Befehlsausgabe im 30-jährigen Krieg (Sebastiaen Vrancx, 1573–1647), Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

30. Juli 2019 / Ulrich Becker

Schritt für Schritt zu “Tanz und Tod”

Alte Galerie

Meist verbinden wir die Jahrhunderte zwischen 1500 und 1800 mit der Pracht von Renaissance und Barock, doch hinter der glänzenden Fassade zeigt sich eine blutgetränkte Zeit endloser Kriege und bitterer Not. „Zwischen Tanz und Tod“ heißt die neu konzipierte Dauerausstellung in der Alten Galerie, die sich mit dem Doppelgesicht dieser Epoche befasst. Um euch diese Ausstellung und die faszinierenden Facetten der Frühen Neuzeit näherzubringen, starten wir ab heute eine Blogserie, "Schritt für Schritt zu "Tanz und Tod"" die euch ausgewählte Werke dieser Schau vorstellt.

Zu den Leihgaben, die seit diesem Frühjahr die Schausammlung der Alten Galerie bereichern, gehört ein kostbares Gemälde des flämischen Künstlers Sebastiaen Vrancx, der zu den wichtigen Zeugen einer dramatischen Epoche gehört. Das in steirischem Privatbesitz befindliche Werk stellt aufgrund seiner hohen Qualität und des vorzüglichen Erhaltungszustandes eine ideale Ergänzung des Eggenberger Universums dar. Das Werk ist in der Ausstellung im Bereich Der endlose Krieg zu sehen.

Lagebesprechung in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges: Ein Trupp von Reitern hat sich um seinen Anführer geschart, um dessen Befehle entgegenzunehmen. Zusammen mit den im Bild verstreuten, am Wege rastenden Infanteristen bilden sie eher eine lockere, informelle Gruppe denn eine strenge Formation. Der Krieg scheint fern, doch zeigen eigens postierte Soldaten an, dass Wachsamkeit geboten ist. Auch besteht kein Zweifel daran, dass der befehlshabende Offizier uneingeschränkte Autorität genießt, wie das weiße Streitross sowie die zentrale Position im Bild anzeigen.

Der Umstand, dass der Kommandeur an seine Soldaten das Wort richtet, knüpft an die antike Tradition der adlocutio an, der anspornenden Rede des Feldherrn an die versammelten Truppen. Deutlich wird, dass zum Berufsbild des frühneuzeitlichen Militärs nicht nur körperlicher Einsatz, sondern auch rationales Kalkül sowie die Fähigkeit gehören, sich mit den Untergebenen rechtzeitig abzustimmen. Gemäß dem humanistischen Bildungswissen der Zeit lassen sich diese Verhaltensmuster auf die antiken Gottheiten Mars und Minerva übertragen: Während Mars für die Tugend der Tapferkeit, fortitudo, steht, repräsentiert Minerva Klugheit und Voraussicht, prudentia, vor allem dann, wenn es gilt, taktische Vorteile zu nutzen und die günstige Gelegenheit, den kairos, zu ergreifen.

Ausstellungsansicht “Zwischen Tanz und Tod”, Foto: UMJ/N. Lackner

Der Antwerpener Maler Sebastiaen Vrancx ist zusammen mit seinem Landsmann Pieter Snaeyers ein Hauptvertreter des Militärgenres in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Beide Künstler zeichnen sich durch eine typisch flämische, überaus figuren- wie detailreiche Erzählweise aus, die in der Tradition des „Wimmelbildes“ steht, wie es schon Pieter Bruegel der Ältere und seine Nachkommen gepflegt haben. Während Snaeyers mit seinen großformatigen, kartografisch aufgefassten Schlachtenpanoramen im Dienst der Habsburger berühmt geworden ist, nimmt Vrancx, der auch Hauptmann der Antwerpener Bürgerwehr war, regelmäßig die inoffizielle Seite des Krieges mit all ihren Brutalitäten in den Blick: eine wahrhafte Bildenzyklopädie des Schreckens und damit ein Spiegel des Zeitalters.

Kategorie: Alte Galerie
Schlagworte: Kulturhistorische Sammlung | Tanz und Tod


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