Innerösterreichischer Hofkünstler (16. Jahrhundert), “Fortuna”, Stein, gefasst, Foto: UMJ/N. Lackner

30. August 2019 / Ulrich Becker

Tanz mit Fortuna

Alte Galerie

Hiermit präsentieren wir euch den nächsten Teil unserer Blogserie "Schritt für Schritt zu Tanz und Tod". Fortuna, die antike Glücksgöttin, erscheint als klassische Aktfigur mit einem hier flach herabfallenden Segel, in das jederzeit der unberechenbare Wind hineinstoßen kann. Die Grazer Statue war ursprünglich für eine Wandaufstellung gedacht, wie eine Eisenvorrichtung auf der Rückseite verrät.

Die launische Göttin des Glücks steht nicht nur für das gesteigerte Interesse der Frühen Neuzeit an der klassischen Mythologie und der daraus erwachsenen humanistischen Bildung. Sie symbolisiert nicht zuletzt auch die Gratwanderung einer ganzen Epoche, das Schwanken zwischen Glück und Unglück, Glanz und Elend. Einer Epoche, die fast ununterbrochen von Epidemien und Krieg heimgesucht wurde, war die Launenhaftigkeit des Glücks nur allzu sehr bewusst. Die in antikem Gewand vermittelte Botschaft allgegenwärtiger Gefahr steht über weite Strecken mit der christlichen Tradition in Einklang, wie einschlägige Bibelstellen vor Augen führen: Hiob verliert durch eine Reihe schwerer Schicksalsschläge nahezu alles, behält aber das Wichtigste – seinen Glauben. Daraus spricht eine Grundhaltung, die Hiob mit einer geistigen Hauptströmung des 17. Jahrhunderts gemeinsam hat, dem Stoizismus, der Gleichmut und klagloses Ertragen von Unglück lehrt.

Das Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lukas 12,13–21) skizziert ein Gegenbild: Dem allein nach irdischer Sicherheit strebenden Menschen wird der baldige Tod angekündigt, seine scheinbar kluge Vorsorge ist damit fruchtlos. Die Beschwörung der Macht Fortunas enthält aber auch die Aufforderung an den Menschen, ungeachtet aller Unsicherheit seine Chance beherzt zu nutzen, seines Glückes Schmied zu sein. Der Wahlspruch des innerösterreichischen Regenten Erzherzog Karl II. (1540–1590) lautete: „Audaces fortuna iuvat – den Tapferen hilft das Glück“, ein Appell an die Selbstbestimmung des Individuums, wie er in besonderem Maße dem Menschenbild der Frühen Neuzeit entsprach.

Kategorie: Alte Galerie
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