"Altwerden ist nichts für Feiglinge": Die 82-Jährige ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Stabsstelle Inklusion & Partizipation räumt mit Klischees auf. FOTO: Gitte Cerjak

17. Oktober 2018 / Elisabeth Eder

Vom Ruhe- in den Unruhestand

Museumseinblicke

Die 82-jährige ehrenamtliche Mitarbeiterin Rosemarie Kurz erzählt vom Altern, von Klischees und weshalb man mit 60 Jahren noch keine alte Frau ist.

Wie lange sind Sie schon als ehrenamtliche Mitarbeiterin beim Universalmuseum Joanneum tätig?
Seit circa einem halben Jahr. Da hat mich Angelika Vauti-Scheucher angesprochen.

Wieso sind Menschen, die sich – wie Sie – ehrenamtlich engagieren, so wichtig?
Durch meine bisherige Laufbahn weiß ich, was ehrenamtliche Arbeit bedeutet. Nämlich inwiefern man ehrenamtlich mitarbeitet und auch, wie man ehrenamtliche Mitarbeiter einbinden muss. Ehrenamtliche sind keine Angestellten, die zu einer gewissen Uhrzeit hier sind und danach nicht mehr, sondern Ehrenamtliche arbeiten für etwas und schenken Zeit. Ich sehe zum Beispiel die Veranstaltungsreihe „Unterwegs zur Kunst“ als Aufgabe und als Auftrag. Mein erster Gedanke in der Früh nach dem Aufstehen und abends vor dem Einschlafen dreht sich darum.

Weshalb spielt gerade das Thema Alter eine so wichtige Rolle in Ihrer nachberuflichen Laufbahn und besonders in der Stabsstelle Inklusion und Partizipation?
Die EU hat vorgesehen, dass man bis 74 im mittleren Alter ist – und das ist auch für mich richtig so. Es gibt so viele 100-Jährige. Mit 60 ist man heutzutage sicher keine alte Frau. Das war vielleicht im vorletzten Jahrhundert so. Dieses „Nichts-mehr-tun-Dürfen“ ist eine Belastung. Es ist eine echte Belastung. Plötzlich wird nichts mehr von einem gefordert. Und hier kommt unser Projekt „Unterwegs zur Kunst“ ins Spiel.

Wie sieht Ihre Arbeit bei „Unterwegs zur Kunst“ aus?
„Unterwegs zur Kunst“ ist mein erstes ehrenamtliches Engagement im Kulturbereich. Das Format ist ein offener Museumskreis, bei dem ich zum gemeinsamen Besichtigen und Besprechen von Ausstellungen in unterschiedlichen Standorten des Universalmuseums Joanneum einlade. Ich als Keyworkerin hole die Leute also quasi ab und bringe sie ins Museum. Ich bin sozusagen die Koordinatorin, ich spreche die Leute an, den fachlichen Input gibt das Museum.

Woher holen Sie sich die Motivation und die Energie für solche Projekte?
Die Kraft kommt mitgeliefert mit den Projekten und jeweiligen Unternehmungen. Ich kann mich begeistern für die unterschiedlichsten Lebenskreise und in der Auseinandersetzung mit den dazu passenden Personen schöpfe ich Kraft.

Wo beginnt für Sie Inklusion und Partizipation?
Das beginnt bereits bei der Sprache. Wörter wie „alt“, „älter“, „Senioren“, „Pensionisten“ werden eher als Diskriminierungen der nachberuflichen Gruppe aufgefasst. Alt und Senioren sind immer andere. Die Leute wollen nicht mit diesem Vokabular, das sie in eine Ecke der Ausgrenzung stellt, in Verbindung gebracht werden. In der heutigen Zeit liegt die Diskriminierung in einem ganz sensiblen Bereich und wird von Nicht-Betroffenen oft gar nicht als solche wahrgenommen. Vermeiden wir die Worte „noch“ und „so“, wie beispielsweise: „Sie sind ja noch so gut beisammen.“ Das ist ätzend!

Weshalb werden solche Ausdrücke als Beleidigung empfunden?
Weil Altern und das Alter in unserer Gesellschaft total negativ konnotiert sind. Man liest und hört ja auch nichts Positives, sondern von Pflegefällen und Krankheiten, Demenz oder Alzheimer. Das Wort „nachberuflich“ kann man hingegen verwenden. Das bedeutet, man hat die Zeit und die Möglichkeit zu wählen, ob man sich ehrenamtlich engagieren möchte, wie zum Beispiel im Joanneum, wenn es dafür das entsprechende Angebot gibt.

Wieso werden gerade nachberufliche Menschen durch dieses Projekt angesprochen?
Das Format „Unterwegs zur Kunst“ ist ein intergeneratives. Jeder ist willkommen und jeder kann kommen. Das Format spricht aber deshalb besonders die nachberufliche Generation an, weil diese Gruppe öfter auf der Suche nach sozialen Kontakten und auf der Suche nach sinnvoller und niveauvoller Freizeitgestaltung ist. Und das sieht man auch an den Teilnehmerzahlen – 35 sind es derzeit. Das soll uns einmal jemand nachmachen, jetzt im Sommer.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Altern um?
Altwerden und Altsein ist nichts für Feiglinge! Dieser Spruch kommt aus meiner eigenen Wortküche und ich versuche mutig zu sein und stelle mich dem Status quo. Wenn ich ohne Schmerzen bin und erfüllt von dem, was ich gerade tue, dann ist die Jahreszahl kein Thema für mich. Da ich wie andere Personen, die älter als 80 sind, diversen Abbau zu verkraften habe, werde ich von meinem Körper darauf hingewiesen, dass ich alt bin und die Zeit bis zum Sterben und Tod in greifbarer Nähe ist.

Was steht in Ihrer Freizeit am Programm?
Es scheint so, als hätten Menschen in ihrem nachberuflichen Leben nur Freizeit, aber alle Verrichtungen, die zum täglichen Leben gehören, sind quasi Arbeitszeit. Dazu gehören auch die eigene Versorgung inklusive Gesundheitsvorsorge wie tägliche Körperübungen und Arztbesuche, Arbeiten am Computer. Echte Freizeit bleibt da wenig und meine fülle ich mit gesellschaftlichen Tätigkeiten wie der Mitarbeit beim UMJ oder im Referat für Generationenfragen in der Österreichischen HochschülerInnenschaft. Dazu kommt Nachdenken über das, was mich täglich bewegt, auch in Verbindung mit Erlebnissen aus früheren Jahrzehnten. Daraus entsteht für mich Lebensweisheit.

Wie kam der Ball und Ihr Engagement im nachberuflichen Bereich ins Rollen?
Prinzipiell entstehen meine Projekte aus einer Selbstbetroffenheit. Denn was mir guttut, könnte auch anderen guttun. Seit ich denken kann, habe ich mich ehrenamtlich betätigt. In der Hauptschule gab ich meinen Mitschülern Nachhilfe in Mathematik und führte sie ins Schauspielhaus und in die Oper auf Stehplätzen. Dann begann ich in der Katholischen Jugend mitzuarbeiten und mit 20, als junge Lehrerin, nachdem ich ein Jahr als Hausgehilfin in England zugebracht hatte, bemühte ich mich, die englische Sprache auch außerhalb des Unterrichts weiterzugeben.

Mit einem Studium begann ich Mitte 40, da es für mich einen Ausgleich schaffte zum sehr schwierigen Leben im Alltag. Und da begann ich sofort einen Stammtisch für 40plus-Studierende einzurichten und auch einen Übungskurs für Osteoporose-Vorbeugung anzubieten. Da sich über Zeitungen sofort 500 Personen dafür anmeldeten, musste ich auch sofort einen Verein gründen, über den die Durchführung lief.

Das Altersthema begann mich zu interessieren, als mich ein Polizist wegen eines kleinen Vergehens mit meinem PKW anpöbelte und sagte: „Na, Oma. Was ham ma denn jetzt wieder angestellt!“ Ich war damals 50, und voll Wut habe ich dann den Slogan „50plus“ erfunden und in alle Welt mithilfe der Medien transportiert. Jetzt möchte ich mit „80plus und weiter“ dasselbe probieren, denn eine große Anzahl von 80plus-Personen führen ein unspektakuläres Leben, sind weder dement noch haben sie Alzheimer, noch benötigen sie Pflegegeld. Ich möchte uns 80-Jährige ins rechte Licht rücken.

Mehr Informationen zum Leben und dem herausragenden Engagement von Mag.a Dr.in Rosemarie Kurz finden Sie hier

Kategorie: Museumseinblicke
Schlagworte: Ehrenamt | Inklusion und Partizipation


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