14. September 2016 / Karin Leitner-Ruhe

Die wissenschaftliche Tierdarstellung, Wunder Tier Teil 11

Alte Galerie

Wieder gibt es Neuigkeiten in der Alten Galerie: Wie im Blog bereits angekündigt, wurde nun ein weiteres Mal der Inhalt der Graphikvitrine in der Schausammlung ausgetauscht. Das „Wunder Tier“ steht nach wie vor im Mittelpunkt, und passend zum Schulbeginn widmen sich die nun präsentierten Kunstwerke einem lehrreichen Thema, der wissenschaftlichen Tierdarstellung.

Mit dem Beginn der Neuzeit um 1500 richteten die Menschen ihre Aufmerksam stärker auf das Diesseits. Damit waren humanistische Studien, Naturbeobachtung und ein neuer Forschergeist verbunden. Die Graphik stellte dafür das ideale Medium dar, dokumentierte sie doch die Entdeckungen fremder Länder und Kontinente inklusive deren Fauna und Flora.
Die Wissenschaftler der Renaissance interpretierten hauptsächlich antike Schriften. Der Beginn eines wissenschaftlichen Stils bei Tier- und Pflanzendarstellungen ging erstaunlicherweise von Künstlerpersönlichkeiten wie Leonardo da Vinci (1452–1519) oder Albrecht Dürer (1471–1528) aus. So ist auch die Zeichnung zweier Wasserfrösche in der Art des Nürnberger Malers zu verstehen. Sie stammt von einem unbekannten deutschen Künstler um 1600.

Deutsch, um 1600, Zwei Wasserfrösche, Aquarell, 3,1 x 3,8 cm, Alte Galerie, Inv.-Nr. HZ 258, Foto: UMJ

Deutsch, um 1600, Zwei Wasserfrösche, Aquarell, 3,1 x 3,8 cm, Alte Galerie, Inv.-Nr. HZ 258, Foto: UMJ

Kunstvolle Naturdokumentation

Das Interesse an enzyklopädischem Wissen setzte sich im 17. Jahrhundert fort. Naturwissenschaftliche Dokumentation und künstlerische Darstellung von Tieren und anderen Naturalien lagen eng beieinander. Wenzel Hollar (1607–1677), einer der bedeutendsten Kupferstecher seiner Zeit, ging es stets um die wirklichkeitsgetreue Schilderung und Charakterisierung von Naturformen und Materialstrukturen. Dies beweisen auch zwei Blätter aus seiner zwölfteiligen Serie Muscarum Scarabeorum, die zoologisch identifizierbare Insekten zeigen: So sind bei der Abbildung der Schmetterlinge in der Mitte übereinander ein Schwalbenschwanz und ein Schwarzer Bär zu sehen; links davon möglicherweise ein Brauner Waldvogel sowie das Weibchen eines Braunen Feuerfalters; und rechts könnten ein Spanner und ein C-Falter dargestellt sein.

Wenzel Hollar (1607–1677), Schmetterlinge, Motten, Käfer, Raupen und Schnecke, Aus der Serie: Muscarum Scarabeorum, Antwerpen 1646, Radierung, Alte Galerie, Inv.-Nr. AG.K. 8630 und 8632, Foto: UMJ

Wenzel Hollar (1607–1677), Schmetterlinge, Motten, Käfer, Raupen und Schnecke, Aus der Serie: Muscarum Scarabeorum, Antwerpen 1646, Radierung, Alte Galerie, Inv.-Nr. AG.K. 8630 und 8632, Foto: UMJ

Beim Blatt der Raupen und Larven sind unter der Larve einer Schnake auch eine Schnecke und eine Bärenspinner-Raupe zu sehen, darunter eine Wolfsmilchschwärmer-Raupe sowie links unten die Raupe eines Brombeerspinners oder eine Bärenspinner-Raupe.*

Wenzel Hollar (1607–1677), Schmetterlinge, Motten, Käfer, Raupen und Schnecke, Aus der Serie: Muscarum Scarabeorum, Antwerpen 1646, Radierung, Alte Galerie, Inv.-Nr. AG.K. 8630 und 8632, Foto: UMJ

Wenzel Hollar (1607–1677), Schmetterlinge, Motten, Käfer, Raupen und Schnecke, Aus der Serie: Muscarum Scarabeorum, Antwerpen 1646, Radierung, Alte Galerie, Inv.-Nr. AG.K. 8630 und 8632, Foto: UMJ

Und zum Schluss kommt das Beste: Mit unserem abschließenden Blogbeitrag können wir das nächste Mal auf eine neue Zuschreibung hinweisen, die sich im Zuge der Vorbereitungen zum Tierschwerpunkt in der Alten Galerie ergeben hat!

 

*Für die Bestimmung der Tiere danke ich herzlich meiner Kollegin Dr. Ulrike Hausl-Hofstätter, Zoologie, Universalmuseum Joanneum.

Kategorie: Alte Galerie
Schlagworte: Tiere im Museum | Wunder Tier


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