Universalmuseum Joanneum GmbH

Kunstvoll gearbeitete Stücke in der Sammlung des Grazer Joanneums

 

Der Nachlass von Gottlieb Marktanner-Turneretscher (1858–1920) umfasst rund 4.500 wissenschaftliche mikroskopische Präparate von Kieselalgen und wird derzeit von einer Wissenschafterin der Abteilung Naturkunde des Universalmuseums Joanneum aufgearbeitet. Bei diesen Arbeiten an der Sammlung wurden nun unter Tausenden wissenschaftlichen Präparaten 38 kunstvoll gestaltete Salonpräparate entdeckt – aufwendig gearbeitete Stücke wie diese wurden Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen von Salontreffen der großbürgerlichen Gesellschaft als exotische und wertvolle Raritäten vorgestellt. Auch heute erzielen besonders schöne Präparate Liebhaberpreise von bis zu 24.000 €.


arrangierte Schmetterlingsschuppen und Kieselalgen in Form einer Vase mit Blumen und fliegenden Insekten, Hersteller Eduard Thum, Leipzig (1847-1926)

Der Nachlass

Im Nachlass von Gottlieb Marktanner-Turneretscher, Leiter der vereinigten zoologischen, botanischen und phytopaläontologischen Abteilung des Joanneums von 1898–1920, ist eine Sammlung von Kieselalgen enthalten, die rund 4.500 wissenschaftliche mikroskopische Präparate umfasst. Bei Arbeiten an der Sammlung wurden erst kürzlich unter diesen Tausenden wissenschaftlichen Präparaten 38 kunstvoll gestaltete Salonpräparate entdeckt. 15 dieser Präparate stammen aus den im ausgehenden 19. Jahrhundert berühmten Werkstätten für mikroskopische Präparate von Eduard Thum (1847–1926), Leipzig, Johann Dietrich Möller (1844–1907), Wedel/Holstein, und Jean Claudius Tempère (1847–1926), Paris. 23 Salonpräparate wurden von Gottlieb Marktanner-Turneretscher selbst hergestellt. Eine Anleitung dafür erhielt er von Eduard Thum, wie eine in der Abteilung verwahrte Postkarte von Thum an Marktanner-Turneretscher beweist.


arrangierte Schmetterlingsschuppen und Kieselalgen in Form einer Vase mit Blumen und fliegenden Insekten, Hersteller Eduard Thum, Leipzig (1847-1926)

Salonpräparate als wissenschaftliche Kunstwerke

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde es in großbürgerlichen Kreisen modern, regelmäßige Treffen „interessanter Zeitgenossen“ – Künstler, Philosophen, Wissenschaftler – zu organisieren. Das Arrangieren dieser „Salons“ oblag der Dame des Hauses. Es wurde aber nicht nur diskutiert, es wurden auch exotische Raritäten im weitesten Sinne vorgestellt. Darunter befanden sich sogenannte „Salonpräparate“ – kunstvoll arrangierte Legeplatten, die entweder formschöne geometrische Muster oder figurale Darstellungen wie etwa Blumensträuße, Blumenkörbchen oder Vögel zeigten. Diese bestanden aus Kieselalgen, Flügelschuppen von Schmetterlingen und kleinen Hartteilen mariner Tiere. Die Motive knüpften thematisch und ästhetisch an die Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts an. Arrangiert wurden die Kunstwerke am Deckglas mithilfe eines geschliffenen Pferdehaars, der sogenannten „Legeborste“. Als Kleber wurde wahrscheinlich aufgelöste Hausenblase oder auch Schellack verwendet. Der Durchmesser dieser Kunstwerke lag bei 1–2 mm, sie wurden durch spezielle schwach vergrößernde Mikroskope betrachtet, wobei die einzelnen Elemente dann in prachtvollen Interferenzfarben erschienen. Der Preis dieser Präparate war erheblich: Er lag um 1880 zwischen 400 und 800 Mark (zum Vergleich: 1913 lag der Preis eines Einfamilienhauses nebst Grundstück bei 6000 Mark). Heute werden besonders schöne Präparate mit Preisen von bis zu 24.000 € gehandelt.

 

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Salonpräparate in der Sammlung des Naturkundemuseums

Bildmaterial finden Sie unter: Naturkundemuseum

 

Naturkundemuseum, Joanneumsviertel, 8010 Graz
www.naturkunde.at

 

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Anna Fras
+43/664/8017-9211, anna.fras@museum-joanneum.at
Julia Aichholzer
+43/664/8017-9213, julia.aichholzer@museum-joanneum.at