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Graz, 19.03.2026
Die Blume wird begehrt, geliebt und gehandelt. Sie gilt als Zeichen des Friedens, der Fragilität des Lebens und der Aufklärung. Diese vielschichtigen Bedeutungen nehmendas Universalmuseum Joanneum und das Kunsthaus Graz zum Anlass, um im Jahr 2026 ein breites Spektrum rund um die Blume zu präsentieren. Insgesamt werden bis November 10 Ausstellungen und ein vielfältiges Programm angeboten. Den Auftakt macht das Kunsthaus Graz pünktlich zu Frühlingsbeginn mit einer Doppeleröffnung: Gezeigt werden die Gruppenausstellung 30 % Löwenzahn und Hybrid Pleasures. Helen Chadwick Supported by Liesl Raff.
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Das Kunsthaus Graz zeigt gleich zwei Ausstellungen rund um die Blume. Im Space02 die Gruppenausstellung "30 % Löwenzahn". Der Titel verweist auf unser Verwandtschaftverhältnis zu Pflanzen, Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek
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Unser enges Verwandtschaftsverhältnis zur Blume
Mit der Ausstellung 30 % Löwenzahn präsentiert das Kunsthaus Graz vom Foyer bis zum Dach eine eng verwobene Schau: Kultur- und naturhistorische Objekte aus den Sammlungen des Universalmuseums Joanneum, des Franz-Nabl-Instituts und von verschiedenen Privatleihgeber*innen treten in Dialog mit mehr als 30 zeitgenössischen Positionen. Der Titel 30 % Löwenzahn ist das Leitmotiv der Ausstellung und geht auf eine Aussage der wegweisenden Bio-Art-Künstlerin Suzanne Anker zurück: Blumen seien zu einem Drittel mit uns verwandt. Im Zusammenspiel mit Emily Dickinsons Gedicht Bloom und ihrer darin formulierten Forderung nach Respekt gegenüber der großen Verantwortung der Blume entsteht die Einladung, aus dieser inneren Verbundenheit heraus offen, widerständig und zugleich bescheiden zu lernen.
Die Ausstellung plädiert für eine neue Form poröser Aufmerksamkeit – eine Haltung, die auf das abgestimmt ist, was langsam wächst, Zeit braucht und Gemeinschaft bildet.
Eine vielstimmige Auseinandersetzung mit unserer Zeit Angesichts ökologischer Krisen, kolonialer Nachwirkungen und digitaler Beschleunigung ist es umso dringlicher, das Schöne als erkenntnisstiftende Kraft ernst zu nehmen. Viele Arbeiten der Ausstellung fordern dafür einen Perspektivenwechsel:
So lädt Anna Ridlers Medieninstallation Circadian Bloom die Besucher*innen ein, in die Eigenzeit der Blume einzutreten: Ihre „Blumenuhr“ macht Zeit als relatives Gefüge erfahrbar, in dem sich Blüten präzise – und doch individuell – im Rhythmus von Sonne und Erde öffnen und schließen. Einen Perspektivenwechsel fordert Thomas Stimms überdimensionaler Löwenzahn ab 1. April am Grazer Bahnhofsvorplatz sowie mit seiner Knospe im Kunsthaus, wo die sonst übersehene Pflanze auf Augenhöhe tritt. Im Umgang mit Blumen sind pflanzliche und symbolische Widerstandskraft eng verwoben: Sanja Iveković bringt Revolutionslieder in den Travelator des Kunsthauses, Anna Jermolaewa zeigt in The Penultimate, wie Volkswiderstand die Blume als Bild persönlicher Verletzlichkeit nutzt und beharrlich friedliche Lösungen einfordert.
In den Arbeiten von Iris Andraschek, Agnieszka Polska sowie Viltė Bražiūnaitė & Tomas Sinkevičius erheben die Blumen selbst ihre Stimme: als fühlende Gegenüber, die sich Zuschreibungen widersetzen und vor ökologischer Ausbeutung warnen. Wie Blumen auch mit globaler Extraktion und Identitätsüberformung verknüpft sind, zeigt Sonya Schönberger am Beispiel des Rosenhandels. Joiri Minaya verfolgt kolonial-botanische Verflechtungen – von Stereotypen des „Tropischen“ und „exotisch Weiblichen“ als Narrativen der Selbstermächtigung.
Eine solche Kraft zeigt auch Neja Tomšič: Sie forscht zu slowenischen Arbeitsmigrantinnen in Alexandria, die neben ihrer Tätigkeit als Ammen eigene Gärten anlegten – als Räume kultureller Erinnerung und Selbstbehauptung.
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Zeitgenössische Positionen und Leihgaben aus den Sammlungen des Universalmuseums Joanneum als auch von privaten Leihgeber*innen sind zu sehen. Die Pflanzensammlung von Wolfram Hannig (1923–2009) ist das Ergebnis jahrzehntelanger Reisen und einer sehr persönlichen wie aufwendigen Sammelpraxis, Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek
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Ein Fokus der Gruppenausstellung liegt auf der produktiven Zusammenarbeit mit Pflanzen. Als wachsende Sammlung emotionaler Beziehungen zu Blumen ruft Regula Dettwiler Besucher*innen dazu auf, eigene getrocknete Blumen ins Herbarium der Gefühle zu bringen. Das Projekt erfährt im Kunsthaus Graz seine zweite Auflage, 2025/2026 wurde es bereits in der Landesgalerie Niederösterreich umgesetzt.
Die Arbeit im Garten und mit Blumen lässt in einen Kosmos eintauchen, in der Wissenschaft, Kultur und Natur im hybriden Raum von tröstender Metamorphose und Naturphilosophie zusammenkommen. Das zeigen Objekte und Arbeiten wie jene der gärtnernden Schriftstellerin Barbara Frischmuth, der Film über den Gartenphilosophen Alan Chadwick oder Fotoarbeiten der blumenliebenden Fotografin Elfie Semotan.
Markus Jeschaunig schafft im Rahmen der Ausstellung – und darüber hinaus – einen kleinen Schatten- und Kühlgarten auf der Dachterrasse des Eisernen Hauses als Prototyp klimagewappneter Stadtarchitektur. Nina Schuiki tritt unterstützend in Dialog mit der Architektur, indem sie aus der Heilpflanze Alant, angepflanzt im Österreichischen Freilichtmuseum Stübing, einen Duft extrahiert und durch die Lüftung des Museums ziehen lässt. Ryts Monet faltet Bouquets aus Banknoten und schafft so eine unerwartete Währungsunion revolutionärer Staaten. Wie sehr Kultur und Natur durch unsichtbare Energien verbunden sind und der Mensch darin Heilungs- und Schutzrituale schafft, zeigt sich in Alois Neuholds Bilderschichtungen ebenso wie in Anita Fuchs’ wilden Ghillie Suits: ein wehrhaftes Paar Tarnanzüge aus ihrer renaturierten Wiese beim MuseumsQuartier (Wien), das darauf wartet, für Biodiversität angezogen zu werden.
In Andrea Bowers Chandeliers of Interconnectedness bekommt das Motiv der Natur-Kultur-Verbundenheit eine queer-feministische Dimension und beschwört wie die 180 Millionen Jahre alte Seelilie – ein versteinertes, blumenähnliches Tier – das grundsätzlich Hybride. Zyklisch zur Bedeutung von Zeit führen Suzanne Ankers Skulpturen When Crystals Spawn Flowers, die von überzogenen Hoffnungen eines ewig blühenden Lebens im Schutz der Technologie handeln. Als respektvolle Alternative verabschiedet Jonas Mekas das Publikum in seinem bildgewaltigen Requiem aus der Ausstellung: Mit seinem letzten künstlerischen Werk schickt er einen feierlichen, demütigen und gloriosen Dank – sein Lob der Erde.
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Schokolade, Blut, Latex, Fleisch und Blumen: Helen Chadwick und Liesl Raff
Hybrid Pleasures ist die erste umfassende Retrospektive der wegweisenden britischen Künstlerin Helen Chadwick (1953–1996) seit 25 Jahren in Österreich. Durch die Einladung an die in Wien lebende Bildhauerin Liesl Raff (* 1979), die Ausstellung zu ergänzen, wird Hybrid Pleasures auch zu einem generationsübergreifenden künstlerischen Dialog über die anhaltende Bedeutung sinnlicher Erfahrung und die grundlegende Verbundenheit von Natur und Körper. Die Blume und das Pflanzliche dienen dabei als Metapher für diese Verbindung und hinterfragen Konstruktionen des Weiblichen.
Helen Chadwicks bildgewaltige Arbeiten aus Blumen, flüssiger Schokolade oder Fleisch zählen zu den visionärsten feministischen Positionen in der Auseinandersetzung mit den Grenzen des Körpers. Ihr spielerischer Witz, ihre Präzision und Recherche widersetzen sich gesellschaftlichen Stereotypen. Weit ihrer Zeit voraus zeigt sich eine Verwebung von Natur und Kultur, von Weiblichkeit und Männlichkeit, von Körper und Geist. Chadwick arbeitet mit einer Erotik des Lebendigen gegen die Ausschließlichkeit des Binären und untersucht den Begriff des Körpers im Spiegel ihrer Materialien.
Die Ausstellung folgt in über 70 Arbeiten ihrer künstlerischen Entwicklung: von In the Kitchen (1977) über Ego Geometria Sum (1982) bis zu Carcass (1986), Piss Flowers (1991–92) und den Wreaths of Pleasure (1992–93). Präsentiert wird ihre Auseinandersetzung mit Zuschreibungen des (weiblichen) Körpers und dessen mit der physischen Natur verbundenen Realität.
Chadwick knüpft mit der Metapher von Blume und Blühen an Vorstellungen von Sexualität, Geschlecht und „Schönheit“ an. Ihre Arbeiten mit vergänglichen Materialien zeigen Verbundenheit und klammern den Tod als Teil eines von Metamorphosen geprägten Lebens nicht aus.
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Die Ausstellung im Space01 widmet sich der wegweisenden britischen Künstlerin Helen Chadwick, Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek © Bildrecht Wien, 2026
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Liesl Raff: kluge Ergänzung, freundliche Hommage und Support
Die Schau in Graz wird ergänzt von Liesl Raff. Ihre immersiven Installationen schaffen Raum für haptische Erfahrungen, geprägt von der Suche nach physischer Verortung und Schutz. Damit bietet sie eine ideale Dialogpartnerin für die Retrospektive von Helen Chadwick im Kunsthaus Graz. Beide Positionen eint die Faszination für lebendiges Material, das erfahrbare Stimmungen und Räume schafft.
Raffs Interventionen Dens (2024–25), Chrushes (2024–26) und Hangers (2026) spannen den Raum auf. Zusammen mit Sheet (Helen) (2026), einer mit einem neuen Verfahren bedruckten Latexbahn, die das Gedicht Piss Posy von Helen Chadwick zitiert, sowie Platform (Helen) (2025) öffnen sich minimalistische Räume der Erfahrung. Raffs Arbeit wird zur klugen Ergänzung und freundlichen Hommage sowie zum physisch erfahrbaren Support. Die Werke werden mit Pigmenten versetzt, gegossen und mit Seilen oder Rahmen versehen. Sie sind abstraktes Bild und plastische Struktur zugleich und werden zu einem körperlichen Gegenüber. Gravitation, Druck und Aggregatzustände werden sichtbar. Latex verbindet fest, flüssig und weich und bleibt als fotosensitives Material in Veränderung – Teil seiner Lebendigkeit.
Durch Raffs Arbeiten entsteht ein Dialog zwischen zwei bildhauerischen Positionen, in dem fließende Aggregatzustände sowie Anziehung und Abstoßung verhandelt werden. Raffs Formen reagieren auf Chadwicks Denkraum des Hybriden und eröffnen neue Lesarten von Material, Körper und Sprache. Der Dialog folgt dem Begriff des Hybriden eröffnet einen „dritten Raum“, der dem Prozesshaften gewidmet ist. In der Mitte der Ausstellung skizzieren Raffs Arbeiten ein Podium, das auf weichen Latexschichten Chadwicks Seidenmaske trägt. Hier finden Live-Events und Performances statt, die fluide Hybridisierungen weiterführen.
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In der Ausstellung "Hybrid Pleasures" treten die Arbeiten von Helen Chadwick in Dialog mit Latex-Arbeiten der in Wien lebenden Bildhauerin Liesl Raff, Foto: Kunsthaus Graz/J.J. Kucek © Bildrecht Wien, 2026
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30 % Löwenzahn Laufzeit: 21.03.–08.11.2026 Kuratiert von Katrin Bucher Trantow und Andreja Hribernik
Mit Werken von u. a. Iris Andraschek, Suzanne Anker, Karl Blossfeldt, Andrea Bowers, Viltė Bražiūnaitė & Tomas Sinkevičius, Claude Cahun, Regula Dettwiler, Spencer Finch, Barbara Frischmuth, Anita Fuchs, Yevhen Holubentsev, Sanja Iveković, Anna Jermolaewa, Markus Jeschaunig, Claudia Larcher, Jonas Mekas, Joiri Minaya, Ryts Monet, Alois Neuhold, Agnieszka Polska, Anna Ridler, Ugo Rondinone, Martha Rosler, Sonya Schönberger, Nina Schuiki, Elfie Semotan, Petr Štembera, Alexander Stern, Thomas Stimm, Michael Stusser, Neja Tomšič, Dirck van Rijswijk, Anna Zemánková.
Hybrid Pleasures. Helen Chadwick Supported by Liesl Raff Laufzeit: 21.03.–20.09.2026 Kuratiert von Laura Smith und Katrin Bucher Trantow
In Zusammenarbeit mit der Hepworth Wakefield Foundation (GB) und dem Museum Novecento in Florenz (I)
Helen Chadwick: Life Pleasures (engl.) ist im Buchhandel und im Kunsthaus-Shop erhältlich und umfasst neben Beiträgen von Katrin Bucher Trantow und Laura Smith auch Texte von David Notarius, Marina Warner u. a. – herausgegeben von Laura Smith bei Thames & Hudson, 2025
ERÖFFNUNG 20.03.2026, 18 Uhr Eintritt frei! Mit einer musikalischen Intervention der Earth Band Kunsthaus Graz, Lendkai 1, 8020 Graz www.kunsthausgraz.at
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Werk- und Ausstellungsansichten zum Download zu beiden Ausstellungen finden Sie hier: BLOOM-Auftakt im Kunsthaus Graz
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Wir freuen uns auf Ihre Berichterstattung und stehen für Rückfragen gerne zur Verfügung!
Mit herzlichen Grüßen
Daniela Teuschler +43/664/8017-9214, daniela.teuschler@museum-joanneum.at
Stephanie Liebmann +43/664/8017-9213, stephanie.liebmann@museum-joanneum.at
Eva Sappl +43/699/1780-9002, eva.sappl@museum-joanneum.at
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