Universalmuseum Joanneum GmbH

Von Sklavenjägern und Viehhaltern – Naturkundemuseum zeigt die Vielfalt der faszinierenden Insekten

 

Mit ihrer enormen Biomasse nehmen Ameisen eine zentrale Stellung in vielen mitteleuropäischen Lebensräumen ein. Sie sind wichtige Räuber, Verbreiter von Pflanzensamen sowie Kooperationspartner und Wirte anderer Tierarten. Ihre faszinierende Vielfalt – allein in der Steiermark leben 100 verschiedene Arten – kann in der neuen Sonderausstellung im Grazer Naturkundemuseum anhand eines lebenden Ameisenvolkes, verschiedener Modelle, Präparate und Fotografien erkundet werden.


v. l. n. r.: Wolfgang Muchitsch (wiss. Direktor, UMJ), Natalia Frühmann (Gestaltung), Ursula Stockinger, Niki C. Knopp, Wolfgang Paill, Herbert C. Wagner (kuratorisches Team), Alexia Getzinger (kaufm. Direktorin, UMJ), Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ameisen sind nicht nur in Bezug auf Größe, Färbung und Körperbau unterschiedlich, auch das Verhalten ist ausgesprochen differenziert – vom Krieg gegen andere Ameisen über das Halten von Blattläusen bis hin zur Sklavenjagd. Die Bearbeitung der hauseigenen Ameisensammlung dient als Basis für die Ausstellung, alle in der Steiermark nachgewiesenen Arten werden bildlich vorgestellt. Darüber hinaus werden die bevorzugten Lebensräume, besonderen Lebensweisen sowie räumlichen Verbreitungsschwerpunkte thematisiert und Systematik, Ökologie und Verhalten heimischer Ameisen beschrieben. Kuratiert wurde die Ausstellung Von Sklavenjägern und Viehhaltern. Die Ameisen in der Steiermark von Herbert C. Wagner, Michael C. Niki Knopp, Wolfgang Paill und Ursula Stockinger, für die Gestaltung zeichnet KONTRASTVOLL – Natalia Frühmann und Andy G. Lohner verantwortlich.

 

„Die Ameisensammlung des Naturkundemuseums ist sehr umfangreich und wissenschaftlich von großer Bedeutung. Insbesondere deshalb, da sie viele Daten aus dem 1960er- und 70er-Jahren enthält und damit als Referenz für die damaligen Umweltzustände herangezogen werden kann, vor allem vor dem Hintergrund der heutigen Biodiversitätskrise“, erklärt der Leiter des Museums Wolfgang Paill. 100 Ameisenarten kommen in der Steiermark vor, anhand eines vereinfachten Bestimmungsschlüssels können sich die Besucher/innen selbst als Ameisenforscher/innen versuchen. Tatsächlich gibt es österreichweit nur wenige Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet, wie zum Beispiel den Steirer Herbert C. Wagner, einer der Kuratoren der Ausstellung: „Ameisen sind unglaublich faszinierende Lebewesen – schon Charles Darwin hat sich im Zuge der Evolutionstheorie mit ihnen beschäftigt, da die meisten Ameisen (in Form der Arbeiterinnen) sich selbst nicht fortpflanzen. Darwin hat dies dann mit der sogenannten Verwandtenselektion begründet – das scheinbar selbstlose Verhalten dient nämlich dem Erhalt des verwandten Genmaterials der Königinnen.“


Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Koloniegründung

Die Gründung eines Staates beginnt mit dem Hochzeitsflug von männlichen und weiblichen Geschlechtstieren, hier bekommt die künftige Königin den Spermienvorrat für ihr gesamtes Leben – also bis zu 20 oder mehr Jahren. „Der nachgewiesene Weltrekord liegt bei 29 Jahren“, weiß Wagner. Nach der Paarung stirbt das Männchen, das Weibchen streift die Flügel ab und sucht einen geeigneten Platz für das Nest. Nun legt es Eier und ernährt die ersten daraus schlüpfenden Larven aus den eigenen Körperreserven. Sobald die Arbeiterinnen das Nest verlassen und nach Futter suchen können, beschränkt sich die Königin auf das Legen der Eier.

 

Die Art der Koloniegründung kann allerdings auch anders ablaufen, so sind zum Beispiel viele Waldameisen zu Beginn auf andere Ameisenarten, sogenannte Wirtsameisen angewiesen. Die Königin dringt in eine fremde Kolonie ein, tötet dort deren Königin und beginnt mit dem Eierlegen. Die nun königinnenlosen Arbeiterinnen kümmern sich um die neue Königin und deren Brut und sterben nach einiger Zeit mangels Nachkommen aus. So verwandelt sich das Nest der Wirtsameisenart mit der Zeit in ein Nest einer Waldameisenart.


Amazonenameise (Polyergus rufescens) im Kampf mit Rasenameise (Tetramorium sp.), Foto: G. Kunz

Sklavenjäger

Spektakulär anzusehen sind auch die Raubzüge der Amazonenameisen, die in der Süd- und Oststeiermark vereinzelt vorkommen. Amazonenameisen besitzen zu säbelförmigen Kampfwerkzeugen umfunktionierte Oberkiefer. Sie sind damit und durch ihr Verhalten bestens an die Sklavenjagd angepasst. Da sie nicht selbst Beute jagen, Blattläuse betreuen, Nester bauen oder Brutpflege betreiben können, sind sie auf die Arbeitsleistung ihrer „Sklaven“, d. h. Arbeiterinnen anderer Ameisenarten angewiesen. Sie rauben aus den Nestern anderer Ameisenarten deren Puppen und Larven. Die daraus schlüpfenden Arbeiterinnen übernehmen die Arbeiten im Nest der Amazonenameisen, als ob es ihr eigenes Nest wäre. Einen solchen Raubzug können Besucher/innen durch einen Film in der Ausstellung miterleben.

 

Viehhaltung

Ursprünglich sind Ameisen räuberische Tiere. Ameisen jagen andere Insekten und Spinnentiere, sie fressen auch an Aas. Diese Proteinnahrung wird vor allem für das Wachstum der Brut benötigt. Die quantitativ bedeutsamste Nahrung der meisten Ameisen der Steiermark sind jedoch die Ausscheidungen der Blatt-, Rinden- und Wurzelläuse, der „Honigtau“. Dieser ist eine wichtige Kohlehydratquelle und die Ameisen betreiben sozusagen „Viehhaltung“, indem sie die Läuse regelmäßig aufsuchen und vor Feinden schützen. Daneben ernähren sich Ameisen auch von pflanzlichen Produkten wie Nektar, Samen(teilen), Baumsäften oder Pollen. Durch das Transportieren von Samen tragen sie auch zur Verbreitung bestimmter Pflanzen bei.

 

Gefährdung und Schutz

Von den 100 in der Steiermark vorkommenden Ameisenarten sind nur sechs, nämlich die hügelbauenden Waldameisen, geschützt. In der Artenschutzverordnung ist geregelt, dass die Hügel nicht beeinträchtigt werden dürfen bzw. im Fall einer Lebensraumzerstörung versetzt werden müssen. Wichtiger als der Schutz einzelner Bauten ist aber der Erhalt der Lebensräume. So gilt die Moorameise wegen Entwässerungsmaßnahmen und langfristig durch die Klimaerwärmung als die gefährdetste heimische Ameisenart, gesetzlich ist sie jedoch nicht geschützt.

 

Für den Schutz von Ameisen – und auch vieler anderer Organismen – ist naturnahe bzw. extensive menschliche Bewirtschaftung sehr wichtig. Wälder sollten aus unterschiedlich alten Bäumen aufgebaut sein und hohe Anteile an Totholz aufweisen. Wiesen sind für den Naturschutz wertvoller, wenn sie weniger gedüngt werden. Auf beweideten Flächen ist es von Vorteil, wenn die Zahl an Kühen oder Schafen reduziert wird. Auch im eigenen Garten kann man Naturschutz betreiben: Wiesen abschnittsweise seltener mähen, alte Obstbäume erhalten, abgestorbene Stämme stehen oder liegen lassen und kleinräumige Strukturen schaffen, z. B. Steinhäufen anlegen.

 

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Von Sklavenjägern und Viehhaltern. Die Ameisen in der Steiermark

Naturkundemuseum, Joanneumsviertel, 8010 Graz

Open House: 19.09.2020, 10–17 Uhr, Eintritt frei

Laufzeit: 18.09.2020–11.07.2021

www.naturkunde.at

 

Den ausführlichen Pressetext sowie Bildmaterial finden Sie unter:

Von Sklavenjägern und Viehhaltern. Die Ameisen der Steiermark

 

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Mit herzlichen Grüßen

Anna Fras
+43/664/8017-9211, anna.fras@museum-joanneum.at

Julia Aichholzer
+43/664/8017-9213, julia.aichholzer@museum-joanneum.at

Alexandra Reischl
+43/699/1780-9002, alexandra.reischl@museum-joanneum.at