Veronika Eberhart, 9 is 1 and 10 is none, 2017, Film (22min, HD Stereo)

22. September 2017 / Marion Kirbis

Die Hexe als Symbol für weiblichen Widerstand

Neue Galerie mit BRUSEUM

Die steirische Künstlerin Veronika Eberhart beschäftigt sich im „studio“ der Neuen Galerie Graz mit der Figur der Hexe, an der sie die Verbindung von Körper, Sexualität und Kapitalismus deutlich macht. In ihrer Filmarbeit „9 is 1 and 10 is none“ folgt sie den Überlegungen der Philosophin Silvia Federici und übersetzt soziopolitische Veränderungen, feministische Fragestellungen und ökonomische Zwänge in ein komplexes Arrangement aus unterschiedlichen Medien.

Der Schauplatz von Veronika Eberharts Film 9 is 1 and 10 is none ist eine aufgelassene Holzwerkstatt in der südoststeirischen Grenzregion. In drei Kapiteln zeigen die Protagonisten und Protagonistinnen eine Choreografie, die sich aus Bewegungen zwischen Gesten von Arbeitsabläufen, kunsthistorischen Ikonografien und Tanz zusammensetzt. Die Künstlerin hat sich mit Hexenbildnissen in der Kunstgeschichte auseinandergesetzt. „Es ist nicht gleich erkennbar, aber die Bewegungen und Posen sind Interpretationen von Werken aus der Kunstgeschichte, in denen Hexen dargestellt wurden“, erklärt die Künstlerin.

Veronika Eberhart, 9 is 1 and 10 is none, 2017, Veronika Eberhart, 9 is 1 and 10 is none, 2017,
Film (22min, HD Stereo)

„Du mußt verstehn!
Aus Eins mach’ Zehn,
Und Zwei laß gehn,
Und Drei mach’ gleich,
So bist Du reich.
Verlier’ die Vier!
Aus Fünf und Sechs,
So sagt die Hex’,
Mach’ Sieben und Acht,
So ist’s vollbracht:
Und Neun ist Eins,
Und Zehn ist keins.
Das ist das Hexen-Einmal-Eins!“

Zu den poetischen Bildern, die Eberhart in ihrem Film inszeniert, kommt eine wuchtige Soundebene, die sich nicht als musikalische Untermalung, sondern als weitere Bedeutungsebene versteht. Eberhart, die selbst Drummerin ist, produzierte auf Werkzeugen und Maschinen in der Holzwerkstatt Töne – etwa mit einer Foliermaschine – und setzte sie gemeinsam mit den Kamerabewegungen ein. Die titelgebende Textstelle „9 is 1 and 10 is none“ – das Hexeneinmaleins aus Johann Wolfgang von Goethes Faust I – kommt ebenso vor wie Zitate aus dem Buch Caliban und die Hexe auf Slowenisch.

Ausstellungsansicht, Foto: UMJ/J.J. Kucek

Die italienisch-amerikanische Philosophin Silvia Federici zeichnet darin anhand der Figur der Hexe die Disziplinierung der Frau durch die Jahrhunderte nach und stellt diese in den Kontext kapitalistischer Vergesellschaftung. Sie sieht in der Hexenverfolgung eine organisierte Form der Unterwerfung des weiblichen Körpers zur Steigerung der Produktion sowie zur Kontrolle der Reproduktion (von Arbeitskraft) und damit einen strukturellen Mechanismus bei der Herausbildung und Durchsetzung des Kapitalismus. Für Federici waren es im Wesentlichen aber auch Frauen, die gegen die Disziplinierung des Körpers, die Funktionalisierung der Sexualität und gegen die Einhegung von gemeinschaftlich verwaltetem Land aufbegehrten. Die Figur der Hexe wird ihr somit zu einem Symbol für den Widerstand gegen die Ausbreitung des Kapitalismus und seiner Ausbeutungsformen. Eberhart greift diese Überlegungen auf und blendet den 12. Artikel der Menschenrechte zu Freiheitssphäre und Privatsphäre ein und hinterlegt den Film mit slowenischen Zitaten. Der Niedergang mittelständischer Betriebe oder das Aussterben des Handwerks klingen dabei ebenso an wie politische und ökonomische Grenzziehungen und ironische Referenzen auf die Kunst der Avantgarde.

Ausstellungsansicht mit Lichtdruck einer Zeichnung von Hans Baldung Grien, Foto: UMJ/J.J. Kucek

Veronika Eberhart übersetzte eine Zeichnung des Renaissance-Künstlers Hans Baldung Grien, die in der Ausstellung als Lichtdruck präsentiert wird, in eine abstrakte Raumplastik. Die Farbwahl der einzelnen Teile der Skulptur basiert auf den Farben von zentralen Elementen des Films.

Veronika Eberhart, Untitled (Raumplastik), 2017, Pulverbeschichteter Stahl

Veronika Eberhart (*1982 in Bad Radkersburg) studierte Performative Kunst an der Akademie der bildenden Künste in Wien. 2016 gewann sie das Ö1-Talentestipendium für bildende Kunst.

Das studio der Neuen Galerie Graz diente seit den 1990er-Jahren bis 2010 als Plattform für junge österreichische Künstler und Künstlerinnen, die nach Abschluss ihrer Ausbildung noch nicht voll im Kunstbetrieb etabliert waren bzw. am Anfang ihrer Karriere standen. 2017 wurde dieses wesentliche Instrument zur Förderung und Dokumentation junger Kunst im Joanneumsviertel wieder eingeführt.

Veronika Eberhart. 9 is 1 and 10 is none

Kategorie: Neue Galerie mit BRUSEUM
Schlagworte: Videokunst | studio


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