Universalmuseum Joanneum GmbH

Korrektur der steirischen Kunstgeschichtsschreibung in der Neuen Galerie Graz

 

Die größte Gruppe unbekannter Künstler/innen sind Frauen. Aus sozialhistorischen Gründen hatten sie in einem männlich geprägten Kunstsystem kaum Chancen, zu bestehen und sich selbst als Marke aufzubauen. Die Neue Galerie Graz wirft nun in ihrer neuen Ausstellung Ladies First! Künstlerinnen in und aus der Steiermark 1850 bis 1950 ab 25. September einen Blick auf die Protagonistinnen des Kunstschaffens und schließt damit eine Lücke in der kunstgeschichtlichen Forschung. Im Mittelpunkt stehen die Werke und Biografien von über 60 Künstlerinnen in und aus der Steiermark. Besucher/innen haben am Samstag, 26. September, die Gelegenheit, die Ausstellung im Rahmen eines Open House bei freiem Eintritt zu besuchen und dabei mit dem kuratorischen Team ins Gespräch zu kommen.


v. l. n. r.: Wolfgang Muchitsch (wiss. Direktor UMJ), Peter Peer (Leiter Neue Galerie Graz), Gudrun Danzer (Kuratorin), Günther Holler-Schuster (Kurator) und Alexia Getzinger (kaufm. Direktorin UMJ), Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

„Bereits Balzac stellte fest: ‚Die verheiratete Frau ist eine Sklavin, die man verstehen muss auf einen Thron zu setzen‘, und machte somit das durch männliche Galanterie kaschierte tatsächliche Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen deutlich. Diese soziale Stellung der Frau sorgte über lange Zeit dafür, dass Künstlerinnen sich nicht im gleichen Ausmaß wie Männer ihrer Kunst widmen konnten und dadurch auch weniger sichtbar waren – sie wurden an Akademien nicht aufgenommen, ihnen wurden eigenständige geistige Leistungen weniger zugetraut und ihre Werke wurden kaum ausgestellt. In Vorbereitung der Ausstellung haben wir mit intensiver Recherchearbeit Grundlagenforschung betrieben, um erstmals einen Überblick über die Künstlerinnen der Steiermark zu jener Zeit bieten zu können. Es war ein Finden von Unbekannten“, erläutert Kuratorin Gudrun Danzer die Entwicklung der Ausstellung.

 

Bestandsaufnahme und Korrektur der Kunstgeschichte

Es war die Generation der um 1850 Geborenen, für die es erstmals denkmöglich war, ihren Lebensunterhalt aus eigener künstlerischer Tätigkeit zu bestreiten. Für die folgenden Künstlerinnengenerationen wurden die emanzipatorischen Tendenzen bereits spürbar – so weit, bis sich nach 1950 die Bedingungen für Künstlerinnen fundamental gewandelt hatten. Für Graz, die zweitgrößte Stadt Österreichs, und für die Steiermark gab es bislang keinen historischen Überblick über die bildenden Künstlerinnen der Region. Auch hier wurde das Schaffen der Frauen zu einem großen Teil unterdrückt, vergessen, an den Rand gedrängt. Dieser großen Verdrängung will die Ausstellung entgegenwirken und die lokale Kunstgeschichtsschreibung korrigieren. In einer groß angelegten Bestandsaufnahme rückt sie das Werk und die Biografien von rund 60 Künstlerinnen ins Blickfeld und bringt sie ins Gedächtnis zurück. „Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die halbe Ausstellung eine Entdeckung darstellt“, ist Kurator Günther Holler-Schuster überzeugt. „Wir mussten eine Fülle an Material bändigen – auch wenn leider viele Werke aus heutiger Sicht nicht mehr recherchierbar sind.“


Foto: Universalmuseum Joanneum/J.J. Kucek

Ein Rundgang durch 100 Jahre weiblicher Kunst

Der Rundgang durch diese 100 Jahre Kunst von Frauen folgt im Wesentlichen der Chronologie. Die Werkauswahl richtet sich nach thematischen Kriterien, um die inhaltlichen Interessen und die bevorzugten Motivkreise zu verdeutlichen. Es zeigt sich nämlich, dass viele der Künstlerinnen zunächst Themen bevorzugten, die traditionell dem Weiblichen zugeschrieben waren: Blumen, Stillleben, Gärten, die häusliche Sphäre mit den in ihr lebenden Frauen, Porträts, manchmal Selbstporträts, Frauenakte und auch – oft intime – Landschaften. Die Bemühungen und Kämpfe, überhaupt als Künstlerin tätig sein zu können, ließen die Behandlung kontroversieller Themen und das Aufzeigen der gesellschaftlichen Benachteiligung in dieser ersten Phase nicht zu. Erst ab einem Zeitpunkt, da das weibliche Künstlertum einigermaßen akzeptiert war – in Österreich war das ab 1918 mit der Gründung der Ersten Republik und der Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts der Fall – griffen Künstlerinnen solche Themen vereinzelt auf. In der Steiermark war die Expressionistin Alwine Hotter diesbezüglich eine Vorreiterin. Später befasste sich beispielsweise Ida Maly, die dem „Euthanasieprogramm“ des Nationalsozialismus so tragisch zum Opfer fiel, mit solchen Inhalten. Formal entfalteten die Künstlerinnen ihr Werk vorwiegend auf der Basis des in ihrer Ausbildung Erlernten und innerhalb des vorherrschenden Zeitstils – wie das auch männliche Künstler tun. So ist Marie Egner, die vermutlich prominenteste Künstlerin der Ausstellung, eine der wesentlichen Vertreterinnen des österreichischen Stimmungsimpressionismus.

 

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Grazer Leykam-Verlag erschienen. Das Standardwerk (400 Seiten, 550 Abbildungen) bietet wissenschaftliche Aufsätze zum Thema und stellt Biografien wie Werke der Künstlerinnen dar. Er ist um 30 € im Shop des Joanneumsviertels, im Onlineshop der Neuen Galerie Graz sowie im Buchhandel erhältlich.

 

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Ladies First! Künstlerinnen in und aus der Steiermark 1850 bis 1950

Neue Galerie Graz, Joanneumsviertel, 8010 Graz

Open House: 26. September 2020, 10–17 Uhr, freier Eintritt

Laufzeit: 25.09.2020–21.02.2021

www.neuegaleriegraz.at

 

Den ausführlichen Pressetext sowie Bildmaterial finden Sie unter: Ladies First!

 

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Mit herzlichen Grüßen

Anna Fras
+43/664/8017-9211, anna.fras@museum-joanneum.at

Julia Aichholzer
+43/664/8017-9213, julia.aichholzer@museum-joanneum.at

Alexandra Reischl
+43/699/1780-9002, alexandra.reischl@museum-joanneum.at