Peter Rosegger und die Wallfahrerei

Peter Rosegger war gläubiger Christ und zeit seines Lebens Katholik, wenngleich er auch nicht in allen Belangen mit der katholischen Kirche übereinstimmte. Er besuchte neben katholischen auch protestantische und altkatholische Gottesdienste, aber er konvertierte nicht. Das mag unter anderem an seiner Verehrung für die Muttergottes gelegen haben. 

Postkartenansicht von Mariazell mit Basilika, im Hintergrund Berge. Postkartenansicht von Mariazell mit Basilika, im Hintergrund Berge.

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Kindheitserinnerungen

In seiner Kindheit sah er in Maria seine Beschützerin. Er fühlte sich von ihr behütet, wenn er auf der Weide war und ein Unwetter aufzog oder wenn er sich im finsteren Wald befand, die Wölfe heulen hörte und auch wenn er zur Schule ging: „… mit Ihrem Beistand sind die feindlichen Legionen der vierundzwanzig Buchstaben und zehn Ziffern glücklich überwunden worden.“ 

Betende Menschen neben Heuschobern nach Mariazell gerichtet, Zeichnung von Peter Rosegger.

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Glück aus dem Unglück

Der Ursprung von Roseggers Marienverehrung geht vor allem auf ein „Beinahe-Unglück“ am Acker zurück, wo er als Kind fast von einer Egge getötet wurde. Sein Vater rief Maria um Beistand an, und das Unglück wurde abgewendet. Als Dank versprach der Vater, mit seinem geretteten Sohn eine Pilgerreise nach Mariazell zu unternehmen.  

Der kleine Peter war begeistert, denn seit er zum ersten Mal von diesem so besonderen Wallfahrtsort gehört hatte, zeichnete seine blühende Fantasie die schönsten Bilder von Mariazell. Und nun durfte er selbst dorthin reisen! Er konnte es kaum erwarten:

Gekrönte Maria in blauem Mantel sitzend, mit gekröntem Jesukind auf ihrem Schoß sitzend.

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„Maria Zell schien mir damals nicht allein als der Mittelpunkt aller Herrlichkeit der Erde, sondern auch als der Mittelpunkt des Gnadenreiches unserer lieben Frau. Und so oft wir nun nach jenem Gelöbnisse auf dem Felde oder im Walde arbeiteten, mußte mir mein Vater all das von Zell erzählen, was er wußte, und auch all das, was er nicht wußte. Und so entstand in mir eine Welt voll Sonnenglanz und goldener Zier, voll heiliger Bischöfe, Priester und Jungfrauen, voll musizierender Engel, und inmitten unter ewig lebendigen Rosen die Himmelskönigin Maria.“

Die erste Wallfahrt

Am Tag des hl. Michael, dem 29. September, brachen Peter und sein Vater zu ihrer mehrtägigen Reise auf, nachdem sie sich die Füße gegen die Kälte mit Unschlitt eingerieben hatten. Sie wanderten nach Krieglach und weiter in das Tal der Veitsch. Sie übernachteten im Stall eines Bauern, nahmen in der Veitscher Kirche an der Morgenmesse teil und zogen dann den Psalter betend weiter, Hut und Rosenkranz in der Hand. In Mariazell angekommen, rutschten sie dann auf Knien zum Gnadenbild. Diese Reise zu dem noch heute bedeutenden Marienwallfahrtsort war für Peter prägend.

Bis 1906 besuchte er Mariazell an die fünfzig Mal. Meist legte er den Weg zu Fuß zurück. Nach dem Ausbau der Bahnstrecke von St. Pölten bis Gusswerk gab er der Eisenbahn den Vorzug, wobei – typisch für Rosegger – seine Liebe zur Natur mit der Bequemlichkeit des Alters im Zwiespalt lag:

„In meiner Zweiseelenwirtschaft spielt sich’s so: das Poetenherz möchte hier Wildeinsamkeit, mein alter Körper wünscht die Eisenbahn. Und ich kann ihm nicht unrecht geben.“

 

Freude und Kritik

Auch andere Wallfahrtsorte besuchte er fleißig. Noch als Knabe pilgerte er nach Maria Schutz („Als ich das erstemal auf dem Dampfwagen saß“), Kindberg, Pernegg und Birkfeld. Als Erwachsener betete er an Marienwallfahrtsorten wie Mariatrost vorwiegend um Gesundheit für seine Mutter, seine erste Frau und andere Familienmitglieder – stets getragen von der Überzeugung, dass nicht die Anbetung des Marienbildnisses helfe, sondern jene „Maria“, die man in seinem Herzen trage.

Mit Kritik an manchen Wallfahrtspraktiken sparte er nicht: Er tadelte unter anderem alte Frauen, welche die Wallfahrerei zu einem Geschäft gemacht hatten. Sie sammelten bei Personen in der Umgebung, die selbst keine Gelegenheit für eine Wallfahrt zu bestimmten Orten hatten, Aufträge für „stellvertretende Wallfahrten“ – natürlich nicht zum Gotteslohn:

„Ein Vaterunser mit Ave Maria kostet drei Kreuzer, ein Rosenkranz zwanzig Kreuzer, eine lauretanische Litanei mit den dazugehörigen Gebeten zehn Kreuzer, ein Gelobt sei Jesus Christus wird als Draufgabe dazugethan. Höher im Preise steht ein Rutschen auf den Knien um den Altar, oder gar ein ausgestrecktes Liegen in Kreuzesform auf dem kalten Steinpflaster. – Warum Christus einst gerade nur jüdische Schacherer aus dem Tempel getrieben hat? Weil damals noch keine anderen drin waren.“