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"Falling up": Eine Verschiebung der Wahrnehmung und ein Gefühl von Entgrenzung und Schwebezustand

 

Graz, 21.10.2026

 

 

Seit geraumer Zeit erforscht die Künstlerin Eva Schlegel, wie Wahrnehmung und Immaterialität unsere Beziehung zum Raum prägen. Die Frage nach dem Wesen des Raums gehört zu den klassischen Grundfragen der Philosophie und der Physik. Wie Raum gedacht, wahrgenommen und erfahren wird, beschäftigt darüber hinaus zahlreiche kulturwissenschaftliche Raumtheorien. Aus welcher Richtung man sich dem Raum auch nähert, er bleibt ein Phänomen, das den Menschen gleichermaßen fasziniert wie herausfordert. Diese unterschiedlichen Perspektiven bilden den Ausgangspunkt von Eva Schlegels Kunstschaffen. In ihrer vielseitigen künstlerischen Praxis, die Skulptur, Fotografie, Video, Bildobjekte und Augmented Reality umfasst, schafft sie Momente der Des- und Neuorientierung und überführt sie in räumliche Erfahrungen. Unschärfe, Reflexion und Materialität dienen ihr dabei als Mittel, um gewohnte Wahrnehmungsmuster aufzubrechen und die scheinbar festen Grenzen des Raums aufzuheben.

Künstlerin Eva Schlegel und Kuratorin Katia Huemer (v.l.), im Hintergrund die rotierende Spiegelskulptur "Floating orbit", auf die die Besucher*innen gleich zu Beginn der Ausstellung treffen, Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek © Bildrecht, Wien 2026

Der Verlust von Orientierung angesichts weitgreifender globaler Krisen zählt zu den vorherrschenden Erfahrungen der Gegenwart. Die Ausstellung Falling up greift dieses Empfinden auf und setzt ihm eine andere Sichtweise entgegen. Der paradoxe Titel – „nach oben Fallen“ – stellt die Gesetzmäßigkeiten der Schwerkraft infrage und eröffnet zugleich die Möglichkeit, Desorientierung nicht ausschließlich als Bedrohung, sondern auch als Perspektivenwechsel zu begreifen.

 

Bereits am Beginn der Ausstellung führt die langsam rotierende Spiegelskulptur Floating orbit in dieses Spannungsfeld ein. Die hochglanzpolierten Stahlringe fragmentieren den Raum und erweitern ihn gleichzeitig, ohne den Betrachtenden ihr gewohntes Spiegelbild zurückzuwerfen. Statt Selbstvergewisserung entsteht Irritation. Ein eigens für das Kunsthaus Graz entwickeltes Sitzobjekt setzt die Auseinandersetzung mit der Auflösung des Raums fort. Die verspiegelte, wolkenartige Sitzlandschaft lässt Architektur, Kunstwerke und Besucher*innen ineinander übergehen und vermittelt ein Gefühl von Entgrenzung und Schwebezustand.
„Die Ausstellung ist insgesamt eine Zusammenschau unterschiedlicher Werkgruppen, die Eva Schlegel über längere Zeit entwickelt und immer wieder weiterführt, und von Arbeiten, die neue Aspekte ihrer Auseinandersetzung mit Raum sichtbar machen“, so die Kuratorin der Ausstellung Katia Huemer.

Die Ausstellung ist eine Zusammenschau aus unterschiedlichen Werkgruppen, die Eva Schlegel über längere Zeit entwickelt hat, Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek © Bildrecht, Wien 2026

Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek © Bildrecht Wien, 2026

Wahrnehmungsmunster und die Möglichkeit sie zu durchbrechen 
Eine Verschiebung der Wahrnehmung vermittelt sich auch in den Videoarbeiten der Ausstellung. See the invisible verwandelt die markante Fensteröffnung des Space01 in das Bullauge eines Raumschiffs. Die von Kunsthaus-Graz-Architekt Peter Cook liebevoll „Nasty Nozzle“ genannte Öffnung gewährt für gewöhnlich den Blick auf den Grazer Uhrturm. Bei Eva Schlegel wird sie zum Fenster ins Weltall, von dem aus sich der Kosmos mit wissenschaftlicher Präzision und Imagination erkunden lässt. In between lässt Zitate von Astronauten und Aufnahmen schwebender Körper auf zwei riesigen Rotoren erscheinen. Die rotierenden Projektionsflächen bringen auch Bilder und Buchstaben zum Schweben und verbinden die visuelle Bewegung mit den Motiven der Schwerelosigkeit.

 

Ein weiteres zentrales Stilmittel in Eva Schlegels Kunst ist die Unschärfe. Die Serie Liminal spaces – Schwellenräume – zeigt verschwommene Architekturen, die weniger konkrete Orte als Übergangszustände darstellen. Zwischenräume, die weder hier noch dort sind und damit Fragen nach Zugehörigkeit, Orientierung und Wahrnehmung aufwerfen. Das Prinzip der Unschärfe setzt sich auch in Schlegels Arbeiten mit Spiegeln und Texten fort, die eingeübte Erwartungen an Sichtbarkeit gezielt unterlaufen.

 

In der abstrakten Videoarbeit Dance of chance, die auf Alan Turings Theorie biologischer Musterbildung basiert, entstehen Formen und Strukturen aus scheinbar zufälligen Prozessen. Wie der Titel andeutet, versteht die Künstlerin Veränderung nicht als Störung, sondern als produktive Kraft und Voraussetzung für neue Ordnungen. Die Arbeit fügt sich damit in Eva Schlegels grundlegendes Interesse an Übergangszuständen ein.

 

Den buchstäblichen Schlusspunkt der Ausstellung bildet die monumentale Installation Bubbles aus Wetterballons, die den gewohnten Rundgang unterbricht und die Besucher*innen zwingt, ihre Richtung zu ändern. Die zugleich massive wie fragile Barriere macht den Verlust vertrauter Orientierung physisch erfahrbar und verweist zugleich auf die Erforschung unsichtbarer Phänomene unserer Atmosphäre, für die Wetterballons üblicherweise eingesetzt werden.

 

Falling up regt dazu an, Raum als etwas Dynamisches und Subjektives zu begreifen. Eva Schlegel zeigt, dass unsere Wahrnehmung Momente kennt, in denen wir nach oben fallen, obwohl uns die Schwerkraft unablässig an die Erde bindet. Gerade der Verlust vertrauter Orientierung eröffnet dabei die Möglichkeit, Raum und die eigene physische Position neu zu entdecken.

Das Video "Dance of chance" zeigt immer wieder neue Munster, dahinter steckt das Modell des britischen Mathematikers Alan Turing, Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek © Bildrecht, Wien 2026

Zur Künstlerin
Eva Schlegel (*1960 in Hall in Tirol, lebt und arbeitet in Wien), ausgezeichnet mit dem Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, zählt zu den wichtigsten Stimmen der österreichischen Gegenwartskunst. Ihre internationale Anerkennung zeigt sich auch in ihrer Rolle bei der Biennale von Venedig: 1995 vertrat sie Österreich mit eigenen Arbeiten, 2011 kuratierte sie den österreichischen Pavillon, den Markus Schinwald künstlerisch bespielte. Von 1997 bis 2006 lehrte sie an der Akademie der bildenden Künste in Wien und gab ihre Auseinandersetzung mit Wahrnehmung und Raum an Studierende weiter.

 

Auftakt der Veranstaltungsreihe „Horizons of Perception“
Am 28. Oktober findet der Auftakt zur Veranstaltungsreihe „Horizons of Perception“ statt, die fortan einmal monatlich bis Ende 2027 umgesetzt wird und dazu einladen soll unterschiedliche Denkhorizonte zu durchqueren.
In Vorträgen und Diskussionen treffen Kunst auf Philosophie und Physik, Verbindungen zwischen scheinbar weit voneinander entfernten Perspektiven werden erforscht und unsere Art die Welt wahrzunehmen, wird hinterfragt.

 

 

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EVA SCHLEGEL
Falling up

Kunsthaus Graz, Needle
Eröffnung: 22.10.2026, 18 Uhr, mit einer performativen Lesung von Ferdinand Schmatz  

Laufzeit: 23.10.2026–29.03.2027
Kuratiert von Katia Huemer
www.kunsthausgraz.at

 

BILDMATERIAL zum DOWNLOAD finden Sie unter folgendem Link: EVA SCHLEGEL. Falling up
 

28.10.2026, 17 Uhr, Liminality/Borders
Mit: Künstlerin Eva Schlegel, Axel Maas (Institut für Physik), Sonja Rinofner-Kreidl (Institut für Philosophie), moderiert von Kuratorin Katia Huemer.
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25.11.2026, 17 Uhr, Perspective
Mit: Julian Blunk (Institut für Kunst- und Musikwissenschaft, Universität Graz), Christian Fischer (Universität Gießen), Valerie Messini (Architektin, Wien), moderiert von Kuratorin Katia Huemer
MEHR INFO

 

Die Reihe entsteht in Zusammenarbeit mit der Universität Graz – dem Institut für Philosophie, dem Institut für Physik – und dem interdisziplinären Forschungsschwerpunkt Wahrnehmung: Episteme, Ästhetik, Politik an der Philosophischen Fakultät


 

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Mit herzlichen Grüßen

 

Daniela Teuschler
+43/664/8017 9214, daniela.teuschler@museum-joanneum.at

Stephanie Liebmann
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