Detail einer Brücke von Renate Theißl © UMJ/B. Schönhart

12. Oktober 2021 / Elisabeth Schlögl

Die Lebenswelt der Renate Theißl

Museumsforum

Ein Besuch im Österreichischen Brückenbaumuseum.

Elisabeth Schlögl / Barbara Schönhart

„Es ist die größte Herausforderung im Modellbau“, antwortet Renate Theißl auf die sich uns aufdrängende Frage nach dem Beweggrund, Brückenmodelle zu bauen und damit ein ganzes Museum im südoststeirischen Edelsbach zu füllen.

Renate Theißl hat mit 13 Jahren das erste Modell gebaut und lebt seither ihren Traum von Technik und Handwerk. Die Möglichkeit, ihr unglaubliches Talent umsetzen zu können, musste sich die gelernte Köchin allerdings erst erkämpfen. Gerne wäre sie Tischlerin geworden, doch die Eltern hatten anderes mit ihr vor. Vielleicht ist ihre Kämpfernatur der Grund, warum sie stets neue Herausforderungen sucht und jedem noch so kaputten Modell neues Leben einhaucht. Neben der Instandsetzung erworbener Objekte baut sie Brückenmodelle exakt nach Vorlage oder Fantasiebrücken (Bild) nach eigener Vorstellung. Die von ihr verwendeten Materialien sind stets dieselben: Kork für die Darstellung von Stein oder Beton und Holz für alle Brückenteile aus Stahl. Die von ihr zugekauften Modelle sind in Materialität und Fertigung sehr unterschiedlich, während Renate Theißls eigene Modelle ganz klar ihre Handschrift tragen.

Modell einer Hängebrücke von Renate Theißl © UMJ/B. Schönhart

Detail einer Brücke von Renate Theißl © UMJ/B. Schönhart

1 : 50, 1 : 100 oder 1 : 300 – das sind gängige Maßstäbe im Museum. Die Maßstäbe, die sie sich selbst auferlegt, sind immens hoch. Sie recherchiert in Büchern, Firmenarchiven und dem Internet oder fordert Baupläne von Bauämtern an. Reisen zu Originalschauplätzen unternimmt sie ausschließlich in Österreich und Deutschland. Die Bedeutung einer Brücke spielt keine Rolle, es sind die technischen Finessen, die sie zum Bau eines Modells anregen. Maßstabsgetreu wird umgerechnet, um dann gemeinsam mit ihrer Schwester – die, wie Theißl sagt, besser zeichnen kann als sie selbst ‒ Pläne anzufertigen. Sechs Monate Bauzeit steckt im Schnitt in einem Modell, täglich arbeitet sie ca. vier Stunden, länger soll es nicht dauern. In etwa zwei Monaten werden einzelne Bauteile seriell gefertigt, ehe die ca. 10.000 Einzelteile zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden.

 

Edelsbach und die Welt der Brücken

Seit 1998 kann man in Edelsbach bei Feldbach ins Universum des Brückenmodellbaus eintauchen. Ermöglicht wurde die Sanierung und Erweiterung des gegenüber dem Gemeindeamt liegenden Gebäudes durch eine LEADER-Förderung der EU. Die beeindruckende Sammlung, bestehend aus Modellen, Postkarten, Fotografien, Fachbüchern, Plänen und Souvenirs zum Thema Brückenbau, lässt uns staunen.

In Österreich jedenfalls ein Unikat, ist die Brückenmodellsammlung möglicherweise sogar weltweit die einzige, in der Bogen-, Balken- oder Hängebrücken von den technischen Leistungen der Konstrukteure erzählen. Durch die jahrelange intensive Beschäftigung mit der Thematik und das dabei erworbene Wissen wird Renate Theißl von Kurator*innen anderer, auch großer technischer Museen kontaktiert und um Leihgaben gebeten. Sie ist sichtlich stolz auf ihr Lebenswerk – zu Recht!

Die Gemeinde übernimmt mit Anfang Oktober 2021 als neue Betreiberin das Museum. Renate Theißl bleibt die Eigentümerin der als Dauerleihgabe an die Gemeinde übergebenen Sammlung. Sie wird weiterhin an ihrer Werkbank im Museum arbeiten, interessierte Besucher*innen durchs Museum führen, Workshops zum Brückenmodellbau leiten und auf diese Weise noch viele Interessierte in ihre Lebenswelt eintauchen lassen.

Wir – Elisabeth Schlögl und Barbara Schönhart vom Museumsforum Steiermark – wurden nach Edelsbach gebeten, um bei der Inventarisierung der Sammlung und hinsichtlich der geplanten Einrichtung eines Depots zu beraten. Nach Festlegung der ersten Arbeitsschritte, die Frau Dunkl von der Gemeinde Edelsbach und Renate Theißl teilweise gemeinsam durchführen werden, begleiten wir in den nächsten Monaten die Umsetzung der Maßnahmen.

v.l.: Barbara Schönhart, Renate Theißl und Margit Dunkl bei der Besprechung zur geplanten Inventarisierung und Lagerung des Sammlungsbestandes © UMJ/E. Schlögl

v.l.: Renate Theißl und Elisabeth Schlögl während der Besichtigung der Werkstatt im Museumsgebäude © UMJ/B. Schönhart

Eines ist uns nach dem Besuch in Edelsbach klar: Im Brückenbaumuseum liegt ein noch verborgener Schatz, der dank der neuen Betreiberin und der unermüdlichen (tatsächlich vorwiegend nachts arbeitenden) Sammlerin, Brückenbauerin und Museumsleiterin Theißl nun vermehrt Aufmerksamkeit erhalten soll.

Kategorie: Museumsforum
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