Valentin Delic während der Fassungskontrolle und –untersuchung an einem Kabinettkästchen, Foto: Delic, Universalmuseum Joanneum

28. März 2016 / Elisabeth Kure

Hinter den Kulissen: Im Atelier für Konservierung und Restaurierung

Konservieren & Restaurieren

Alles Sein ist an Zeitlichkeit gebunden. Das gilt für Individuen ebenso wie für Kunst und Kulturgut. Valentin Delić wird an diesen Umstand täglich erinnert. Seit 2009 arbeitet er als Restaurator in der Kulturhistorischen Sammlung des Universalmuseums Joanneum.

Durch seine Hände geht jährlich eine Vielzahl von Sammlungsobjekten. Dabei kommt er der Geschichte des Seins so nahe wie kaum ein anderer. Er trägt dazu bei, dass auch kommenden Generationen diese einzigartigen Identitätsträger erhalten bleiben.

Ob er politieren könne, ist eine der häufig gestellten Fragen, wenn Valentin Delić die Tore des Ateliers für Konservierung und Restaurierung im historischen Rossstall des Palais Herberstein für Interessierte öffnet. „Können, ja. Wollen, nein“, ist dann die Antwort des Restaurators, der sich selber eher als Konservator sieht. Mit Silbenklauberei und Extravaganz hat die bevorzugte Berufsbezeichnung allerdings nichts zu tun.

Vielmehr mit dem Aufräumen eines Klischees: Für Valentin Delić und seine Berufsgenossen am Museum geht es im Alltag nur selten um die Wiederherstellung, wie es im Wort „restaurieren“ anklingt, sondern vielmehr um den Substanzerhalt von Objekten, die Konservierung eines Zustands. Das war nicht immer so. Die theoretischen Vorstellungen haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts verändert und weiterentwickelt.

Heute hat man andere Ansichten von dem, was Konservierung und Restaurierung bedeuten, als noch vor 30 oder 40 Jahren. Ein anderer Wissensstand, eine andere Auffassung von Ästhetik, andere Sehgewohnheiten und  Modeerscheinungen prägten die restauratorischen Maßnahmen der Vergangenheit. Die Resultate sind aus heutiger Sicht fatal. So wurden in der Möbelrestaurierung beispielsweise originale Lackoberflächen aus rein ästhetischen Gründen abgenommen.

„Was vom Original verloren gegangen ist, ist weg! Eine originalgetreue Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands ist vielfach nicht möglich, da wir den Originalzustand nach Jahrhunderten nicht mehr exakt nachvollziehen können. Dazu bräuchte es eine Zeitreise“, sagt Valentin Delić, der seine Ausbildung im Rahmen eines neunsemestrigen Diplomstudiums an der TU München absolvierte.

Restlos Zerstörtes ist auf immer verloren

Gegenwärtig verfügt die jährlich wachsende Kulturhistorische Sammlung über mehr als 35.000 Objekte. Viele Objekte davon landen irgendwann als vorgesehene Leihgaben oder in Vorbereitung zu Sonderausstellungen auf den Arbeitstischen von Valentin Delić und seiner Kollegin, der Textilrestauratorin Renate Einsiedl. Und auch die Tatsache, dass sich ein großer Teil der Sammlung im Depot befindet, bedeutet nicht, dass die magazinierten Sammlungsbestände keiner Betreuung bedürfen. Gewissermaßen versteht sich der Restaurator als Arzt der stummen Zeitzeugen. Er untersucht und dokumentiert, erstellt eine Anamnese, um daraus ein Reinigungs-, Konservierungs- und/oder Restaurierungskonzept zu entwickeln. Ein Universalrezept gibt es bei alledem nicht.

Unterschiedliche Schäden, verschiedene Materialien und diverse Techniken der einzelnen Epochen verlangen nach individuellen Maßnahmen, die in manchen Fällen sogar neu entwickelt werden müssen. Noch lange bevor der Restaurator also Hand anlegt, taucht er in die Welt der Forschung, der Chemie und Technik, ein. „Möbel und Kunstwerke bestehen meist aus Materialkombinationen. Je mehr Materialien kombiniert sind, umso komplexer und empfindlicher ist das Gefüge“, sagt Valentin Delić. So reagieren unterschiedliche Materialien anders auf Umwelteinflüsse. Das kann einerseits eine Erklärung für Schäden sein, verlangt aber auch Vorsicht und genaue Kenntnisse bei der Annäherung.

„Schon bei der Reinigung eines Objektes muss man in einer Voruntersuchung abklären, ob man trocken oder feucht reinigt, da bereits reines Wasser ungewollte und schädigende Reaktionen hervorrufen kann“, verdeutlicht der Restaurator. Erst wenn er weiß, aus welchen Materialien ein Objekt besteht, welche Schäden vorliegen und was diese verursacht, kann er entscheiden, welche  Konservierungs- und/oder Restaurierungmaßnahmen geeignet sind. Auch wenn er in der internationalen Fachliteratur meist Antworten auf diverse Problemstellungen findet, verlangt dies in manchen Fällen das Beschreiten neuer Wege. Wie zum Beispiel im Fall des Rokokozimmers des Grafen Saur, dem sogenannten „Leykam-Zimmer“, das in der Dauerausstellung des Museums im Palais zu sehen ist.

 

Eine Lackrezeptur des 18. Jahrhunderts

Innerhalb eines halben Jahres ist es 2010 durch interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Naturwissenschaftlern gelungen, den Originallack des holzvertäfelten Zimmers zu analysieren und teilweise wiederherzustellen. Möglich wurde dies überhaupt erst durch den Erhalt eines kleinen Teilstückes, dem Valentin Delić zur Analyse Proben entnahm. Gemeinsam mit dem Labor des Kunsthistorischen Museums in Wien konnten schließlich die Inhaltsstoffe ermittelt werden. Ein wichtiger Teilerfolg, nicht aber das Ende des aufwändigen Wiederherstellungsprozesses. „Ohne das richtige Mischverhältnis gelingt kein Rezept. Weder in der Küche, noch im Labor“, schmunzelt der Restaurator, der auch in diesem Fall auf Schriften vergangener Jahrhunderte zurückgriff. Er betrieb Recherchen in historischer Traktatliteratur des 18. Jahrhunderts und suchte so lange identische Inhaltsstoffe, bis er eines Tages eine passende Rezeptur fand, nach der er die historische Oberflächenbeschichtung rekonstruieren konnte.

 

Die vielen Gesichter des Restauratorenberufs

Eine besondere Faszination üben Materialität und Kunsttechnologie auf Valentin Delić aus. „Eingehend erforscht und analysiert, lassen sich Rückschlüsse auf die in der Entstehungszeit verwendeten Materialien und Herstellungstechniken sowie auf die Restaurierungsgeschichte ziehen. Diese Ergebnisse sind nicht nur für die konservatorischen und restauratorischen Entscheidungsprozesse sondern auch für die weitere kunstwissenschaftliche Bearbeitung und Bewertung wichtig“, berichtet der Experte und hat gleich ein anschauliches Beispiel parat: „Kolleginnen und Kollegen konnten anhand einer Untersuchung der Jahresringe, im Fachjargon Dendrochronologie genannt, an einem Altar feststellen, in welchem Jahrzehnt das verwendete Holz geschlagen wurde. Anschließende Vergleiche mit der Datenbank haben eine frühere Datierung des Altars erbracht, wodurch sich eine kunstgeschichtliche Neubewertung des Werkes ergeben hat.“ Nachsatz: „Je mehr man über Materialien und Kunsttechniken der unterschiedlichen Epochen weiß, umso mehr lässt sich aus den Objekten herauslesen.“

Und doch sind das nicht die einzigen Facetten, denen Valentin Delić sich verschrieben hat. Viel zu vielseitig ist der Beruf. So betreut er den hausinternen, nationalen und internationalen Leihverkehr, bereitet Objekte für Sonderausstellungen vor, dokumentiert die Sammlung in Schrift und Bild, widmet sich der  präventiven Konservierung (Kontrolle von Klima, Licht, Schädlingen, Depotoptimierungsmaßnahmen, etc.) und führt – wenn notwendig – praktische Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen durch. Zudem ist Delić in der Lehre tätig, um Studierenden Teilaspekte des Berufs und der Arbeit im Museum näher zu bringen. Er bietet außerdem Führungen durch das moderne und den internationalen Museumsstandards entsprechend ausgestattete Restaurierungsatelier an, welches heuer sein fünfjähriges Jubiläum feiert.

Kategorie: Konservieren & Restaurieren
Schlagworte: Kulturhistorische Sammlung | Leykam Zimmer | Restaurierung | Valentin Delic


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