiener, Hermann Nitsch, Gerhard Rühm); Zusammenspiel von Text und Bild, Entstehung u.a. von "Irrwisch", "Der Balkon Europas", "Die Zernunft", "Das Namenlos"; musikalischer Gemeinschaftsauftritt "Selten gehörte Musik" mit Oswald Wiener, Gerhard Rühm, Dieter Roth, Hermann Nitsch im Münchner Lenbachhaus

1976 Umwandlung der Haft- in eine Geldstrafe nach Audienz von Anna Brus bei Bundespräsident Kirchschläger

Seit 1976 Veröffentlichung lyrischer Arbeiten im Verlag "Das Hohe Gebrechen" von Arnulf Meifert; Entstehung zahlreicher Bild-Text-Zyklen, die fortan von Günter Brus als "Bild-Dichtungen" als eigene Gattung bezeichnet werden, u. a. "William Blake - Poetische Skizzen", "Franz Schreker - Die Gezeichneten"; Wanderausstellung "Günter Brus - Bild-Dichtungen" in Hamburger Kunsthalle, Kunstmuseum Luzern und Kulturhaus der Stadt Graz im Rahmen des "steirischen herbstes"; Roman "Die Geheimnisträger" erscheint; Entwurf von Bühnenbildern und Kostümen, u. a. für "Erinnerungen an die Menschheit" von Gerhard Roth (steirischer herbst 1985).

2008 Grundsteinlegung des "BRUSEUMS", eines Museums für Günter Brus im Landesmuseum Joanneum.

2009 Ankauf des Literarischen Vorlasses durch das Land Steiermark.

 

 

 

Personal- und Gruppenausstellungen (Auswahl)

1986 erste große Retrospektive "Der Überblick", Museum des 20. Jahrhunderts, Wien, Lenbachhaus München, Kunsthalle Düsseldorf

1988 "Aktionsmalerei - Aktionismus", Museum Fridericianum Kassel, Kunstmuseum Winterthur, Museum für Angewandte Kunst, Wien

1989 "Der zertrümmerte Spiegel", Albertina, Wien, Museum Ludwig, Köln

1993 Retrospektive "Sichtgrenze - Limité du visible", Centre Georges Pompidou, Paris

1996 "Blitzartige Einfälle in vorgegebene Ideen", Neue Galerie Graz, Moderna Muzej Ljubljana; "Out of Action", u. a. Museum of Contemporary Art, Los Angeles, Museum für Angewandte Kunst, Wien

1999 Retrospektive "Leuchtstoffpoesie", Kunsthalle Tübingen, Kunsthalle Kiel, Neue Galerie Linz

2003 "Werkumkreisung", u. a. Albertina, Wien, Neue Galerie Graz

2005 "Günter Brus - Nervous stillness on the horizon", MACBA Barcelona

2006 "A Günter Brus Retrospective", Slought Foundation, Philadelphia

2007 "Günter Brus - Aurore de minuit", Musée d'art moderne de Saint Etienne Metropole

2008 "Günter Brus - Mitternachtsröte", Museum für Angewandte Kunst, Wien; "Günter Brus", Groeningemuseum Brügge; "Ein Fest für Brus", bestehend aus Ausstellung "BRUS's + BLAKE's Jobs" und Symposion, Neue Galerie Graz

2009 "Günter Brus: Die große Dichtkunstmaschine", Galerie kunsthaus muerz; Konfluenzen & Differenzen I. Günter Brus und Max Klinger, Neue Galerie Graz; „Konfluenzen & Differenzen II. Günter Brus und Alfred Kubin“, Neue Galerie Graz

2010 "Günter Brus - Crossing the border", BRUSEUM/Neue Galerie Graz und Janus Pannonius Múzeum Pécs

 

 

 

Literarische Arbeiten (Auswahl)

1984 "Die Geheimnisträger"

1987 "Amor und Amok"

1993 "Morgen des Gehirns, Mittag des Mundes, Abend der Sprache"

2002 "Die gute alte Zeit"

2007 "Das gute alte Wien"

2010 "Das gute alte West-Berlin"

 

Neue Galerie Graz

Joanneumsviertel, Zugang Kalchberggasse
8010 Graz, Österreich
T +43-316/8017-9100
joanneumsviertel@museum-joanneum.at

 

Öffnungszeiten
Di-So, Feiertag 10 - 17 Uhr


Überblicksführungen
Sa, So, Feiertag, 14 Uhr (de), So, 11 Uhr (en). Zusätzliche Termine entnehmen Sie bitte dem Kalender. Weitere Führungen nach Voranmeldung.

Öffnungszeiten der Bibliothek
Di und Do 10-15 Uhr sowie nach Vereinbarung

Öffnungszeiten OHO!
Di-Sa 10 bis 24 Uhr

 

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