Universalmuseum Joanneum GmbH

Experimente mit Materialien, Verfahren und Techniken

 

Den Gemeinsamkeiten und Verbindungen der vermeintlich so unterschiedlichen Kategorien „Kunst“ und „Handwerk“ geht die neue Ausstellung im Kunsthaus Graz nach. Unter dem Titel KUNST ⇆ HANDWERK. Zwischen Tradition, Diskurs und Technologien spiegelt sie das Interesse zeitgenössischer Künstler/innen an (kunst-)handwerklichen Verfahren und am Experimentieren mit Materialien und Techniken wider. Bis 16. Februar 2020 sind die Werke von Azra Akšamija, Olivier Guesselé-Garai, Plamen Dejanoff, Olaf Holzapfel, Antje Majewski, Jorge Pardo, Slavs and Tatars, Haegue Yang und Johannes Schweiger zu sehen.


Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

„Der Ausgangspunkt für diese Ausstellung war meine Beobachtung, dass Handwerk in den letzten Jahren wieder ,inʻ geworden ist. Vom Bauhaus oder auch der Wiener Werkstätte wurde versucht, die Kunst mit dem Handwerk zu verbinden. Doch in der Kunstgeschichte haben sich historisch Kategorien und Hierarchien entwickelt, die nur schwer zu durchbrechen sind. Die Ausstellung ist ein Versuch, diese Gegensatzpaare zu öffnen bzw. zu verbinden“, so Kuratorin Barbara Steiner bei der Eröffnung am 14. November.

 

Zwischen Kunst, Handwerk und neuen Technologien

Die Ausstellung beginnt mit einer alten Grenzziehung, nämlich zwischen Kunst und Handwerk, um diese dann Schritt für Schritt aufzulösen, Verbindungen zwischen moderner/zeitgenössischer Kunst, Handwerk und neuen Technologien, zwischen europäischer und nichteuropäischer Kunst herauszuarbeiten und zwischen klassischen Gegensätzen zu vermitteln. Ausgehend von einem großen Interesse an Materialien, Materialitäten und handwerklichen Techniken widmen sich die Künstler/innen auch Definitionen, Einstellungen, Hierarchien, Ideologien, Konstruktionen, Klassifizierungen und Vorurteilen, die sich an den Blick auf, den Umgang mit und die Rezeption von Materialien und Verarbeitungsformen heften.


Werke von Slavs and Tatars, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Warum bezeichnen wir eine hölzerne Schnitztür heute vorschnell als altmodisch? Plamen Dejanoff rückt diese in einen deutlich zeitgenössischen Zusammenhang. Angesichts des Materials Filz denkt man vielleicht an Joseph Beuys, auch wenn einem gleichzeitig Assoziationen an Weihnachts- und Mittelaltermärkte in den Sinn kommen mögen. Johannes Schweiger widmet sich in seinen Arbeiten gegensätzlichen Aufladungen von Filz und anderen Stoffen. Schaffen Künstlerinnen bedeutende Werke? Heute wird dies selbstverständlich bejaht. Früher sah man Frauen im Bereich des Kunsthandwerks bzw. Kunstgewerbes besser aufgehoben. Dies folgte der Vorstellung einer autonom konzipierten Kunst als Ausdruck (höherwertiger) geistiger Prozesse und einer angewandten Kunst als deren (minderwertigere) Übersetzung. Wie bewerten wir heute die Arbeiten – etwa kamerunscher Kunsthandwerker/innen? Sind die von ihnen hergestellten Schamschürzen, inzwischen begehrte Sammlerstücke, auf Augenhöhe mit abstrakter, westlich-europäischer Kunst zu sehen? Olivier Guesselé-Garai und Antje Majewski formulieren in ihren Arbeiten Kritik an einer Kunstgeschichtsschreibung, die „viele Künstler/innen vergisst, visuelle Kunst kategorisiert und territorial subsumiert, so wie man sie haben wollte – auch in Bezug auf Außereuropa.“ Ihr Beitrag wendet sich gegen trennende Kategorisierungen im Verhältnis der Kulturen zueinander. Das trifft auch auf Slavs and Tatars´, Haegue Yangs und Azra Akšamijas Arbeiten zu.


Werke von Azra Akšamija, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Wenn also die Künstler/innen in und mit ihren Arbeiten für Zwischenräume, Übergangszonen, opake Räume plädieren und sich gegenüber Kategorisierungen, Binärismen und Oppositionen skeptisch zeigen, dann machen sie damit auch einen Raum auf, in dem praktische Annäherungen stattfinden können. So haben Friedrich Teppernegg, ein steirischer Seiler, Fatou Kamdem, afrikanische Friseurin in Graz, und der Künstler Olivier Guesselé-Garai für die Arbeit La Mur murmura zusammengearbeitet. Doch in der Ausstellung stehen Auffassungen von Handwerk, die mit Handarbeit verbunden sind, auch zur Disposition: Jorge Pardo arbeitet selbstverständlich mit neuen Technologien wie CNC-Fräsen, -Stanzen und Laser. Pardo wie auch Olaf Holzapfel und Azra Akšamija setzen sich selbstverständlich über eine weitere klassische Trennung hinweg: jene zwischen Handarbeit und Technologie. Das Interesse der Künstler/innen am Dazwischen, an Übergangszonen, bedeutet jedoch nicht notwendigerweise Ungenauigkeit oder gar Beliebigkeit, es zwingt sogar zu einer noch größeren Präzision im Umgang damit und auch zu einer „Haltung“, wie es Holzapfel formuliert.

 

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KUNST HANDWERK. Zwischen Tradition, Diskurs und Technologien
15.11.2019–16.02.2020
Kunsthaus Graz, Lendkai 1, 8020 Graz
www.kunsthausgraz.at


Ausführliche Presseinformationen sowie Bildmaterial finden Sie online unter: KUNST ⇆ HANDWERK

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