„Schmecken tut erst das zweite Glas“

„Was erzählst du: Steiermark?“ im Museum Pfeilburg in Fürstenfeld: ein Erzählcafé über erste Räusche, Nächte im Wirtshaus und den leisen Abschied vom Alkohol

28. September 2026, Elisabeth Schlögl

Bildinformationen

„Die Dosis macht das Gift.“ Diesen Satz habe ich am 24. September im Museum Pfeilburg in Fürstenfeld öfter gehört. 23 Personen waren zum Erzählcafé „Was erzählst du: Steiermark?“ gekommen. Das Thema des Abends lautete „Man gönnt sich ja sonst nichts – die Grenzen von Genuss und Sucht“. Im Mittelpunkt stand bald eine berauschende Substanz, die alle kennen und über die selten offen gesprochen wird: Alkohol. Veranstaltet haben den Abend Museumsleiterin Gabriele Jedliczka, das Museumsforum Steiermark und die Kulturvermittlung des Universalmuseums Joanneum. Moderiert haben Albert Gramer und Stephan Schneider von der Kulturvermittlung.

„Es gehört dazu“

Die erste Frage des Abends war direkt und einfach: Erinnern Sie sich an Ihren ersten Rausch? Niemand musste lange nachdenken. Einer erzählte von einem Schul-Skikurs in Radstadt mit Campari-Orange, der mit einem Sturz in den Schnee endete: „Ich bin fast eingeschlafen und liegen geblieben.“ Ein anderer trank mit 16 beim ersten Fortgehen einen Ein-Euro-Spritzer im Bollwerk: „Es gehört dazu, ich bin froh, den Rausch erlebt zu haben.“ Jemand erinnerte sich an ein „g’staubtes Achterl“ [ein gespritztes Achterl Rotwein mit Orangensaft]: „Zum Glück gibt es das nicht mehr.“ Eine Frau war als Kind beim winterlichen Schnapsbrennen dabei. Ihren ersten Rausch hatte sie vermutlich von den Dämpfen. Eine Teilnehmerin erzählte von einer Reise mit Freunden 1974 nach Spanien. Die Gruppe trank Sangria, sie selbst aß nur das darin eingelegte Obst: „Das Bett ist trotzdem mit mir im Kreis gefahren.“

 

Einen ersten Rausch hat offenbar jede und jeder. Mich beschäftigt, wie selbstverständlich wir ihn bis heute als Übergangsritual erzählen.

Bildinformationen

Bildinformationen

Bildinformationen

„Schmecken tut das zweite Glas“

Geht es beim Trinken überhaupt ums Schmecken und Genießen? Ein Bierbrauer, der seit 2018 selbstständig im Fürstenbräu braut, gab zu, dass ihm sein allererstes Bier nicht geschmeckt hat. Es war zu bitter. Heute sagt er: „Das Bier will jeden Tag seinen Brauer sehen“, und er trinkt im Schnitt ein Bier am Tag. Jemand ergänzte, Bitteres rege den Appetit an und Schaum verleite zum Weitertrinken. Andere erinnerten sich an Gin Fizz mit Zuckerrand als Kultgetränk oder an süßen Ribiselwein, das „typische Mädchengetränk“.

Dann fiel der Satz: Schmecken tut erst das zweite Glas. Ob das für den Geschmack spricht oder für die Gewöhnung?

Die Branche setzt jedenfalls auf den Genuss: Winzer Bründlmayer sagte in der ORF1-Dokumentation „Dok 1“ am Vorabend, es werde weniger getrunken, aber besser als je zuvor [Sendung Dok 1 am 22.09.2026: Abschied vom Alkohol mit Hanno Settele].

Das Wirtshaus als Bühne und Beichtstuhl

Einige am Tisch sind in Gasthäusern aufgewachsen oder haben selbst eines geführt. „Ab einer gewissen Uhrzeit hat das Telefon durchgehend geläutet“, erzählte ein Gasthauskind. Frauen fragten nach ihren Männern und der Vater antwortete immer: „Er ist schon beim Zahlen.“

Eine Wirtin stand 42 Jahre hinter der Schank oder saß mit am Tisch. Sie erinnerte sich an die ersten Gäste um sieben Uhr früh und beschrieb ihre Rolle so: „Als Wirtin war ich Psychologin.“ Sie erzählte auch von Frauen, die ihre Männer heimholen wollten und dafür mittranken, oft die doppelte Menge, bis die Männer freiwillig mitgingen. Andere Männer nannten diese Frauen abfällig „Flintenweiber“. Auch Gewalt kam zur Sprache, und zwar in beide Richtungen.

Ein Teilnehmer musste als Kind mit der Großmutter den Opa aus dem Wirtshaus holen, weil der mit ihr allein nicht mitgegangen wäre: „Ich habe ihn geliebt, aber früher war Alkohol ein Mittel zum Vergessen.“ Jemand erzählte von einem Vater, der aus Stalingrad heimkehrte und sich innerhalb von sieben Jahren zu Tode trank. Diese Generation nutzte Alkohol als „Psychohygiene“.

Weniger, aber bewusster?

Der Konsum geht zurück. Seit 1990 wird in Österreich um etwa ein Viertel weniger Bier und Wein getrunken. Alkoholfreies Bier ist das einzige Bier mit steigendem Absatz. Trotzdem bleibt Österreich ein Hochkonsumland. Die „Trankler“ von einst, hieß es in der Sendung Dok1, sind heute 70. Unter Jugendlichen ist von „sober curious“ die Rede, also von Neugier aufs Nüchternsein. Als Gründe gelten die Teuerung, mehr Aufmerksamkeit für den eigenen Körper und die Sorge, im Rausch fotografiert oder gefilmt zu werden.

Auch am Abend war der Wunsch nach Kontrolle deutlich. „Ich mag nicht mehr rauschig sein, weil ich die Kontrolle nicht verlieren möchte“, sagte eine Frau. Nach einem Tequila-Abend war sie drei Tage krank gewesen. Eine andere ergänzte: „Ich habe wahnsinnige Angst davor, mich nicht mehr kontrollieren zu können.“

Ein Teilnehmer sah es anders. Bis zur Gesellenprüfung trank er gar nichts und tat nur so, um dazuzugehören. Heute sagt er: „Alkohol löst bei mir Blockaden, dann kann ich besser tanzen.“ Genau das waren lange die Hauptmotive fürs Trinken: die enthemmende Wirkung und das Knüpfen von Kontakten.

Dann kam die Frage auf, wer heute mehr trinkt, junge Frauen oder junge Männer. Ich habe mich gefragt, was das zur Sache tut. Vielleicht sagt die Frage mehr über uns als über die Jugend. Ein Vater meinte offen: „Meinem Sohn gegenüber bin ich toleranter als meiner Tochter.“

„Einer in der Gruppe muss helfen können“

Zwei Streetworker aus Hartberg und Fürstenfeld brachten die Sicht der Prävention ein. Ihre Frage lautete: Warum braucht es das Genussmittel, das zum Suchtmittel werden kann? Jugendliche treffen sich heute seltener in Lokalen, wo ein alkoholfreies Getränk schnell 4,50 Euro kostet. Sie trinken eher in Wohnungen oder Parks und sind dort schwerer zu erreichen. Die Streetworker erzählten vom Alltag eines Alkoholkranken, der erst nach einer existenziellen Krise in den Entzug fand. Und sie erzählten von einem jungen Mann, dem nach einem Abend mit viel zu viel Alkohol niemand rechtzeitig half. Er hat nicht überlebt. Ihr Rat an Jugendliche: „Ihr werdet eure Erfahrungen machen. Aber achtet darauf, dass einer in der Gruppe helfen kann.“


Die Dosis macht das Gift?

Am Ende kam der Satz des Abends wieder. Er geht auf Paracelsus zurück und klingt beruhigend. Die ARGE Suchtvorbeugung in der Sendung Dok1sagt es nüchterner: Alkohol ist ein Zellgift, eine gesunde Menge gibt es nicht. Sie empfiehlt mindestens zwei alkoholfreie Tage pro Woche. Unsere Geschichten liegen irgendwo zwischen diesen beiden Aussagen, zwischen Genuss und Sucht. Und: „Man gönnt sich ja sonst nichts“ ist vielleicht selbst schon eine Rechtfertigung. Vielleicht beginnt der Abschied vom Alkohol nicht beim Glas, sondern bei der Frage, warum wir es heben.

Wer Unterstützung sucht, findet sie bei den Suchtberatungsstellen des Landes Steiermark oder rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter 142.

Bildinformationen