Universalmuseum Joanneum GmbH

Die Ausstellung „Dominik STEIGER. Tagtraumarbeiter“ lässt eintauchen in den Miniatur-Kosmos des zu früh verstorbenen Multitalents

 

Dominik Steiger, der Literat, Dichter, Musiker, Performer, Zeichner, Maler, Collagist, Fotograf und Bricoleur, wäre im Oktober 2020 80 Jahre alt geworden. Das BRUSEUM widmet dem zu früh Verstorbenen, dem zu wenig Beachteten, dem zu gern Übersehenen eine retrospektive Ausstellung und richtet den Fokus auf seine performativen und zeichnerischen Arbeiten. Eröffnet wird die Ausstellung im Rahmen eines Open House am 15. Oktober ab 17 Uhr bei freiem Eintritt.


Tusche und Aquarell auf Papier, 29,7 x 20,1 cm, Privatsammlung, Foto: UMJ/N. Lackner

Dominik Steiger (1940 - 2014) war eine schillernde Persönlichkeit im Umfeld der Wiener Gruppe, sein Werk ist jedoch nur spärlich dokumentiert. Die umfangreiche Schau verleiht Steiger und seinem Schaffen die gebührende Aufmerksamkeit. Im Umkreis der Wiener Gruppe hat er zur Literatur, im Dunstkreis der Wiener Aktionisten zur Kunst und im Einflusskreis von Joseph Beuys und Dieter Roth zum ergebnisoffenen Experiment gefunden. Das Spiel mit dem Dilettantismus, das Kokettieren mit dem Naiven, das Profanieren des Etablierten, das Experiment als Prinzip und der Entwurf als Programm – das zeichnet das Schaffen von Dominik Steiger aus. Die Ausstellung im BRUSEUM ist nicht nur aufgrund der Mehrfachbegabung Steigers folgerichtig, sondern es war auch Günter Brus, der in der Schastrommel 12 als Erster seine „biometrische Texte“ genannten Zeichenversuche veröffentlichte. Mit Brus schrieb und zeichnete er 1974 den ersten „Zwoman“ Jeden jeden Mittwoch und mit Brus teilte er nicht nur den Hang zum obsessiven Zeichnen, sondern auch die Leidenschaft für Sprachspiele und Wortneuschöpfungen. „Steiger war ein Meister des Kleinformats – die Ausstellung lässt uns eintauchen in das ,Kosmöschen‘ des Ausnahmekünstlers“, so Kurator Roman Grabner.


Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

Literarisch-Performatives

Dominik Steiger tritt Mitte der 1960er-Jahre im Umkreis der Wiener Gruppe mit experimentellen Sprach- und Literaturexperimenten erstmals in Erscheinung. Für sein literarisches Readymade mit dem Titel ZYKLUS ökonomischer LITERATUR (1965) verschickt er beispielsweise einen Erlagschein, der zur sammlungswürdigen Literatur wird, sobald die empfangende Person den Betrag von 25 Schilling überweist und die Zahlung mit einem Postbeleg bestätigt ist. Durch die Freundschaft mit den Protagonisten des Wiener Aktionismus nimmt er an happeningähnlichen Veranstaltungen wie dem actions concert für Al Hansen (1966) und dem ZOCK-Fest (1967) teil. Im August 1968 gründet er mit Kurt Kalb, Reinhard Priessnitz, Peter Weibel und anderen den Micky-Maus-Klub „Flakturm“. Ihre erste Aktion ist ein nächtlicher Protest gegen den Internationalen Philosophenkongress in Wien, bei dem die Philosophie in Kindersprache attackiert wird: „Jeder Filosof = doof“. Nachdem viele seiner Freunde Österreich aufgrund ihrer Kunst in Richtung Deutschland verlassen, trifft man sich im Berliner Exil, wo in gelöster Stimmung und intellektueller Geselligkeit Gemeinschaftszeichnungen entstehen. In einem wechselnden Hin und Her von Vorgaben, Beifügungen und Dazuäußerungen wird das Blatt Papier zu einer Spielwiese des kreativen Austauschs. Aus diesen „Dichter- und Zeichnerworkshops“ gehen die Konzerte „selten gehörter Musik“ hervor, zu deren Kombination von freier Improvisation, Geräuschmusik und professionellem Dilettantismus Steiger in Berlin und Kassel seinen Beitrag leistet.


Tusche und Aquarell auf Papier, 29,7 x 20,1 cm, Privatsammlung, Foto: UMJ/N. Lackner

Von den Knöchelchen der Schrift zur autonomen Zeichnung

Mit seinen „biometrischen Texten“ entfernt sich Steiger von der konventionellen Verbindung von Laut und Bedeutung. Die Buchstaben entwickeln sich zurück zu ursprünglichen Bildzeichen, um in der Folge als gegenstandslose abstrakte Zeichen im weißen Bildraum frei zu flottieren. Die frühesten Blätter aus dem Jahr 1972 zeigen als pikturale Graphismen in linearer Anordnung noch rudimentäre Anklänge an das Alphabet. Ab 1973 entwickelt er aus den ungegenständlichen Zeichnungen ein eigenes Zeichensystem abstrakter Ordnung. Steiger spricht von einer „Zergliederungsphase“ in seinen schriftlichen Arbeiten, im Zuge derer er mit seiner „Schreibarbeit an die Knöchelchen stieß“. Die Knöchelchen-Zeichnungen sind seine ersten Bilder und werden gemeinsam mit seinen biometrischen Texten von Günter Brus in seiner Zeitschrift Die Schastrommel 12 (1974) das erste Mal veröffentlicht. Mit dem Jahr 1974 wird die Vielfalt der Formen wieder figurativer und größer und es entsteht eine Werkgruppe, die er Letterlacks nennt. Gemeinsam mit Pari e Dispari und dem italienischen Editeur Francesco Conz entsteht seine Edition Idioeidetischer Letterfrack, die 11 Transferlösedrucke nach Knöchelchen-Zeichnungen enthält. „Er legt ein Libretto der Selbstanwendungen bei, die Bearbeitungen der idioeidetischen Kleingebilde durch den Künstler zeigen und der Frage nachgehen, wozu man Knöchelchen braucht und was man damit eigentlich machen kann. Zugleich bittet er seine Künstlerfreunde Christian Ludwig Attersee, Günter Brus, Hermann Nitsch, Dieter Roth, Gerhard Rühm und Oswald Wiener ausgehend von einem abgeriebenen Knöchelchen eine individuelle Anwendung vorzuschlagen. Eine künstlerische Gebrauchsanweisung für ein Kunstwerk zum Eigengebrauch“, erklärt Grabner.

 

Steiger erfand auch ein ganz eigenes Vokabular: Der dichtende Künstler und zeichnende Poet Steiger bezeichnet sich selbst als „Letterspeck“, was er schreibt oder zeichnet als „Letterlack“ und wenn er das Vollbrachte zerbröselt, so nennt er es „Letterschrot“. Mit dem „idioeideitschen Letterfrack“ gelangt die Entwicklung von Schrift zu Schriftzeichnung zu Bilderschrift zu Bild zu einem Abschluss. Steiger wird zum ingeniösen Zeichner, der sämtliche Register des Mediums wohlüberlegt und sensibel einzusetzen weiß.

 

Ausstellung auf drei Ebenen

Neben der analogen Ausstellung im BRUSEUM wurde unter www.tagtraumarbeiter.at eine Webseite erstellt, die sämtliche Audio- und Filmaufnahmen des Künstlers präsentiert und ab 16.10. abrufbar ist. Außerdem erscheint im Ritter Verlag ein 368 Seiten umfassendes Katalogbuch.

 

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Den ausführlichen Pressetext sowie Bildmaterial finden Sie unter: Dominik STEIGER. Tagtraumarbeiter

 

Dominik STEIGER. Tagtraumarbeiter

BRUSEUM, Neue Galerie Graz, Joanneumsviertel, 8010 Graz

Open House: 15.10.2020, 17–22 Uhr, Eintritt frei

Eröffnung: 15.10.2020, 19 Uhr, Lesliehof

Dauer: 16.10.2020–31.01.2021

Kuratiert von Roman Grabner

www.bruseum.at

 

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Mit herzlichen Grüßen

Anna Fras
+43/664/8017-9211, anna.fras@museum-joanneum.at

Julia Aichholzer
+43/664/8017-9213, julia.aichholzer@museum-joanneum.at

Alexandra Reischl
+43/699/1780-9002, alexandra.reischl@museum-joanneum.at