Otto Beckmann: Ausstellung widmet sich dem Pionier der Computerkunst

Mit der Ausstellung „Autopoeme“ zeigt die Neue Galerie Graz Arbeiten des Künstlers Otto Beckmann

 

Graz, 04.11.2026

 

 

Otto Beckmann (1908–1997), Pionier der Computerkunst, entwickelte bereits in seinem Frühwerk erste Gedanken zur künstlerischen Formgebung auf Basis mathematischer Methoden, wobei sein Hauptaugenmerk auf der praktischen Anwendung von Algorithmen lag. Mitte der 1960er-Jahre entdeckte Beckmann im Kontext einer internationalen Bewegung, die von Wissenschaftler*innen und Künstler*innen gebildet wurde, den Computer als künstlerisches Werkzeug. Die Ausstellung in der Neuen Galerie Graz, die in Zusammenarbeit mit dem Archiv Otto Beckmann entstanden ist, widmet sich Beckmanns Auseinandersetzung mit Computerdichtung und gibt einen ergänzenden Überblick über sein bildnerisches Werk, das Computergrafiken und -plastiken, Fotomontagen sowie filmische Arbeiten umfasst. So zeigt die Ausstellung den Film Serielle Bilder (1967), der mit Computergedichten und Musik gestaltet wurde.

Irene Beckmann (Archiv Otto Beckmann, Enkelin des Künstlers) und Kurator Peter Peer in der Ausstellung "Autopoeme", die sich dem Computerkunstpionier widmet, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J.Kucek

Basierend auf der Erkenntnis, dass Rechenanlagen nicht nur für mathematische und technische Aufgaben, sondern auch zur Texterzeugung verwendet werden können, entstanden bereits in den 1950er-Jahren erste computergenerierte Texte. Forschung und technische Entwicklungen ermöglichten den Eingang von computergestützter Textverarbeitung in verschiedene Bereiche des öffentlichen Lebens und der Wissenschaften. Zugleich wurden auch die Möglichkeiten des Computers zur Erzeugung kreativer sprachkünstlerischer Arbeiten ausgelotet.

 

Ab 1966 entwickelte Otto Beckmann unter dem Titel Verbale Blockmontagen bzw. Wortfiguren computerbasierte Lyrik, die unter Verwendung von sogenannten Autopoemen entstand. Es war der Sprachwissenschaftler Gerhard Stickel, der diese am deutschen Rechenzentrum in Darmstadt als Nebenprodukt seiner Tätigkeit generierte und mit dem Beckmann schließlich Kontakt aufnahm. 

Stickel leitete eine Fachgruppe, deren Aufgabe die Entwicklung der computergestützten Textverarbeitung zum Einsatz für die Geisteswissenschaften war. Die formal an Gedichte angelehnten Autopoeme entstanden dabei als spontanes Experiment im Rahmen dieser Institutstätigkeit.

Auch wenn eine engere Zusammenarbeit zwischen Beckmann und dem Rechenzentrum aufgrund der institutionellen Strukturen nicht möglich war, stellte Gerhard Stickel einige der Autopoeme Otto Beckmann zur künstlerischen Bearbeitung zur Verfügung. Beckmann setzte diese zu neuen Gedichten, den Verbalen Blockmontagen oder Wortfiguren, zusammen. Seine handschriftlichen Notizen auf den Autopoemen geben Aufschluss über den Entstehungsprozess der Blockmontagen.

Über die Arbeiten von Otto BEckmann begibt man sich quasi zu den Anfängen der computerbasierten Textgenerierung, die heute alle Lebensbereiche durchdringt, Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Intuitive Montage, inspiriert von zeitgenössischer Literatur
Die intuitive Montage der computergenerierten Texte, die methodisch an die Wortcollagen des Surrealismus der Zwischenkriegszeit anknüpften, von dem Beckmann wesentlich geprägt war, wurde eventuell auch von zeitgenössischer Literatur inspiriert, wie etwa von Werken der Konkreten Poesie.

Direkte Verbindungen zwischen der digitalen Poesie und der Konkreten Poesie sind belegbar: Die Kreation von Texten nach genau vorgegebenen Regeln war in den 1960er-Jahren gängig. Ziel war es immer, Sprache an sich zu analysieren und die Texte von der Subjektivität der Autorenschaft zu befreien.

 

Ein bedeutender Vordenker der computerbasierten Sprachanalyse war der Philosoph Max Bense, der sich mit den logischen Prozessen innerhalb der Sprache auseinandersetze und seit den 1950er-Jahren eine „Ästhetik des poetischen Automaten“ entwickelte. Gerhard Stickel war mit den Forschungen von Bense und seinem Schüler*innenkreis in Stuttgart, wo Bense seit 1949 an der Technischen Hochschule lehrte, bestens vertraut. Stuttgart wurde in weiterer Folge auch zu einem Sammelbecken für die Konkrete Poesie, die in den 1950er- und 1960er-Jahren noch weitgehend unverstanden war. Dabei spielte die sogenannte Stuttgarter Gruppe eine zentrale Rolle. Über sie erhielten Ernst Jandl und Friederike Mayröcker erste Möglichkeiten, ihre Texte zu publizieren. In Österreich fand die deutschsprachige Literaturavantgarde in der von Alfred Kolleritsch ins Leben gerufenen Zeitschrift manuskripte ihr Forum. Die Ausgabe Nr. 13 (März 1965) war der Stuttgarter Gruppe sowie der Konkreten und experimentellen Poesie gewidmet und enthielt u. a. Beiträge von Max Bense, Ernst Jandl, Eugen Gomringer und Friederike Mayröcker. Jandl und Mayröcker standen auch der Wiener Gruppe mit Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener und Erna Wobik sowie bildenden Künstlern wie Marc Adrian, der sich ebenso mit Textarbeiten beschäftigte, nahe. So sind die Verbindungen zwischen der computergestützten Sprachwissenschaft und der österreichischen Literaturavantgarde spätestens ab Mitte der 1960er-Jahre belegt.

 

Inwieweit Beckmann bei seinen lyrischen Experimenten auf die Literatur seiner Zeit referenzierte, ist nicht eindeutig geklärt, seine direkten bzw. indirekten Verbindungen zu deren Vertreter*innen allerdings nachweisbar. Eine weitere Inspirationsquelle für Beckman könnte auch die Lyrik von Walter Buchebner dargestellt haben, mit dem Beckmann nicht nur freundschaftlich verbunden war, sondern auch einen Austausch in künstlerischen Fragen pflegte.

Bereits 1966 arbeitete Otto Beckmann an "Imaginären Architekturen". Er meinte damit Visionen von architektonischen Formen, die nur künstlerischen Gesichtspunkten folgten, Foto: Universalmusem Joanneum/J.J.Kucek

Über den Künstler
Otto Beckmann wurde 1908 in Wladiwostok (Russland) geboren. 1922 kam er nach Österreich, wo er 1925 die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt. Nach technischen Ausbildungen und dem Studium der Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien war er Anfang der 1940er-Jahre als Lehrer in der Abteilung für Metallurgie an der Kunstgewerbeschule in Krakau tätig. Ab 1945 arbeitete er als freischaffender Künstler in Wien. Sein vielseitiges Werk umfasst Plastiken, Grafiken, Emailarbeiten, Fotografien, Filme, Lyrik und Prosa und zählt im Kontext der Neuen Tendenzen zur internationalen Avantgarde der 1960er- und 1970er-Jahre. Beckmann starb 1997 in Wien.

 

Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Archiv Otto Beckmann und zeigt Arbeiten aus Privatbesitz sowie aus der Sammlung der Neuen Galerie Graz.

 

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Otto Beckmann. Autopoeme
Eröffnung: 05.11.2026, 19 Uhr
Laufzeit: 06.11.2026–07.02.2027
Kuratiert von Peter Peer   
Neue Galerie Graz
www.neuegaleriegraz.at

 

Ausstellungsansichten zum Download finden Sie unter folgendem Link:
OTTO BECKMANN. AUTOPOEME

 

 

 

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